Das Medienecho zu Gottschalks Rücktritt

Der Rücktritt von Thomas Gottschalk als "Wetten, dass..?"-Moderator ist das beherrschende Thema der Medienanalysen zum Wochenstart. Während der 60-Jährige einerseits für seine Konsequenz gelobt wird, diskutieren andere Kommentatoren die Frage, ob der schwere Unfall eines Kandidaten nicht bloß Anlass für eine unausweichliche Entscheidung war und wie es mit der zuletzt kriselnden "Dino-Show" des Zweiten nun ohne den "Saurier" (taz) weitergehen soll. Die Stimmen zum Abschied.

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Thomas Gottschalk: "Die Entscheidung, aufzuhören war für mich völlig logisch." Am vergangenen Mittwoch habe er Samuel Koch in der Schweiz besucht, um ihn über seine Entscheidung zu informieren. Koch sei überrascht gewesen: "Der hat überhaupt keinen Grund für mich gesehen, aufzuhören. Er hat nun aber auch wirklich andere Sorgen." Über seinen Entscheidungsprozess: „Ich habe zunächst darauf gehofft, dass es Samuel schnell wieder besser geht. Aber irgendwann muss man sich der Realität stellen. Und ich war nicht mehr in einer Show sondern im wirklichen Leben angekommen. Ich konnte das Werkzeug, das dem Showmaster zur Verfügung steht, nicht mehr gebrauchen."
Frank Elstner, „Wetten, dass..?“-Erfinder und Moderator (1981 bis 1987): "Mir tut es wahnsinnig leid, dass Thomas Gottschalk aufhört. Ich hätte ihn gerne noch viele Jahre bei ‚Wetten, dass..?‘ gesehen. Ich bedauere es sehr, dass es Thomas so zu Herzen geht."
Spiegel Online: Gottschalk steckte in einer lose-lose-Situation: Sollte er nach den warmen Worten für den Ex-Kandidaten unbekümmert den Plan des Abends abarbeiten, mit Gästen parlieren und gute Laune verströmen, dann hätte man ihm das als Oberflächlichkeit auslegen können und als mangelnden Respekt für den Verunglückten. Hätte Gottschalk andererseits den ernsten Ton seiner obligatorischen Eröffnungsansprache in den Rest der Sendung mitgenommen, hätte er sich selbst verordnet, nicht mehr lustig sein zu dürfen, dann wäre "Wetten, dass..?" möglicherweise moralisch einwandfrei, aber nicht mehr schön anzusehen gewesen. Eine lustige Unterhaltungssendung durfte "Wetten, dass..?" diesmal nicht sein. Eine ernste Unterhaltungssendung jedoch ist ein Widerspruch in sich. Gottschalk blieb nur ein Ausweg: Er musste zurücktreten. (…) Doch dieser Rückzug hat den Schatten sogleich verscheucht. Das ist das Gottschalk-Paradoxon: Nur nach der Ankündigung, die Sendung nicht mehr moderieren zu wollen, konnte er sie wieder moderieren.
Über die Nachfolge in der ZDF-Show: „Bis zum Herbst will ZDF-Programmdirektor Thoma Bellut eine Entscheidung verkünden. Einen Wunschkandidaten für den Posten des Moderators hat Bellut: Thomas Gottschalk. "Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wer weiß, wie das Publikum reagiert", sagte Bellut unmittelbar nach der 193. Ausgabe von Europas größter Unterhaltungsshow in Halle. Aber danach sieht es offenbar nicht aus.“
F.A.Z.: Die übliche Pressekonferenz vor der Show war ausgefallen. Und das durfte man in Gottschalks Fall nicht als Koketterie und Spekulation auf eine möglichst hohe Einschaltquote verstehen. Der Unfall des Kandidaten Samuel Koch, der nach seinem Sturz immer noch weitgehend gelähmt ist und dessen Heilungschancen unabsehbar sind, lastet als Hypothek auf „Wetten, dass ..?“ und – auf Thomas Gottschalk, der ganz und gar kein abgezockter Medienzyniker ist, sondern jemand, der sein Tun hinterfragt. Mit den Boulevardmedien, mit den Kritikern und deren Kritiken hat er zu leben gelernt. Er ist es gewohnt, dass man ihm die stetig gesunkenen Quoten vorhält oder ihn als alternden Showmaster belächelt. Die Tage, in denen „Wetten, dass..?“ zwanzig Millionen Zuschauer hatte, sind nun einmal unweigerlich vorbei, die jüngeren Zuschauer gehen zu Pro Sieben und RTL. Vor zwei Jahren kam das ZDF deshalb auf die Idee, Gottschalk als jugendliche Beigabe die freundliche Blondine Michelle Hunziker an die Seite zu stellen. Sie ist nicht fehl am Platz, doch nicht wirklich eine Stütze, die Show steht und fällt mit ihren Wetten und mit der Tagesform von Thomas Gottschalk.
(…) Eine ganz neue Risikokultur hat der Sender für „Wetten, dass ..? nun angekündigt. „Klassik-Wetten“ sollen es nun sein, die Zeit der waghalsigen Akrobaten ist vorbei. Für die Show aber beginnen die Risiken mit dem Abgang Thomas Gottschalks erst. Denn er hat eine besondere Eigenschaft, die ihm so schnell niemand absprechen dürfte: So wie es einst „Volksschauspieler“ gab, so gibt es mit ihm einen „Volksmoderator“.
Stern.de: Thomas Gottschalk hat seinen Abschied von "Wetten, dass…?" erklärt. Es soll weitergehen. Neuen Namen sind schon im Gespräch. Doch wer ehrlich ist, weiß: es ist das Ende dieser einzigartigen Show. Es wäre ohnehin passiert. Denn das "alte" Fernsehen gibt es bald nicht mehr.
Focus Online: Die Show mit Gottschalks Abschiedsankündigung erzielte am Samstagabend die höchste „Wetten, dass..?“-Einschaltquote seit mehr als einem Jahr. 10,56 Millionen Menschen sahen im Schnitt zu – das war ein Marktanteil von 32,1 Prozent. Nicht zuletzt die Gerüchte über Gottschalks möglichen Abtritt, die sich nach der „Bild“-Schlagzeile im Laufe des Samstags noch verstärkt hatten, trieben die Leute wahrscheinlich dazu, ZDF zu gucken.
Die tageszeitung: „Dino-Show ohne Saurier.“
Frankfurter Rundschau: Thomas Gottschalk spürte einen Schatten auf sich lasten, „der es mir schwer machen würde, jemals wieder zu der guten Laune zurückzufinden, die Sie mit Recht von mir erwarten.“ Die Exit-Strategie eines Show-Titanen. Seit dem Unfall des Samuel K. liegt der Makel der Schicksalsanfälligkeit über Deutschlands erfolgreichstem Medienprodukt, der Einbruch des Unglücks in die so sorgsam abgeschirmte Heiterkeitsfabrikation. (…)Ein bisschen kann man sich die Zukunft von „Wetten, dass…?“ wohl auch mit Hilfe des Lindenberg-Modells vor Augen führen. Der näselnde Rockstar tritt seit geraumer Zeit nur noch als Abbild seiner eigenen Legende auf. Den Rest haben längst die Udo-Klone übernommen. Sie singen seine Lieder und erzählen die Geschichte vom Mädchen aus Ost-Berlin und dem Mauerfall. So oder anders darf man auch für Thomas Gottschalk annehmen, dass es ein Leben nach „Wetten, dass…?“ geben wird. Der tragische Unfall ist mehr Anlass als Grund für die Endlichkeit einer unendlichen Geschichte.
Der Tagesspiegel: Der Plan ist absurd: Das ZDF will „Wetten, dass..?“ nach Gottschalks Abschied fortsetzen. Nachfolger wie Jörg Pilawa werden genannt, deren Potenzial begrenzt ist. "Wetten, dass..?" geht nur mit Gottschalk, denn er ist größer als die Show selbst.
Bild.de: Gottschalk sang wegen einer verlorenen Wette in Mozarts „Zauberflöte“ im Chor der Komischen Oper Berlin, verbrachte eine Nacht in einer Zelle des Bremer Gefängnisses und besuchte im Weihnachtsmannkostüm ein Wiener Bordell. Er hätte auch im Bundestag geredet, wenn ihn dessen damaliger Präsident Wolfgang Thierse nicht gebremst hätte.

Berliner Kurier: Zu diesem Menschen gehört, dass ihn ein Unglück wie das Samuel Kochs zutiefst erschütterte und manches infrage stellte. Thomas Gottschalk hat das Recht und die Pflicht sich selbst gegenüber, daraus seine Konsequenzen zu ziehen. Eine Tragödie hat seine Karriere mit dem Leben Samuel Kochs verwoben. Was immer sich daraus ergibt, sollten wir respektieren.
Welt Online: Bei seiner Ankündigung, aus dieser Erfahrung Konsequenzen zu ziehen, hielt Gottschalk nur mühsam das Gleichgewicht zwischen sichtbar an ihm nagender Zerknirschung und jener zuversichtlichen Aufgeräumtheit, die das Prinzip „The Show must go on“ nun einmal von allen Beteiligten verlangt. Nachdem sich das ZDF selbst von jeder Schuld daran freigesprochen hatte, eine halsbrecherische Saalwette angenommen zu haben, die einem jungen Kandidaten vermutlich auf Lebenszeit die Gesundheit gekostet hat, bleibt auf den Schultern des Moderators, der der Kultsendung das Gesicht gibt, doch eine moralische Last – ein dauerhafter „Schatten“, der über „Wetten, dass…?“ liege, wie Gottschalk selbst es formulierte.
Rhein-Neckar-Zeitung: Der unbefangene Spaß ist vorbei. Und um nicht auf dem Tiefpunkt zu gehen, lässt der Unterhalter seine letzte Staffel dem Ende entgegenplätschern, mit deutlich angezogener Risikobremse. So stilsicher war Gottschalk nicht immer – nicht mit seinen Outfits, nicht mit seinen Sprüchen. Er ist an seiner Aufgabe gewachsen. Auch deshalb wird es ein Nachfolger schwer haben.
Neue Presse Hannover: Eine rationale Entscheidung, die Gottschalk da getroffen hat – und eine, die ihm viel Respekt einbringt. Denn mit seinem Abschied auf Raten unterstreicht er seine Ausnahmestellung im deutschen Fernsehen. Kein einfaches "Weiter so!", wie es Kritiker befürchteten – und im Showbusiness leider allzu üblich ist. Kein überhaster Rücktritt, der zu viele Fragen offen gelassen hätte. Am Ende war der Abschied allerdings alternativlos.
Stuttgarter Nachrichten: Nach 25 Jahren an der Spitze von "Wetten, dass.?" ist es kein freiwilliger Rückzug. Der folgenschwere Unfall von Samuel Koch in der Dezember-Show lässt den Entertainer nicht los, er kann und will nicht weitermachen wie bisher. Alle Lockerheit, die seine Fans schätzten, ist gewichen. Für ihn sei Schluss mit lustig, sagt Gottschalk. Dafür gebührt ihm Respekt. Dennoch beschleicht einen das Gefühl, dass der 60-Jährige die Gelegenheit für einen (gerade noch) ehrenvollen Abgang erkannt und genutzt hat. Denn die Zustimmung für das Flaggschiff des ZDF, war in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgesackt.
WAZ: Gottschalk wuchs vom Showmaster zum Amtsinhaber. Nun tritt er zurück. Es ist der richtige Zeitpunkt. Die Tragödie um den verunglückten Wettkandidaten hat Gottschalk die Entscheidung abgenommen. Er hat vermutlich schon eine Zeitlang über seinen Ausstieg nachgedacht. Der schleichende Bedeutungsverlust der größten Unterhaltungsshow Europas ist ihm nicht verborgen geblieben. Die Quoten wurden schlechter, auch die Kritiken. Was Gottschalk vor allem geschmerzt haben dürfte, waren die wachsenden Zugeständnisse an das Publikum, um im Konkurrenzkampf die Zuschauer des Krawallsenders RTL zurückzugewinnen. Die nicht zu entschuldigende Nervosität des ZDF und der Sendungsmacher führte vor allem zu unappetitlicheren Wetten. "Wetten dass..?" hätte sich ohne Thomas Gottschalk so lange nicht gehalten.

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