Al Jazeera steigert Traffic um 2500 Prozent

Der arabische Fernsehsender Al Jazeera hat in den vergangenen Tagen CNN beim Thema Ägypten als Informationsquelle Nummer eins abgelöst. Während man zu Zeiten des Irakkriegs noch CNN einschaltete, um informiert zu sein, bescherten nun Millionen von Zuschauern dem englischsprachigen Auftritt Al Jazeera im Web ein immenses Wachstum. Dieser Erfolg ist vor allem in der engen Verzahnung des Sendernetzwerks mit dem Social Web begründet: Twitter und Facebook lassen die Nutzerzahlen explodieren.

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Wer in den vergangenen Woche informiert sein wollte über das, was in Ägypten vor sich geht, der schaltete nicht mehr CNN ein, sondern wurde von AlJazeera Englisch rund um die Uhr informiert. Vor allem der Webauftritt konnte enorme Zugriffszahlen verbuchen, wie TechCrunch berichtet und sich dabei auf den Trackingdienst Chartbeat beruft, der die Klickzahlen für AJE auswertet. So waren zum Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak rund 200.000 User zeitgleich auf der Seite. Und dass, obwohl der Sender sowieso schon während der andauernden Unruhen seinen Traffic um 2500 Prozent steigerte. 60 Prozent dieses Wachstum waren Usern aus den USA geschuldet, wie Business Insider berichtet. Dieses Web-Wachstum spiegelt sich allerdings nicht in den Einschaltquoten wider. Denn im Gegensatz zu BBC Worldwide und CNN ist Al Jazeera nicht in allen wichtigen Kabelnetzwerken zu finden.  Trotzdem dürfte die Verteilung des Traffics viele westliche Medienmacher neidisch machen. Denn der Großteil der Zugriffe kam nicht über Google, sondern direkt von Twitter und Facebook. Auf die Meldung, dass Hosni Mubarak zurücktritt, griffen 71 Prozent der User via Twitter zu.

Geschätzt, beäugt, verhasst
Mit den Berichten über die andauernden Konflikte im Gaza-Streifen macht sich der arabische Nachrichtensender einen Namen. Denn AJ war der einzige Sender mit Korrespondenten vor Ort. Während des Afghanistankrieges hatte der Sender das Glück, als einziger weltweit ein Redaktionsbüro in Kabul zu betreiben. Doch spätestens seit den Unruhen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo und dem Rücktritt von Präsident Mubarak hat sich AJE als Nachrichtenquelle Nummer eins der arabischen Welt etabliert. Denn kein News-Portal, kein westlicher Sender kommt ohne Al Jazeera aus, die online teilweise rund um die Uhr das Geschehen auf dem Tahrir-Platz streamten.

Mit seiner Berichterstattung hat sich der Sender im eigenen Land keine Freunde gemacht. So wurde ihm vor einer Woche die Sendelizenz entzogen. Korrespondenten berichteten überdies, dass während der Straßenschlachten zwischen Protestlern und Mubarak-Anhängern mit dem Schlachtruf "al-Jazeera!" Jagd auf Journalisten gemacht wurde.

Berichte aus 65 Ländern
Bekannt wurde Al Jazeera mit dem wohl größten Scoop, den man nach dem 11. September 2001 landen konnte: der Ausstrahlung der Bin-Laden-Videos. Seitdem war die Meinung über das arabische Medienunternehmen zwiegespalten. Vor allem wegen seiner Irak-Berichterstattung galt Al Jazeera als klar anti-amerikanisch eingestellt. Während des Irak-Krieges wurde Al Jazeera von der US-Regierung beschuldigt, gegen die Genfer Konventionen verstoßen zu haben. Der Sender hatte Bildmaterial von gefangenen US-Soldaten gezeigt. Aus der arabischen Welt hieß es je nach kritisierender Partei, dass der Sender für Saddam Hussein Partei ergreife oder ein Produkt der CIA sei. Gleichzeitig gilt Al Jazeera in der arabischen Welt als wichtiges Korrektiv für sonst regimetreues Fernsehen, das zu Propagandazwecken eingesetzt wird.

Das ist wohl der größte Unterschied zu westlichen Sendernetzwerken. Denn während bei CNN und BBC Worldwide eine klare politische Ausrichtung zu erwarten ist, berichtet Al Jazeera aus 65 Ländern, die sich ideologisch und politisch teilweise sehr unterscheiden. Der englischsprachige Sender Al Jazeera English erreicht nach eigenen Angaben ungefähr 190 Millionen Menschen. Finanziell unabhängig ist Al Jazeera trotz 40 Millionen täglicher Zuschauer in der arabischen Welt trotzdem nicht. Denn immer noch meiden multinationale Unternehmen das politisch schwer einzuschätzende Medienunternehmen als Werbeplattform. Saudischen Firmen wurde es durch das saudi-arabische Königshaus verboten, Werbung bei Al Jazeera zu platzieren. Bislang wird es noch vom Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani finanziert.

Al Jazeera scheint sich aber nicht auf seiner Vorreiterrolle in der arabischen Welt auszuruhen. Nach Angaben seines Generaldirektors Wadah Khanfar war Al Jazeera das erste arabische Nachrichtenmedium, das eine Lateinamerika-Berichterstattung mit eigenen Korrespondenten vor Ort einrichtete. Zudem gab der Nachrichtensender nun bekannt, für 40,5 Millionen Dollar den bankrotten türkischen Kanal Cine 5 zu übernehmen. Medienexperten versprechen sich durch die internationale Konkurrenz eine Verbesserung der journalistischen Qualität im eigenen Land.

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