„Tatort“: Lürsen inkognito als Proll-Verwandte

Wenn Kommissare verdeckt ermitteln, ist der Grat zwischen grandioser und grauenhafter Darstellung sehr schmal. Inga Lürsen schlüpft in ihrem aktuellen Fall in die Rolle der Tante der neunjährigen Nadine, deren Eltern ermordet wurden. Das Mädchen wurde Zeuge der Tat und schwebt seitdem in größter Gefahr. Lürsen zieht alias Inga Rust mit Fluppe, Buddel und Knarre in die Wohnung des Bremer Plattenbaus ein. Doch der Wechsel von der strengen Polizistin zur fürsorglichen Patrona überzeugt nicht.

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Die aktuelle Episode des Bremer "Tatorts" legt ein schnelles Tempo vor. Eine Mädchenleiche wird gefunden. Schnitt. Die Spuren führen in den Containerhafen. Schnitt. Die Untersuchungen bestätigen schnell: Es handelt sich um eine Drogentote. Schnitt. Abgehakt, nächster Fall.
Der zieht Lürsen (Sabine Postel) und ihren Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) in eine Bremer Hochhaussiedlung und ihre Abgründe. Die Eheleute Frank und Yvonne Berthold werden in ihrer Wohnung tot aufgefunden, und ihre neunjährige Tochter Nadine (Sina Monpetain) wurde unfreiwillige Beobachterin der Tat. Das Mädchen ist schwer traumatisiert und spricht mit niemandem ein Wort. Lürsen gibt sich fortan im XXL-Shirt, mit Fluppe im Mund und Buddel in der Hand, als Tante von Nadine aus, um das Kind zu beschützen, aber auch dem Mörder auf die Spur zu kommen. Sie spürt schnell, dass auch die Arbeitskollegen des Opfers (Dagmar Manzel, Ulrich Mattes und Janek Rieke), die mit im Haus wohnen, sich merkwürdig verhalten. Vor allem Rebecka Gressmann (Anna Maria Mühe) versucht, Kontakt zu Nadine und Lürsen als vermeintliche Verwandte aufzunehmen. Und irgendwie gibt es dann doch noch eine Verbindung zum ersten Fall.
Der Bremer "Tatort" versucht anhand von Lürsens Wandlung von der rigiden Kommissarin zur prolligen Tante viel Witz in den Krimi zu spielen, den man sonst nur aus Münster oder München kennt. Was bei den anderen Ermittlerteams einfach ins Konzept passt, wirkt in der Hansestadt zu gezwungen und dadurch deplaziert. Auch der Schlagabtausch zwischen Stedefreund und Karlsen (Winfried Hammelmann), der durch den Wegfall von Lürsen verantwortlichere Aufgaben im Ermittlerteam erhält, bringt nur dröge Dialoge hervor, die dazu noch laienhaft gespielt sind. Letzteres wird vor allem deutlich durch das mehr als ordentliche Spiel der Gaststars, allen voran Anna Maria Mühe. Hervorragend ist auch Sina Monpetain, die in ihrer ersten Rolle vor der Kamera brilliert, ohne viel Text sprechen zu müssen.
Die Episode, für die Thorsten Näter das Buch schrieb und Regie führte, überzeugt zwar als Kammerspiel, aber nicht als Krimi. Die Story ist solide, ohne Schnörkel oder Irrwege. Näter verzichtet überwiegend auf Außenszenen, lautes Knallen und überladende Hektik, sondern setzt die Protagonisten mit einer lobenswerten Bildsprache vor allem durch ruhige Momente in Szene. Damit wird der "Tatort" aus Bremen seinem Titel voll und ganz gerecht, doch leider büßt er dadurch an Spannung und Thriller-Stimmung enorm ein.

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