Die schwindende Strahlkraft von Assange

"Wenn Sie einen Mediensturm anfechten, wundern Sie sich nicht, wenn sie sich verbrennen", so die Staatsanwältin Clare Montgomery beim Verfahren um die Auslieferung von Julian Assange nach Schweden. Die Ansteckungskraft und das monatelange Quasi-Monopol des WikiLeaks-Gründers auf die Titelseiten der Zeitungen in Großbritannien lässt deutlich nach. Nicht zuletzt, weil etliche amerikanische Medien-Crews aus England kurzfristig nach Ägypten abgezogen wurden.

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"Wenn Sie einen Mediensturm anfechten, wundern Sie sich nicht, wenn sie sich verbrennen", so die Staatsanwältin Clare Montgomery beim Verfahren um die Auslieferung von Julian Assange nach Schweden. Die Ansteckungskraft und das monatelange Quasi-Monopol des WikiLeaks-Gründers auf die Titelseiten der Zeitungen in Großbritannien lässt deutlich nach. Nicht zuletzt, weil etliche amerikanische Medien-Crews aus England kurzfristig nach Ägypten abgezogen wurden.

Gegen die ägyptische Revolution sah Assange noch blasser als sonst aus. Während die US-Medien seltenes News Judgement bewiesen und ihre Reporter und Kameraleute gen Kairo schickten, saß der Wikileaks-Mann erneut reglos auf der Anklagebank. Zum dritten Mal in dieser Woche musste Assange hinter der Glasscheibe im dritten Gerichtssaal des Amtsgerichts Woolwich (im Südosten Londons) Platz nehmen, während seine Anwälte versuchten, seine Auslieferung nach Schweden zu verhindern.

Eigentlich waren zwei Tage für diese Anhörung angesetzt worden, und der Richter machte seine Genervtheit über die Verlängerung um einen Tag aufgrund der langwierigen Argumente und Zeugenvernehmungen recht deutlich. Er war nicht der einzige mit Interessensschwund: Vor der Tür schrumpfte die Medienmeute von über 80 auf unter 50 Korrespondenten. Einige gingen, um an Zeitgeschichte in Ägypten teilzunehmen, andere weil sie nach zwei Tagen technischer Ausführungen über die Legalität des Auslieferungsantrags und die verschiedenen Definitionen von Vergewaltigung sich nicht auch noch die Abschlusserklärungen antun wollten.

Auch der Glamour-Faktor von Assange glimmt immer schwächer. War am Montag noch die Geldadelige und Hobby-Menschenrechtsaktivistin Jemima Khan in Woolwich angetreten (sie kam allerdings zu spät, nicht in den überfüllten Gerichtssaal und ging dann aus Verzweiflung in eine andere Anhörung), war heute nur noch Vaughan Smith zu sehen, der Journalist, auf dessen Landsitz sich Assange in den letzten Monaten unter "Hausarrest" aufhielt.

Und dabei gab es Anzeichen, dass es heute noch einmal hätte interessant werden können. Assange’s Anwalt Geoffrey Robertson eröffnete mit einem Antrag auf Verlängerung, weil sich der schwedische Premierminister Fredrik Reinfeldt am Dienstag eingemischt hatte. Die Keyboards im Presseraum klickerten fleißig:  zuerst, um den Namen von Reinfeldt zu googeln (oder hätten Sie’s gewusst?), dann um die Presseberichte zu finden (lediglich die Financial Times berichtete darüber am Dienstag), und dann als Robertson den Premier mit den Worten zitierte, Assange sei zu Schwedens ‚Feind No. 1’ geworden, der keine Achtung für das schwedische Justizsystem oder Frauenrechte habe.
Und: Er sei wegen Vergewaltigung angeklagt, was laut Robertson inkorrekt ist. Damit habe das Oberhaupt dieses "kleinen Landes" eine derart giftige Atmosphäre  geschaffen, dass Assange keine Aussicht mehr auf ein faires Verfahren hätte. Sein Team beantragte die Aufschiebung des Urteils, um diese Aussagen und Medienberichte aus Schweden zu übersetzen und dem Gericht zu präsentieren.

Die Antwort auf diesen Antrag seitens Clare Montgomery, der britischen Staatsanwältin für die schwedische Regierung, fasste die Meinung von WikiSkeptikern schön zusammen: Der Premierminister reagierte lediglich auf Medienberichte, dass Schwedens Auslieferungsantrag politisch motiviert sei. "Wenn Sie einen Mediensturm anfechten, wundern Sie sich nicht, wenn sie sich verbrennen."

Diese Kommentare und offensichtliche Vermischung von Legislative und Judikative wurden vom englischen Publikum deutlich ernster genommen als von den schwedischen Journalisten im Raum. Ein Korrespondent für die größte Zeitung Schwedens, Dagens Nyheter, erklärte, Reinfeldt habe diese Kommentare am Abend im Foyer des Parlaments abgegeben. Sie waren nicht als offizielle Stellungnahme der Regierung gedacht, und hätten keine ‚giftige Atmosphäre‘ in Schweden erzeugt – oder zumindest nicht giftiger als zuvor.

Den Richter in London interessierte das herzlich wenig für die aktuelle Episode. In diesem Fall würde es ständig neue Entwicklungen geben, und man müsse irgendwann mal einen Schlussstrich darunter ziehen. Damit war der Antrag auf Verlängerung abgelehnt.

Der Schlussstrich aber noch lange nicht in Sicht. Auch wenn sich die Kamerateams auch einen neuen Kaffeeklatsch-Termin vor dem Amtsgericht am 24. Februar freuen, haben beide Seiten bereits angekündigt, dass sie gegen ein Urteil Einspruch einlegen werden. Vielleicht sind die Reporter ja dann wieder aus Ägypten da, und wenn sie nichts Besseres zu tun haben, schauen sie vielleicht auch mal wieder bei Assange vorbei. Aber das Medienfeuer von einst brennt hier nicht mehr.

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