WikiLeaks-Buch: Domscheit-Berg rechnet ab

Knapp 5 Monate hat er sich Zeit gelassen. Geschwiegen, oder wenn überhaupt, nur zaghaft die Entwicklung von WikiLeaks nach seinem Ausstieg kommentiert. Doch jetzt macht Daniel Domscheit-Berg, Ex-Sprecher der Organisation, reinen Tisch. Sein Buch "Inside WikiLeaks – Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" ist vor allem eins: Eine Abrechnung mit seinem ehemaligen Vorbild Julian Assange.

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Am 15. September 2010 war alles vorbei. Ein letzter, gemeinsamer Chat mit dem Australier und anderen WikiLeaks-Aktivisten hatte nur ein Ergebnis gebracht: Domscheit-Berg und Assange würden nie wieder zusammen arbeiten. Aus den Weggefährten waren Rivalen geworden.
Domscheit-Bergs Buch beginnt mit dem Ende. Anschaulich beschreibt Zeit-Online-Redakteurin Tina Klopp, die das Werk in knapp zwei Monaten niederschrieb, wie sich der Mann, der die letzten drei Jahre unter dem Pseudonym "Daniel Schmitt" gelebt hatte, nach dem Chat auf sein Bett wirft und nicht mehr weiter weiß.
Dieses Nicht-Verstehen des Konflikts, die Verzweiflung und Enttäuschung über den Bruch ist das Leitmotiv des Buches. Glaubt man Domscheit-Berg so war es Assange, der sich im Laufe der Zeit ohne Grund von ihm abwendete, mißtrauisch wurde, ihm schließlich Revolte und Verrat vorwarf und ihn dann despotisch aus der Gruppe entfernte. Dementsprechend geht es neben den Schilderungen über die Entwicklung von WikiLeaks vom Fall „Julius Bär“ bis hin zu den US-Depeschen vor allem um eins: Den Konflikt zwischen den beiden Männern.
Immer wieder schildert Domscheit-Berg die autoritäre Art Assanges, sein teilweise rücksichtsloses Handeln gegenüber seinen Mitstreitern, das letztlich zum Bruch in der Gruppe geführt haben soll: „Diskussionen mit mir und den anderen bügelte Julian immer ab und sagte, wir sollten seine Position in diesen schwierigen Zeiten nicht anzweifeln: ‚Do not challenge leadership in times of crisis.’“
Die Bewunderung für die schillernde Figur Assange, die er 2007 auf dem Chaos Computer Congress kennenlernt, schlägt im Laufe des Buches immer mehr in Ablehnung um. Verbittert erzählt Domscheit-Berg, wie er kurzfristig die Pressekonferenz zum „Collateral Murder“-Video organisieren muss, weil Assange sich angeblich nicht ausreichend darum gekümmert habe: „Wenn es darauf ankam, funktionierten wir als Team immer noch gut. Oder umgekehrt: Drei Tage vor dem Termin war in Washington so gut wie nichts vernünftig organisiert. Hätte ich das nicht gemacht, Julian hätte mit den Journalisten im Flur des National Press Club reden können, oder vor der Haustür. Wenn überhaupt jemand von dem  Termin erfahren hätte.“
Aber es gibt auch amüsante Momente. Domscheit-Berg beschreibt in kleinen Anekdoten den Alltag der Whistleblower-Plattform, schildert, wie er sich ein Wikileaks-Tattoo stechen lassen will, aber mittendrin wegen der Schmerzen abbricht, erzählt, wie er auf einer langweiligen Veranstaltung die aufgestellten Computerterminals so hackt, dass nur noch die WikiLeaks-Website angezeigt werden kann. Das Buch lebt vor allem durch diese kleinen Geschichten, die den sonst eher nüchternen Beschreibungen etwas Leben einhauchen.
Doch macht sich Domscheit-Berg mit manchen dieser Schilderungen auch angreifbar. Die eigentlich sehr romantische Geschichte, wie er seine Ehefrau Anke in Berlin kennen lernt, lässt den Leser etwas ratlos zurück. Sicher, kurz zuvor war er entnervt vor Assange aus Island geflüchtet, die gerade gemachte Bekanntschaft baut ihn wieder auf. Aber ist diese Episode wirklich elementar, um die interne Struktur von Wikileaks und ihre Probleme zu begreifen?
Auch die teilweise sehr detaillierten Beschreibungen von Assanges Kleidungs-, Ess- und Schlafgewohnheiten („Julian isst wie ein Wolf“) dienen weniger dem höheren Ziel, Wikileaks besser zu verstehen. Vielmehr wird sich Domscheit-Berg von seinen Kritikern anhören müssen, dass er Assanges Ansehen mit unsachlichen Argumenten zu schädigen sucht.
Dabei enthält das Buch genug brisante Behauptungen, um Assange auch ohne Knigge-Kritik nachhaltig zu diskreditieren. So soll dieser ihn nach dem Bruch zu einer Verschwiegenheitserklärung gedrängt haben – was ein absurdes Verhalten für einen Informationsfreiheitskämpfer wäre. Auch habe Assange polizeiliche Ermittlungen und eine Schmutzkampagne angekündigt, ihm sogar mit dem Tod gedroht, sollte Domscheit-Berg jemals eine Wikileaks-Quelle gefährden.
Zudem offenbart Domscheit-Berg, dass sich Wikileaks über lange Zeit viel größer gemacht hat, als sie eigentlich waren. Bis Ende 2009 fand die Prüfung der Dokumente nach seinen Worten fast nur durch Assange und ihn selber statt. Das Unterstützer-Netzwerk von 800 Personen habe es nur auf dem Papier gegeben. Selbst in besten Zeiten wären bei Wikileaks nur eine Handvoll Leute mit den wichtigsten Aufgaben betraut gewesen.
Die Seite sei außerdem lange Zeit nur auf einem einzigen Server gelaufen. Die Gegner, so Domscheit-Berg, hätten zu Anfang gute Chancen gehabt, Wikileaks zu stoppen – wenn sie eine Ahnung gehabt hätten, dass die Organisation damals in Wahrheit nur aus „zwei extrem großmäulige(n) junge(n) Männer(n) mit einer einzigen Uralt-Maschine“ bestand.
Auch zu den Finanzen äußert sich der Aussteiger und beklagt, dass selbst er nur unzureichenden Einblick in die Konten erhalten habe. So wäre ein auf der Website als Spendenkonto angegebenes Konto ausschließlich auf Assanges Namen gelaufen. Als Domscheit-Berg und andere Mitstreiter Einsicht verlangen, soll Assange diese verweigert haben.
„Inside WikiLeaks“ liefert reichlich neuen Zündstoff für die aktuelle Wikileaks-Debatte. Denn: Jede Seite wird bedient. Wer schon länger mit Assange haderte, weil dieser sich und seine Mission allzu egomanisch in Szene setzte, wird sich bestätigt sehen: Der Mann muss ein genialer, aber unberechenbarer Irrer sein, der Menschen ausnutzt und notfalls über Leichen geht.
Die Assange-Anhänger werden indes reichlich Belege dafür finden, dass sich mit diesem Buch ein enttäuschter Mitstreiter für vermeintlich enstandenes Unrecht rächen will. Dass Domscheit-Berg klarstellt, dass sein Frust über die Suspendierung nicht Ursprung seiner Kritik sei, wird ihm da vermutlich wenig helfen.
Lesen sollte „Inside WikiLeaks“ jeder, der das Phänomen WikiLeaks in seiner Gänze begreifen will. Das Buch ist ein weiterer Puzzlestein in dieser komplexen Geschichte, die so viele Wahrheiten hat, wie es beteiligte Personen gibt. Doch gemeinsam mit den Büchern des Guardian, der New York Times, des Spiegel und bald auch von Assange selber, kann der interessierte Beobachter zumindest eine Ahnung davon entwickeln, was sich in den letzten 3 Jahren rund um die Enthüllungsplattform abgespielt haben muss.
Reichlich Stoff für Kinofilme bietet die „Geschichte Wikileaks“ allemal. Die ersten Angebote sollen angeblich bereits auf dem Tisch liegen.

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