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Die Medien und die Fleisch-Debatte

Medien überbieten sich derzeit darin, gegen übermäßigen Fleischkonsum zu Felde zu ziehen. Zahlreiche Lebensmittelskandale, Buch-Bestseller und immer mehr Berichte über unverantwortliche Massentierhaltung scheinen tatsächlich einen Wandel im Bewusstsein bestimmter Gesellschaftsschichten hervorzurufen. Nun gibt es Zeichen, dass die moralisch aufgeladene Debatte über Fleischkonsum und -verzicht langsam auch im Mainstream ankommt.

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Der Stern veröffentlichte schon im Mai vergangenen Jahres eine bemerkenswerte Titelgeschichte mit der Überschrift “Esst weniger Fleisch!”. In der Story wurde aufwändig nachgezeichnet, wie Massen-Fleischproduktion in Deutschland funktioniert. Es waren keine schönen Details. Anfang des Jahres legte das Magazin nach und brachte die Titelstory “Fleischlos glücklich” über den neuen Trend hin zum Vegetarismus.
Die Zeit veröffentlichte Mitte 2010 ein engagiertes Plädoyer für den Vegetarismus von der Zeit-Literatur-Redakteurin Iris Radisch mit dem Titel “Tiere sind auch nur Menschen”. Bücher zum Thema stehen auf Bestseller-Listen. Sei es das Buch “Tiere essen” des US-Autors Jonathan Safran Foer (“Alles ist erleuchtet”) oder aktuell “Anständig essen” von Karen Duve. Vor allem “Tiere essen” von Foer hat die mediale Vegetarier-Welle mit losgetreten. In kaum einem Artikel zum Thema darf der Verweis auf dieses Buch fehlen.

Aber die aktuelle Bewegung hin zum Vegetarismus und das Hinterfragen der eigenen Konsumgewohnheiten ist nicht nur ein von den Medien gesteuerter Trend. Die zahlreichen Lebensmittelskandale, von Rinderwahn über das Gammelfleisch bis hin zum jüngsten Dioxin-Skandal, haben ihren Teil dazu beigetragen, das Thema virulent zu halten. Mediale Berichterstattung, Bücher und aktuelle Ereignisse verstärken sich hier gegenseitig zu einem echten Mega-Trend. Das Thema Ernährung und Ethik geht nicht einfach wieder weg, es sickert langsam aber sicher in breitere Gesellschaftsschichten durch. Mainstream-Talk-Shows wie “Hart aber Fair” haben das Thema aufgegriffen und die FAZ schickte jüngst einen Reporter zu einer Abenteuer-Reise zu “einem der letzten fleischfressenden Menschen”, dem früheren SPD-Landwirtschaftsminister Karl Heinz Funke, selbst ein dem veganen Lebensstil bislang unverdächtiges Medium wie die WirtschaftsWoche bringt ein Plädoyer für den Konsum mit Bewusstsein und Genuss, ergo mit weniger Fleisch.

Sogar in der gerade zu Ende gegangenen jüngsten Staffel der RTL-Dschungelshow “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” stand das Thema Vegetarismus plötzlich auf der Tagesordnung. Die beharrliche Weigerung der Kandidatin Sarah Knappik, in der Show Tiere zu essen, und der vegane Lebensstil des Kandidaten Rainer Langhans waren über viele Folgen hinweg Top-Thema. Natürlich war das, dem Charakter der Show entsprechend, immer ein wenig gaga und überspannt – aber in früheren Folgen hat jeder Kandidat ohne Zicken gegessen, was auf den Tisch kam, egal ob es noch zappelte. Der Einzug des Themas Vegetarismus in der Dschungelshow ist vielleicht das deutlichste Indiz dafür, dass bewusster Fleischverzicht bei der Ernährung langsam in den deutschen Medien-Mainstream durchsickert.

Wenn Role-Models wie “Sarah Dingens” im RTL-TV-Massenprogramm Vegetarismus predigen, könnte das durchaus einen Effekt auf Jugendliche haben, ebenso wie das Zurschaustellen von Bio-Bauernhöfen in der anderen RTL-Erfolgsshow “Bauer sucht Frau”. Eine Marktuntersuchung der Fleischindustrie kam unlängst zum Ergebnis, dass “mengenorientierter Fleischkonsum in gesellschaftlichen Leitmilieus” out sei. “Gesellschaftliche Leitmilieus”, das sind eben auch die Zeit- und Stern-Redakteure und etwa die Macher der Frankfurter Rundschau, die unlängst ein Elends-Huhn auf die Titelseite hoben. Neu ist nun, dass dieser Trend zur breiten Masse durchzudringen beginnt.

Neu an der aktuellen Vegetarismus-Debatte ist auch, dass sie mit weniger dogmatischen Scheuklappen geführt wird als früher. Die Debatten-Linie verläuft nicht länger zwischen “Körner-” und “Leichen-Fressern”. Auch hier ist wieder der US-Autor Foer der Bannerträger der entspannten Bewegung der aufgeklärten Esser. Er verurteilt Fleisch-Esser nicht als böse Menschen, sondern legt in seinem Buch in klarer Sprache und ergreifenden Worten dar, was ungezügelter Fleischkonsum für Folgen hat. Die Konsequenzen daraus zu ziehen, bleibt jedem selbst überlassen.

Es geht in der Debatte nämlich nicht darum, die reine Lehre des Fleischverzichts zu predigen. Im Fokus der Diskussion steht vielmehr die Frage, wieviel und welcher Fleischkonsum zu verantworten ist – gesundheitlich, ethisch, ökonomisch und ökologisch. Hier haben wir eine Generation, die nach den Wirtschaftswunder-Jahren in den 70er und 80er Jahren mit Schnitzel und Bratwurst auf dem Teller sozialisiert wurde. Fleisch war ein Stück Lebenskraft, lautete so ein Leitspruch, serviert von der Agrar-Industrie. Woher der Braten auf dem Teller kam, dass da mal Beine dran waren, eine Nase und Augen, das war irgendwann immer weiter weg. Tatsächlich ist es auch den Medien zu verdanken, dass heute niemand mehr ernsthaft behaupten kann, er oder sie wisse nicht, wie es in ndustriellen Tier-Verarbeitungs-Fabriken zugeht.

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