AOL und HuffPo: die Lose-Lose-Situation

Das aktuelle Geschäftsgebaren von AOL mit dem Kauf der Huffington-Post erinnert an einen unheilbar Kranken, der noch einmal auf Großwildjagd geht, um sein Wohnzimmer mit ein paar Trophäen erlegter Exoten zu schmücken. Es ist ein Armutszeugnis, dass es der Company trotz des Startvorteils im seinerzeit jungen Internet in all den Jahren nicht gelungen ist, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu etablieren. Dass CEO Tim Armstrong nun auf Shoppingtour geht ist teuer - und für die Gekauften gefährlich.

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Das aktuelle Geschäftsgebaren von AOL mit dem Kauf der Huffington-Post erinnert an einen unheilbar Kranken, der noch einmal auf Großwildjagd geht, um sein Wohnzimmer mit ein paar Trophäen erlegter Exoten zu schmücken. Es ist ein Armutszeugnis, dass es der Company trotz des Startvorteils im seinerzeit jungen Internet in all den Jahren nicht gelungen ist, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu etablieren. Dass CEO Tim Armstrong nun auf Shoppingtour geht ist teuer – und für die Gekauften gefährlich.
Wie lang ist es her, dass Boris Becker mit seinem "Ich bin drin" Werbung für den Webprovider AOL machte? Das war Ende der 90er Jahre, als die New Economy auf Hochtouren lief. Doch schon dieses Business lief für AOL in Deutschland zäh, und die damalige Strategie, den Kunden den AOL-Account mit – angeblich exklusivem – Allerwelts-Content schmackhaft zu machen, war ein Rohrkrepierer. Das Internet war bereits damals voll von Gratis-Inhalten jeder Güteklasse, zudem fehlte den US-Amerikanern und ihren Statthaltern in Deutschland von Anfang an jegliche redaktionelle Kompetenz. Wer damals zu den üblichen Warm-up-Terminen mit den häufig wechselnden CEOs für Deutschland und/oder Europa in die Konzernzentrale kam, verließ das Gebäude meist ratlos: Die vom jeweils neuen Boss formulierte Abkehr vom vormaligen (gefloppten) Geschäftsmodell war stets richtig, die als Zukunftsstrategie formulierte neue Zielsetzung erschien aber ebenso hoffnungslos.
Es ist ein erbärmliches Stück Wirtschaftsgeschichte, das AOL auch in Deutschland geschrieben hat. Während die Stimmung bei den Mitarbeitern in den Keller ging, wurde das Logo etliche Male überarbeitet, Bereiche wurden aufgebaut und wieder abgestoßen, Units nach Belieben neu "gebranded". Über allem lastete unheilschwer der ebenfalls häufig wechselnde "Spirit" der Mutter-Gesellschaft. Als das hiesige Geschäft schließlich gänzlich abgewickelt wurde, war das deutsche AOL längst klinisch tot.
In den USA ist es (noch) nicht so weit. Da kann es CEO Tim Armstrong, mit wessen Geld auch immer, noch krachen lassen. Doch weder der Kauf des Blogs TechCrunch von Michael Arrington für geschätzte 25 bis 40 Millionen Dollar, das wie sein Gründer und Betreiber die besten Tage wohl hinter sich haben dürfte, noch der Erwerb der Huffington Post werden am Zustand des Patienten AOL nachhaltig etwas ändern. Besonders enttäuschend ist, dass die ebenso vermögende wie international hofierte Arianna Huffington nun ausgerechnet bei diesem Partner Kasse macht und sich ihr Portal mit 315 Millionen Dollar und einem dubiosen Chef-Chef-Titel vergolden lässt. Künftig wird sie in ihrer neuen Funktion die Bekanntschaft mit einer neuen Spezies von Redakteuren machen: Angestellten der Armstrong-Content-Farm, die nach aktueller Vorgabe des CEO fünf bis zehn Texte pro Tag produzieren müssen und deren Gehalt zum Teil von den Vermarktungserlösen abhängt. Vorbild ist Demand Media, deren Geschäftsprinzip es ist, Lesern mit eilig heruntergehauenen Artikeln nach dem Mund zu schreiben. Für beide Seiten ist dieser Deal eine echte Lose-Lose-Situation.
Während Armstrong – wohl unter dem Druck von Banken und Investoren – nach dem letzten Strohhalm zu greifen scheint, handelt Arianna Huffington aus freien Stücken. Sie sollte sich ein Beispiel an weit jüngeren Unternehmern nehmen: Mark Zuckerberg etwa, der schon vor Jahren eine Milliardenofferte für Facebook ausschlug. Oder aktuell Groupon-Gründer Andrew Mason, der Google trotz eines 6-Milliarden-Dollar-Angebots einen Korb gab. Beide begründeten dies mit dem Glauben an das Wachstumspotenzial ihres Unternehmens. Huffington griff beim wohl ersten unmoralischen Angebot zu – und gibt damit der ganzen Branche unterschwellig zu verstehen, wie es um ihr Blog-Business tatsächlich stehen dürfte. Vom künftigen Renommee ganz zu schweigen. Und für den Erwerber gilt: Wenn Tim Armstrong oder sein(e) Nachfolger so weiter machen, steht AOL wohl bald für America Offline.

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