Die gefühlte Anti-Kachelmann-Verschwörung

Es ist ein buntes Völkchen, das sich regelmäßig zu dem Vergewaltigungs-Prozess gegen den ARD-Wetterexperten Jörg Kachelmann einfindet: Vertreter der Anklage, Verteidiger, das Gericht, der Angeklagte, Medienmenschen, Jura-Studenten, Normalos und ein besonderer Menschenschlag, den man am treffendsten mit Gerichtstourist/in umschreibt. Leute mit viel Zeit und viel Meinung, die vormittags lieber in spektakulären Prozessen hocken statt vor der Glotze und dabei an einer ganz eigenen Wahrheit wursteln.

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Nun ist der Kachelmann-Prozess aufgrund der Prominenz des Angeklagten und wegen der vielen offenen Fragen ein besonders spektakulärer Fall. Vielleicht sind darum auch die Gerichts-Touristen besonders zahlreich vertreten und außergewöhnlich emsig bei der Sache. Man erkennt sie sofort im Foyer des bunkerartigen Gerichtsgebäude in Mannheim. Sie gestikulieren, sie diskutieren, sie regen sich auf, sie tragen “witzige” Brillen. Und sie suchen gerne die Nähe zu Medienmenschen. Am liebsten solche mit Kamera. Die waren freilich in der Anfangsphase des Prozesses viel häufiger anzutreffen. Ein Vorurteil besagt, dass es sich bei dem fahrenden Gerichtstouristen-Volk vor allem um Hausfrauen handelt, die ansonsten nix zu tun haben. Das ist falsch. Es sind auch Männer dabei, die offenbar ansonsten nix zu tun haben.

Man kennt sich aus in diesen Kreisen. Lieblingsthemen der Gerichtstouristen im Fall Kachelmann sind a) die Niedertracht des mutmaßlichen Opfers, das häufig mit allerlei wüsten Beschimpfungen eingedeckt wird und b) die Unfähigkeit bzw. Voreingenommenheit des Gerichts. “Das Mannheimer Landgericht hat ja seinen Ruf….und keinen guten!” tönt es, “Und die Staatsanwaltschaft erst Recht!, wird nebenan beigepflichtet. Dank jahrelangem Sitzen in Gerichtssälen ist ein reicher Erfahrungsschatz für improvisierte Vergleichsstudien zwischen Gerichtsstandorten, verhandelten Kapitalverbrechen und dem entsprechenden juristischen Personal vorhanden.
Beim Kachelmann-Prozess kommen einige Damen sogar aus der Schweiz angereist, ein Herr eilte in der Früh mit dem ICE aus Frankfurt herbei. Dort fand auch mal so ein Promi-Prozess ähnlichen Kalibers mit eifriger Gerichtstouristen-Beteiligung statt. Damals ging es um den Vergewaltigungsvorwurf gegen einen ehemaligen ProSieben-Moderator, der letztlich freigesprochen wurde. Gerichtsreporter in Mannheim, die beim damaligen Prozess in Frankfurt auch dabei waren, wissen zu erzählen, dass damals sogar Brotdosen mit in den Verhandlungssaal geschleppt wurden. Das traut man sich beim Kachelmann-Prozess nicht. Die Wurstbrote aus der Alufolie werden in den zahlreichen Prozesspausen im Foyer verspeist.

Trotzdem ist die Stimmung zwischen Volk und Richter angespannt, um das Mindeste zu sagen. Als der Vorsitzende Richter Seidling mal wieder verkündet, die Öffentlichkeit auszuschließen, hagelt es Buh- und Pfui-Rufe aus der Touristenklasse. Die Rufer rannten sofort eilig aus dem Saal. Man will ja keine Geldbuße kassieren, die der Richter kurz nach dem Zwischenfall sichtlich erregt androhte.

Ein weiterer oft gehörter Satz des Gerichtstouristen in Mannheim lautet: “Das Urteil wird ja eh in Karlsruhe gesprochen!”. Das zeugt von wahrer Kennerschaft. Zur Info: Alle wesentlichen Experten und auch alle Nicht-Experten gehen davon aus, dass, egal wie das Urteil ausfallen wird, die jeweils unterlegene Seite in Revision gehen wird. Und die wird dann eben vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe verhandelt. Kachelmanns Strafverteidiger Johann Schwenn lässt keine Gelegenheit aus, die Revision mehr oder weniger offen anzusprechen. Erstaunlicherweise gelingt es ihm damit, das Mannheimer Gericht immer wieder aufs neue sichtbar zu verunsichern.

Überhaupt dieser Herr Schwenn: Der Staranwalt aus Hamburg ist der Liebling der Gerichtstouristen. Wenn er dem Gericht wieder einmal mit vielen eingestreuten “Ähs” in gepresst nöliger Stimmlage allerlei Versäumnisse und mögliche Verfahrensfehler vorhält, dann reißt es seine Fans vor Begeisterung fast aus ihren Hartschalen-Sitzen. Da wird im Publikum eifrig genickt und der Daumen hochgereckt. Als Schwenn seine Premiere im Mannheimer Jura-Stadl aufführte, bekam er im Foyer Szenen-Applaus für seine Schwenn-Show.

Der Fall selbst ist für die meisten Gerichtstouristen klar wie Kloßbrühe: Kachelmann ist in ihren Augen unschuldig, und Schwenn ist ein toller Typ. Der schlaksige Staatsanwalt ist nach herrschender Gerichtstouristen-Meinung ein “Depp”, der Richter “total überfordert. Die Bild-Kolumnistin Alice Schwarzer gilt in Gerichtstouristen-Kreisen als “hässliche Hexe”, was angesichts der überwiegend nicht unbedingt divergierenden Einschätzung bezüglich der Schuldfrage politisch ein wenig unkorrekt ist. Aber Frau Schwarzer ist so etwas wie die Lieblingsgegnerin der Gerichtstouristen. Mit loderndem Zorn im im reinen Wortsinne unheimlichen Eifer können sich die Damen und Herren im Foyer über die Feministin in Rage reden. Als Frau Schwarzer in einer Verhandlungspause im Saal einmal nach hinten ruft, man solle doch die Kommentare lassen, laufen die Gerichtstouristen zu Hochform auf: “Von einer Schwarzer lassen wir uns nicht den Mund verbieten!” tönt es zurück.

In diesem Prozess geht es gar nicht primär um die Frage, ob Jörg Kachelmann seine Ex-Geliebte vergewaltigt hat oder nicht. Zur Klärung dieser Frage gibt es offensichtlich keine Beweise. Und so geht es darum, wer warum wie glaubwürdig ist oder eben nicht. Es geht darum, wer sich vor der Verhandlung oder nach der Tat mit wem getroffen hat und womöglich irgendetwas gesagt oder gemeint hat. Es geht um Verträge, die Zeitschriften mit Ex-Geliebten des Angeklagten abschließen. Es geht um Gutachten über Gutachten, um “Sonderbände” mit Lichtbildern, die u.a. zeigen, wie ein Sachverständiger mit Fingerfarbe oder Tinte Verletzungen an den Innenschenkeln seiner Ehefrau simuliert. Gericht, Staatsanwaltschaft und in gewissen Teilen auch die Verteidigung haben eine Situation geschaffen, in der sich alle Beteiligten ihre ganz persönliche Wahrheit zurecht wursteln können und mit immer neuen Meinungen, Anträgen und Gegenanträgen um einen leeren Kern drehen.

Das ist eine Situation mit der niemand recht zufrieden sein kann – außer den Gerichtstouristen. Denn der diffuse Meinungsdschungel ist ein Terrain, auf dem ihre Verschwörungstheorien prächtig gedeihen. In diesem wirren Weltbild haben sich das mutmaßliche Opfer mit der Staatsanwaltschaft, dem Gericht und Teilen der Medien (Burda und vielleicht auch Bild) verschworen, Jörg Kachelmann zur Strecke zu bringen.

Manche denken, bei vielen der in diesem Prozess anwesenden Gerichtstouristen handle es sich um einen “Kachelmann-Fan-Club” oder gar um “Kachelmann-Groupies”. Das trifft es aber nicht. Es ist nicht so sehr die Hingabe an Jörg Kachelmann, der viele der eifernden ProzessbeobachterInnen eint, es ist der Hass (man muss es wohl so nennen) auf das mutmaßliche Opfer.

Unter der Oberfläche der Empörung gärt eine diffuse und abgrundtiefe Abneigung auf alles Feministische und den Rechtsstaat. Aber auch solche Meinungen müssen wohl erlaubt sein. Der Treppenwitz beim Kachelmann-Prozess ist, dass die Gerichtstouristen das offenbar in der Tat fragwürdige Vorgehen des Gerichts und der Staatsanwaltschaft für eine große Anti-Kachelmann-Verschwörung halten. Dilettantismus und eine gehörige Portion Provinzialität könnten als Erklärung für die Vorgänge in diesem Prozess freilich auch herhalten. Entweder das oder eine groß angelegte Weltverschwörung gegen Ex-Wetterfrosch Jörg Kachelmann. Man kann es sich aussuchen. Das Urteil im Namen des Volkes – bei den Gerichtstouristen auf den Zuhörerbänken ist es im Fall Kachelmann längst gesprochen.

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