Alice Schwarzers faktenarme Retourkutsche

Ihre Berichterstattung vom Kachelmann-Prozess läuft im Moment nicht so ganz rund: Erst kassierte Alice Schwarzer eine Einstweilige Verfügung, die sie zu einer redaktionellen Richtigstellung veranlasste: In ihrer Bild-Kolumne musste sie bei der Frage, wie vielen Frauen der Angeklagte die Ehe versprochen hatte, zurückzurudern. Dann wurde sie von der Verteidigung als Zeugin benannt und musste laut Prozessordnung den Saal verlassen. Nun wehrt sich die Emma-Herausgeberin und schlägt zurück - natürlich via Bild.

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In ihrem Text erklärt die Frauenrechtlerin erst einmal, wie es dazu kam, dass sie nun als Zeugin gehört wird. Ihrer Meinung nach suggerierte der Kachelmann-Anwalt, Johann Schwenn, dass sie an der Spitze eines öffentlichen Feldzuges gegen seinen Mandanten stünde. „Gemeinsam mit dem mutmaßlichen Opfer und dessen Therapeuten. Was absurd ist.“ Das mag zutreffen, doch in der Sache hat Schwarzer nichts Substanzielles mitzuteilen. So sucht der Leser vergebens nach einem Hinweis, ob die vom Kachelmann-Verteidiger in den Raum gestellte Annahme zutrifft, wonach die Frauenrechtlerin einen Sachverständigen kenne und diesem womöglich sogar seinen Rechtsbeistand empfohlen habe. So bleibt es in der Kolumne, die nach der überraschenden Situation im Mannheimer Gericht am Donnerstag mit Spannung erwartet worden war, bei Allgemeinplätzen und einer emotional geprägten Anklage gegen die Praktiken der Verteidigung, der man vielleicht trotz allem zugute halten sollte, dass im Prozessverlauf auch ihrerseits mit wenig fairen Umständen konfrontiert gewesen ist.
Wie bereits in Berichterstattung der gestrigen Bild jedoch versucht jetzt auch die Emma-Herausgeberin den Eindruck zu erwecken, dass es ein Unding sei, dass man sie nach dem Antrag, sie als Zeugin zu vernehmen, aus dem Verhandlungssaal wies. Tatsächlich schreibt die Strafprozessordnung vor, dass selbst potentielle Zeugen erst einmal nicht mehr einer Verhandlung beiwohnen dürfen, solange noch nicht entschieden wurde, ob sie nun tatsächlich geladen werden oder nicht.
Nach den ganzen Juristereien geht Schwarzer dann in die Offensive: Sie wirft Schwenn vor, dass er sehr viel Energie investiere, „um alle in diesem Gerichtssaal, die nicht plakativ die Unschuld des der Vergewaltigung Angeklagten propagieren, hemmungslos zu diffamieren.“
So behandle er Richter wie Staatsanwälte „rituell wie inkompetente Provinzler“. Nicht genehme Sachverständige sollen von ihm auch schon mal als „Scharlatan“ (Traumatologe Seidler) bezeichnet oder einer „feministischen Irrmeinung“ (Psychologin Greuel) bezichtigt worden sein. „Man hat den Eindruck, am liebsten würde Schwenn das ganze Gericht des Saales verweisen.“
Die Journalistin findet, dass es dem so gar nicht hanseatisch auftretenden Juristen aus Hamburg gelungen sei, den Mannheimer Verhandlungssaal „innerhalb weniger Wochen in einen Rummelplatz zu verwandeln.“ Die Folge: „Inmitten dieses ganzen Rummels wirkt das Gericht fast hilflos“, schreibt Schwarzer: „Doch gehe ich davon aus, dass das Gericht diese Spielchen nicht mitmacht und mich schnellstmöglich laden lässt – damit ich wieder da Platz nehmen kann, wo ich hingehöre: auf der Pressebank.“
Es ist davon auszugehen, dass dies schon bald der Fall sein könnte. Sollte das Gericht sie tatsächlich als Zeugin hören, könnte sie sofort nach ihrer Aussage wieder am Prozess teilnehmen. Spannender ist die Frage, ob sie sich bei einer richterlichen Befragung auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht beruft, das allen Journalisten zusteht. Dann müsste sie nur ihre Personalien preisgeben – aber sicher hat Kachelmann-Anwalt Schwenn auch dafür vorgesorgt. Nicht auszuschließen, dass der genau dieses Recht im konkreten Fall in Zweifel zieht.

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