Umfrage: Was Verlage zur Frauenquote sagen

Publishing Ursula von der Leyen fordert sie, und der Spiegel machte sie jetzt zum Titelthema: die Frauenquote. Dass auch in der deutschen Medienbranche Handlungsbedarf in Bezug auf die Förderung von weiblichen Mitarbeitern besteht, zeigt eine MEEDIA-Umfrage unter Verlagshäusern und Fernsehsendern. Ergebnis: In vielen Häusern sind Frauen zwar in der Mehrheit, das Sagen im Unternehmen haben aber in den allermeisten Fällen männliche Kollegen. Eine Frauenquote lehnen fast alle Unternehmen aber nach wie vor ab.

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Von den angefragten sieben großen deutschen Verlagen gibt es lediglich einen, in dem mehr Frauen als Männer das Zepter in der Hand halten. Der Zeit Verlag beschäftigt mit 66 Prozent die meisten weiblichen Führungskräfte in der Branche. "Es gibt erste Stimmen, wir bräuchten eine Männerquote", sagt Rainer Esser, Geschäftsführer des Zeit Verlags. Dass die Zahl vergleichsweise hoch ist, erklärt er mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. " Die Gewissheit, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich ist, machen den Zeit-Verlag zu einem der familienfreundlichsten Unternehmen in der Medienbranche", sagt Esser. In der Redaktion der Wochenzeitung sind 30 Prozent der leitenden Positionen in weiblichen Händen. Nach eigenen Angaben betrug die Zahl der weiblichen Neueinstellungen in den vergangenen drei Jahren über 50 Prozent.
An zweiter Stelle im Ranking ist Condé Nast Deutschland. Dort sind insgesamt 75 Prozent der Belegschaft weiblich. In der ersten Führungsebene besteht nach Verlagsangaben ein ausgewogenes Verhältnis von jeweils 50 Prozent Frauen bzw. Männern. Die Frage nach einer Frauenquote stelle sich unternehmerischer Perspektive nicht, wie der Medienkonzern mitteilte.
Auch für die Bauer Media Group ist die Frauenquote "entbehrlich". Eine Förderung von Frauen in Führungspositionen aber "selbstverständlich", wie Unternehmenssprecher Joachim Klähn sagte. Beim Hamburger Konzern, der in Besitz von Verlegertochter Yvonne Bauer ist, sind mehr als die Hälfte aller Mitarbeiter  (52 Prozent) Frauen. Auch der Anteil der weiblichen Führungsposition ist mit 40 Prozent vergleichsweise hoch.
Bei Gruner + Jahr  liegt der Frauenanteil insgesamt bei 58 Prozent, auf der Führungsebene sind es über 30 Prozent. Eine Einführung der Frauenquote spielt für die Hamburger aber keine Rolle. Sie setzen eher auf Chancengleichheit. "Diese fördern wir unter anderem mit einer Vielzahl von Erleichterungen, die Verantwortungen in Familie und Beruf zu vereinbaren", sagt Unternehmenssprecher Christian Merl. So betreibt der Verlag beispielsweise eine Kindertagesstätte mit besonders langen Betreuungszeiten oder bietet flexible Arbeitszeitmodelle an. Dennoch, so Merl, ruhe sich der Verlag nicht darauf aus, sondern arbeite stetig daran, die Förderung von qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verbessern.
Auch der Spiegel Verlag musste, nachdem er das Thema auf die Agenda gesetzt hatte, mit Zahlen nachlegen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, wurde in der Konferenz am Montag heftig in der Hamburger Brandstwiete über eine Einführung der Frauenquote  diskutiert. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen beträgt aktuell 24,5 Prozent,  im Jahr 2002 lag diese Zahl noch bei 16,2 Prozent. In der Redaktion sind 7 Prozent der leitenden Positionen mit Frauen besetzt. Besonders eindrucksvoll ist der Nachholbedarf angesichts der Zusammensetzung der 32 Köpfe starken Ressortleiterrunde: Dort finden sich nur zwei Frauen, beide in stellvertretenden Positionen. Rechnet man nur die verantwortlichen Ressortleiter, so ist das Verhältnis überaus eindeutig: 20 zu null.
Unternehmenssprecherin Anja Hingst teilte auf MEEDIA-Anfrage mit: „Auch der Spiegel-Verlag wünscht sich mehr Frauen in Führungspositionen. Deshalb bieten wir seit einiger Zeit Mentoring-Programme an, aber auch Maßnahmen, die unsere Mitarbeiterinnen darin unterstützen, Familie und Beruf zu vereinbaren, wie beispielsweise individuelle Teilzeitmodelle oder Angebote zur Kinderbetreuung. Weitere Maßnahmen sind geplant, über deren konkrete Ausgestaltung wir uns im Moment noch nicht äußern möchten.“ Um die Dringlichkeit einer Frauenquote im Spiegel zu veranschaulichen, hat das Medienmagazin V.i.S.d.P. hat sich in seiner aktuellen Ausgabe die Mühe gemacht, alle Frauennamen im Impressum zu markieren.
Dass die Diskussion beim Nachrichtenmagazin Nummer eins überaus kontrovers verläuft, zeigt sich auch in der kommenden Ausgabe. Dort veröffentlicht Wirtschaftsressortleiter Thomas Tuma eine Gegenrede zur diese Woche auf dem Titel publizierten "Streitschrift" für die Frauenquote.
Bei Hubert Burda Media sind 52,6 Prozent der Mitarbeiter weiblich. Auf Führungsebene sind 33 Prozent der Posten mit Frauen besetzt, wie Unternehmenssprecher Nikolaus von der Decken mitteilte. In den Redaktionen sei der Anteil der weiblichen Führungskräfte noch höher, wobei die Hälfte der Burda-Publikationen von Chefredakteurinnen geleitet werde. „Daher sehen wir keine Notwendigkeit für eine starre Quote. Stattdessen versuchen wir familienbedingte Doppelbelastungen auszugleichen, um auch Mütter als Führungskräfte aufzubauen oder zu halten“, so von der Decken.    
Der Axel Springer Verlag ist die Frauenquote bereits seit Sommer 2010 ein Thema. CEO Mathias Döpfner hatte im Juni angekündigt, den Frauenanteil in Führungspositionen in den nächsten fünf bis acht Jahren auf über 30 Prozent zu erhöhen. Mit einem aktuellen Stand von 20 Prozent (im Sommer 2010:16 Prozent gewesen) sind die Berliner bereits auf einem guten Weg. Dabei spielt für den Medienkonzern vor allem die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine wichtige Rolle. In Berlin und Hamburg wurden Betriebskitas eingeführt. Zudem sollen flexiblere Arbeitszeiten oder mehr Teilzeitangebote geschaffen werden, teilte der Verlag auf Anfrage mit.
Bei den deutschen Fernsehsendern zeigt sich ein ähnliches Bild. Auch hier ist der Anteil an weiblichen Mitarbeitern durchschnittlich höher, jedoch werden sie überwiegend von Männern geführt. Einzig bei RTL 2 gibt es nach eigenen Angaben ein ausgewogenes Verhältnis in der Führungsetage (weibliche Mitarbeiter insgesamt: 53 Prozent). RTL hält sich indes mit konkreten Zahlen zurück. Eine Frauenquote gebe es bei der Mediengruppe nicht. Die Anzahl der weiblichen Mitarbeiter am Standort Köln sei aktuell aber höher als die der männlichen, die Zahl der Frauen in Führungspositionen „zahlreich“. Bei der Konkurrenz in München, der Mediengruppe ProSiebenSat.1, sind insgesamt rund 47,6 Prozent der Mitarbeiter Frauen. Dennoch werden sie zu 70 Prozent von Männern geführt. Derzeit arbeite man aber daran, die Frauen im Unternehmen zu fördern und auf Führungspositionen vorzubereiten, teilte der Konzern mit. Eine Quote sei aufgrund des ausgewogenen Geschlechterverhältnisses nicht vonnöten.
Ein Blick nach Mainz: Mit 50,6 Prozent weiblichen Mitarbeitern insgesamt beträgt der Anteil an Frauen in leitenden Funktionen 33,8 Prozent beim ZDF. Bei der ARD ist ein Vergleichswert schwerer zu ermitteln, da die einzelnen Landesrundfunkanstalten nach dem jeweiligen Landesgleichstellungsgesetz handeln. Beispielsweise beträgt der Anteil an weiblichen Mitarbeitern beim WDR 48,6 Prozent, mehr als ein Viertel (27,4 Prozent) der Führungspositionen ist von Frauen besetzt (Erhebung 2009). Beim NDR sind es nur etwas weniger: Dort arbeiten nach eigenen Angaben 47 Prozent Frauen (Stand 2010). Die Spitzenpositionen in der Hauptabteilungsleitung, der Programmbereich- sowie Abteilungs- und Programmgruppenleitung ist zu einem Drittel in weiblicher Hand (Stand 2009).
Dennoch ist mit Monika Piel seit Anfang des Jahres die erste Intendantin an der Spitze der ARD, die die aktive Frauenförderung als Kernaufgabe begreift. „Eine reine Quote lehne ich allerdings ab“, sagt Piel. „Denn bei der Besetzung von Stellen sollten Kompetenz, Qualität und Erfahrung an erster Stelle stehen. Trotzdem müssen natürlich die Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch entscheidender verbessert werden. Deshalb sollten große Betriebe verpflichtet werden, einmal im Jahr gegenüber ihren Aufsichtsgremien nachzuweisen, was sie konkret für die Frauenförderung tun – so wie es zum Beispiel im WDR bereits jetzt der Fall ist.“

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