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ARD und FAZ streiten über Ägypten-Berichte

Wie gut ist die Berichterstattung der ARD über die Proteste in Ägypten? Seit Donnerstag liefern sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Sender eine hitzige Debatte zu dieser Frage. Erst reagierte der Sender mit einer galligen Pressemitteilung auf die Kritik aus Frankfurt, dann legten beide Seiten noch einmal nach. So kommentierte FAZ-Medienexperte Michael Hanfeld: "Die kapieren nicht." Die Blog-Reaktion vom ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke: Argumente und ein fieser Wirkungstreffer.

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Auslöser des Zwistes ist der Text "Wir sind nicht dabei gewesen" von Jochen Hieber. Der FAZ-Autor sah in Kairo "dramatische, auch erschreckende Bilder eines zeitgeschichtlichen Augenblicks, der möglicherweise den Anfang eines Epochenwandels markieren wird". CNN, BBC, n-tv oder auch Phoenix hätten berichtet. Doch was machen ARD und ZDF? "Im ersten Programm des deutschen Fernsehens, in der ARD, überlegt sich zu dieser Zeit ein gewisser Tim in der Daily-Soap ‚Rote Rosen‘ gerade, ob er einer gewissen Gesa Hoffnungen machen soll", schreibt Hieber. "Im ZDF gibt Alfons Schuhbeck den jovialen Conferencier in der ‚Küchenschlacht‘. Nicht einmal ein Nachrichtenband am unteren Bildschirm irritiert die deutsche Frühnachmittagsgemütlichkeit. Es ist zum Haareraufen."

Die FAZ kritisiert, dass die öffentlich-rechtlichen Hauptsender nicht bereit waren, ihr normales Programm aufzubrechen. Obwohl selbst Claus Kleber im "heute journal" von "einem Tag, der in den Geschichtsbüchern sein wird", spricht.

Die Angriffe von Hieber haben wohl einen wunden Punkt getroffen. Denn kurz vor eins sahen sich die öffentlich-rechtlichen Sender zu einer galligen Stellungnahme gezwungen: "Seit Ausbruch der Krise in Nahost berichtet Phoenix, der Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF, umfassend wie kein anderer Sender in Deutschland über die Proteste in Ägypten sowie die dramatischen Entwicklungen in der arabischen Welt, allein in dieser Woche täglich über 10 Stunden." Die Pressmitteilung verschweigt allerdings, dass die FAZ niemals behauptet hatte, dass Phoenix nicht berichten würde.

Mit der Pressemitteilung ist das Thema jedoch noch lange nicht vom Tisch. Denn nach getaner Arbeit erklärt der ARD-aktuell-Chefredkateur Kai Gniffke im Tagesschau-Blog kurz vor Mitternacht noch einmal im Detail, warum der FAZ-Text für ihn "in doppelter Hinsicht ärgerlich" war. "Denn zum einen hatte der Artikel zur Folge, dass mir dieser politisch wirklich spannende Tag durch jede Menge Presseanfragen versüßt wurde. Zum anderen, weil der FAZ-Kollege – wie er selbst schreibt – nicht dabei war." Der TV-Journalist lieferte dann einen kurzen Abriss, wann alleine das Erste über Ägypten berichtete: "Von 5.30 bis 10 Uhr bereits 10 Ausgaben der Tagesschau, dreieinhalb Stunden im Morgenmagazin, dann Filmbeiträge und Live-Schalten in der Tagesschau um 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18.50 und 20 Uhr, dann Brennpunkt, Hart aber fair extra (heute Kontraste extra), danach Tagesthemen und Nachtmagazin."

Der Ärger des Chefredakteurs richtete sich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr nur gegen Hieber, sondern auch gegen Michael Hanfeld. In einem Kommentar, der bereits im Web zu lesen war, legt der Medienexperte der Frankfurter noch einmal kräftig nach. "Es ist schon klar, dass das erste und das zweite deutsche Fernsehprogramm solche Nachrichtenkanäle nicht sind, aber ihr routiniertes Trägheitsverhalten und Denken in Sendeformaten (…) entschuldigt das nicht."

Am Ende seines Kommentar gibt Hanfeld dem ZDF noch richtig einen mit. Der Frankfurter erinnert an eine flapsige Bemerkung, "mit der sich im ZDF der Moderator Theo Koll bei dem Korrespondenten Dietmar Ossenberg erkundigte, ob er seinen Sonnenschirm darauf verwette, wie es mit dem Mubarak-Regime wohl weitergehe". Am Mittwoch musste sich Ossenberg dann vor laufenden Kameras vom Balkon retten, "da ihn jemand mit einem Laserpointer erfasste. Niemand redet mehr vom Sonnenschirm. Unter diesem sitzen nicht Korrespondenten, sondern die in der Heimat."

Empört kontert Gniffke die Hanfeld-Angriffe: "Wir hätten die Rede von Hosni Mubarak am Dienstag live übertragen sollen, heißt es da. Meint der Autor das ernst? Das wäre so als wenn wir jetzt jede Rede von Fidel Castro live zeigen würden. Es könnte ja die letzte sein." Für den TV-Mann besteht sein Journalisten-Job darin, "zu bewerten, zu gewichten, auszuwählen und nicht einfach laufen zu lassen". Ganz "apart" findet er, wenn ihm als "Leuchttürme des Journalismus" arabische Nachrichtenkanäle vorgehalten werden. "Hat da mal jemand zugehört? Ist jemandem mal aufgefallen, dass die die schlimmsten Szenen als Schleife laufen lassen, um zu emotionalisieren, um Politik zu machen."

Zum Schluss seines Blogtextes landet Gniffte jedoch noch einen Wirkungstreffer. Er zeigt einfach die FAZ-Titelseite. Die Frankfurter machen nicht mit Ägypten auf, sondern mit dem Zyklon über Australien.

Was wiederum der Chefredakteur verschweigt, ist, dass die Zeitung mit einem Wetter-Foto aufmacht, sich die Hauptmeldung jedoch mit den Protesten in Ägypten beschäftigt. Nach der Logik der FAZ ist der erste Text immer die Top-News des Tages und das Aufmacherbild bezieht sich meistens auf andere, oftmals sogar abseitigere Themen. Diese Regel wird allerdings für den heutigen Freitag dann doch gebrochen. Titelstory und -Foto behandeln diesmal die Proteste in Ägypten.

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