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Stefan Raab & Lena: Genug ist nie genug

Stefan Raab ist ohne Zweifel einer der erfolgreichsten Manager im deutschen Fernsehen. Ohne ihn bewegte sich das Image von ProSieben auf kritischem Niveau. Mit Lena Meyer-Landrut schuf Raab für viele ein deutsches Sommermärchen mit Osloer Happy End. Im Feld der TV-Medien, in welchem nach wie vor die Neurose als zentrale Kernkompetenz gilt, scheint nun dem Meister in seinem Bastelkeller ESC ein wesentlicher Bezug zur Realität verloren gegangen. Erfolg mag süchtig machen. Und Gier frisst Hirn.

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Es war ein lächerliches Stück Fernsehen: Der mit 13% quotentechnisch mittelmäßige Start des Lena Meyer-Landrut – Contests. Die Dramaturgie des Wettbewerbs ist schnell beschrieben: Lena tritt zwölfmal gegen Lena an. Von lächelnd und niedlich bis niedlich und putzig: Mal schaut Lena lieb. Mal schaut Lena sehr lieb. Mal schaut Lena entsetzlich lieb. Selten hat es Wettbewerbe gegeben, die so wenig Wettbewerb waren. Und noch nie hat es einen Contest gegeben, der im Kern der eigenen Dramaturgie jene Elemente auflöste, welche die Existenzberechtigung für jede Form von Vorentscheiden und Wettbewerben ausmachen. Als würde vor Start einer Bundesliga-Saison mit Bayern München der deutsche Fußballmeister vorher gesetzt. Als dienten Hin- und Rückrunde nur der Beantwortung der Frage, mit welchem Punkteabstand und Torverhältnis Bayern als Meister in die Champions-League geschickt werden solle. Derart Realität zu verbiegen ist nicht klug, sondern ebenso paradox wie makaber.
Vielleicht die Idee eines hochinnovativen, bahnbrechenden Konzeptes mit Nobelpreispotential, so mochte man denken. Schließlich – der Raab, der kann ja übers Wasser laufen. Der Mann hat durch seine Präsenz und Kreativität ProSieben vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit der Kreisklasse gerettet, hat große Unterhaltungsformate salonfähig gemacht. Wenn einer wie Raab etwa das quotentechnisch mürbe Nachmittagsprogramm des Senders durch die Formatidee “Häkeln für Einarmige“ in seine beiden Hände nehme: Der Sender wüsste gar nicht mehr wohin vor Erfolg. Karl Theodor zu Guttenberg häkelte in Stefans Nachmittagsevent mit seiner Frau Topflappen für Afghanistan, Gregor Gysi in Juristen-Joppe untermalte das Häkel-Event mit mitteldeutschem Minnesang und Guido Westerwelle im Baströckchen tanzte an der blaugelben Stange dazu. Das ginge doch alles, denkt man, wenn Stefan es nur wollte. Oder, um es mal mit dem Sportstudio des  ZDF zu sagen: Deutschland bewegt sich. Eine Initiative von Stefan Raab.
Der Nachmittag muss warten. Im Bastelkeller des Meisters wird aktuell am ESC geschraubt. Vielleicht proklamiert Raab im nächsten Jahr, Kunst finde ohnehin in den Köpfen der Zuschauer statt, Musik sei dabei gar nicht so wichtig: Dann sänge Lena im nächsten Jahr zum Vorentscheid des ESC 20 Titel. Ohne Musik natürlich, und sie hätte bis dahin auch einen zweiten Gesichtsausdruck gelernt. Und wenn Raab im übernächsten Jahr das Atmen während der Songs irgendwie überflüssig finden sollte, spränge die ARD – in ihrer Abhängigkeit vom Meister selbst – auf diesen Zug, und Lena tanzte atemlos zu 67 Songs im Wettbewerb mit sich selbst ihren Namen. Könnte so laufen, wenn Stefan das will. Stefan bekäme das hin.
Alles möglich. Alles egal. Auch Lena. Hauptsache groß sein, glänzen und gewinnen: Raab, der Mann, der kommt, wenn alles am Boden liegt, der Retter von ProSieben. Raab, der Integrator der jahrzehntelang hochsensiblen Schnittstelle zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen. Nun hängen sie an seinen Lippen und liegen ihm gleichzeitig in widerspruchsloser Biegsamkeit zu Füßen. Jede Neigung zu fachlichem Widerspruch scheint erstickt, bevor sie aufzutauchen droht. Raab, der Notarzt des ESC. Raab der Erfinder des Sommermärchens Lena Meyer-Landrut. Einer, der Deutschland nach vorne bringt.
Gier frisst Hirn: Aus kopfschüttelnder Distanz betrachtet, muss die Gier Raabs unstillbar sein. Der Mann wird nicht satt. Nie. Raab muss immer weiter. Hinsetzen, Chillen, Erfolge feiern und es "gut sein" lassen können, ist nicht seins. Leistung zählt und Größe. Raab ist deutscher, als ihm selbst lieb sein kann. Einer, der zu Nachkriegszeiten den Schwarzmarkt beherrscht hätte. "Genug…", so sang Konstantin Wecker (Anm.: Danke für den Hinweis im Kommentar, s.u.), "…ist nie genug. Genug kann nie genügen“. Stefan Raab als zweifellos außerordentlich fähiger junger Mann überfrisst sich und verhungert gleichzeitig an seinen Erfolgen.
Das Sommermärchen Lena Meyer-Landrut wird mit ihm verhungern. Prognosen mögen immer dann besonders schwierig sein, wenn sie sich mit der Zukunft beschäftigen. Dennoch: Lena wird ein zweites Mal den ESC nicht gewinnen. Der von vielen als frisch und unkonventionell beschriebene Überraschungseffekt wird von den Basics der Realität überholt werden: Der Fähigkeit, wirklich singen zu können, zum Beispiel. Dem Umstand, dass Wettbewerber frischer und besser werden, als noch in Oslo.
Auch, wenn der deutsche Formaterfolg – und mit ihm die ARD – am Tropf von Stefan Raab hängen mag: Auch, wenn prominente Jury-Mitglieder des aktuellen Vorentscheides scheinbar damit einverstanden sind, kritiklos-beißgehemmt im Sog von Raab ihr eigenes Profil mit dem stummem Schleim langweiliger Lena-Song-Huldigungen zu versehen: Europa wird kein zweites Mal damit zufrieden sein, die Bühne für die Selbst-Inszenierung eines Stefan Raab zu bilden. Bei allem Reiz, den zwei deutsche ESC-Siege nacheinander als neuer, nie erreichter Gipfel des Glanzes für Raab  bildeten.
Klüger und professioneller hätte sein können, den Ball flacher zu halten und professionelle Essentials eines Wettbewerbsgerüstes in ihrem Kern nicht zu verbiegen. Man wäre schnell auf die Idee gekommen, dass Lena gegen sich selbst antreten zu lassen, innerhalb eines  Vorentscheides einfach langweilig ist. Musikwettbewerbe leben nicht nur von Songs, sondern auch und gerade von der Ausstrahlung unterschiedlicher Personen, die mit Talent Songs repräsentieren, Musik leben und Auftritte gestalten. Künstler, die im Wettbewerb Fläche für Identifizierung bieten, die mit Herz und Leidenschaft Gewinner und Verlierer produzieren. Zuschauern diesen substantiellen Wert lebendiger Unterhaltung bewusst zu entziehen, ist nicht nur professionell dumm, sondern kann sich letztlich auch in der Quote nicht rechnen. Und: Man hätte das vorher wissen können. Gerade Raab. Er hat es gewusst, und er hat es ignoriert.
Und Lena? Eine junge Frau auf der Spitze des Erfolges erneut in einen europäischen Wettbewerb zu schicken, bildet eine Ausgangssituation, in der man eigentlich nur verlieren kann. Ihr aber – aus welchen Gründen auch immer – die Möglichkeit zu entziehen, sich in einem innerdeutschen Contest gegen andere durchzusetzen, spricht nicht für tiefes Vertrauen in die eigene Substanz. Wichtiger noch: Es nimmt ihr auch die Chance auf nötige, zusätzliche Wettbewerbserfahrung und Entwicklung.
Dieser Umgang beschreibt nicht liebevolle Förderung und Entwicklung, sondern im Angesicht der Herausforderung des neuen ESC eine Strategie unterlassener Hilfeleistung: Statt eine junge Frau menschlich und künstlerisch erwachsener zu machen und wachsen zu lassen, wird so möglicherweise ein Vehikel für Raab-Erfolge verbrannt, bevor es – über Frische hinaus – auf ein breiteres Spektrum an Fähigkeiten zugreifen kann und stabil genug für die Welt von Business und  Markt ist.  In jedem Herbst sind Sommermärchen Geschichte, und es wird kälter. Dann brauchte es für Ganzjahrestauglichkeit nicht Gier nach Glanz, sondern Bedacht und Wärme. Und manches Mal müsste man der Zeit … Zeit lassen.
Das Medienbusiness bezieht wesentliche Teile seiner unverwechselbaren Lebensfähigkeit gerade aus einem ganzen Bündel von Aspekten, die in anderen Branchen undenkbar wären. Erfolg, Größe, Glanz oder Macht sind nicht per se schlecht. In vielerlei Hinsicht jedoch, unter nüchtern professionellen, strategischen und auch menschlichen Aspekten scheint die One-Man-Show des ESC-Vorentscheides zu dünn, zu dürftig und wirklich nachdenkenswert.
Wir werden es betrachten dürfen. Man darf in Zukunft auf manches gespannt sein: Die Quote zum Beispiel. Die Entwicklung von Lena Meyer-Landrut. Auf crosspromo-mäßig ansteigende Frequenzen der Unterstützung von außen, falls Erfolg von innen ausbleiben sollte. Oder auf eine mögliche Konturierung der ARD-Inputs an der Schnittstelle der Kooperation zu Raab und ProSieben.
Am meisten jedoch interessiert ganz grundsätzlich Stefan Raab und mit ihm die Beantwortung der Frage, ob der junge Mann mit den großen Fähigkeiten und dem noch größeren Hunger einmal satt werden darf. Ob er es einmal gut sein lassen kann. Fressen alleine reicht nicht. Man muss auch verdauen können. Raab ist schon gut, er brauchte keine neuen Beweise. Er müsste es nur noch glauben können. Bliebe alles, wie es ist, zeichnete dies auch weiter ein ebenso erfolgreiches, wie im Kern getriebenes und – eigentlich – trauriges Bild.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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