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The Daily: Schauen, staunen, aber bitte nicht lesen!

90% aller neuen Medien-Projekte scheitern. Murdochs iPad-Zeitung "The Daily", die in den USA gestern gestartet ist, dürfte es nicht besser ergehen. Optisch ist sie ein grandioses Multimedia-Erlebnis. Es gibt tolle 360 Grad Fotos, interaktive Infographiken und schöne Videos. Das macht viel Spaß. Inhaltlich ist die "Zeitung der Zukunft" aber leider schwach, inaktuell und oberflächlich. Echte Nachrichten sucht man auf den 100 iPad-Seiten vergeblich. Eine Medien-Revolution sieht anders aus.

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„Neue Zeiten verlangen einen neuen Journalismus“, hat der 79jährige Rupert Murdoch gestern bei der Präsentation seiner iPad-Zeitung „The Daily“ in New York gesagt. Ein erster Klick in die App scheint das zu bestätigen. Die „Zeitung der Zukunft“ ist anders aufgebaut als man das erwartet hätte. Die Kapitel heißen News, Gossip, Opinion, Art & Life, Apps & Games, Sports.

Klatsch an zweiter Stelle, das ist typisch Murdoch. Schließlich ist er Verleger der „New York Post“ und „The Sun“. Aber dafür keine Business-Section? Und Sport an letzter Stelle, hinter Apps & Games? Das überrascht und zeigt, „The Daily“ will anders sein. Es signalisiert aber auch, journalistischen Anspruch sollte man bei diesem „Großversuch zur Rettung der Zeitung“ besser nicht erwarten.

„The inaugural issue“ macht mit dem Thema Ägypten auf: „Mubarak: I’ll step down – eventually“. Die „Topstory“ ist keine 100 Zeilen lang und bringt nichts, was man nicht schon am Vortag im Internet hätte lesen können. Dafür ist der Artikel aber mit schönen, großen Fotos aufgemacht und beinhaltet auch ein kurzes Video.

Wenn man sich dann von Story zu Story wischt, wiederholt sich die Machart. Überall findet man nur kurze Texte, aber viele Fotos und einige Videos. Häufig hat man das Gefühl, die Optik dominiert, der Text ist nur Beigabe.

Toll ist das 360 Grad-Foto von Venedig, schön die interaktiven Infographiken wie „Traffic Signs“ oder auch der Wetterbericht. Das wirkt alles sehr modern, sehr iPad gerecht. Und macht Spaß. Bei einer Zeitschrift würde man sagen, man hat ein tolles Blätter-Erlebnis. Beim iPad muß man wohl von einem Wisch-Erlebnis sprechen.

Im Meinungsteil wird man mit dem Editorial begrüßt: „The message is the medium.“ Und hier man erfährt, wo die Macher den USP ihres Multimedia-Projektes sehen: „Modern technology has given us more ways to tell stories than ever before – words, pictures, audio, video and interactive graphics. The Daily will deliver them all“.

Man muss dem Team um Herausgeber Craig Daily ein großes Kompliment machen: Sie reizen die Möglichkeiten des iPads perfekt aus. Man spürt, dass die Macher von Apple im Hintergrund Regie geführt haben. „The Daily“ ist ein grandioses Zusammenspiel von Text, Fotos, Videos und interaktiven Graphiken – so muss die Zeitung der Zukunft aussehen.
Innovativ ist der „Visual Browser“, toll die Navigation über das „Carousel“, die einen an CoverFlow-Effekt bei iTunes erinnert, perfekt die Verknüpfung mit Facebook und Twitter. Angenehm ist auch, dass man sich die Stories auf Knopfdruck vorlesen lassen kann. Das erinnert an die phantastische App vom „The Economist“.

Das ganze Projekt hat nur eine Schwachstelle: in dieser Zeitung steht praktisch nichts drin! Die Stories sind alt und oberflächlich, es fehlen journalistische Schwerpunkte, alles plätschert so dahin. Am Ende bleibt der User ratlos und frustriert zurück.

Und das wird auch der Grund sein, warum das Projekt trotz innovativer Machart scheitern dürfte. Auch wenn sich die iPad-Zeitung offensichtlich an eine eher anspruchslose, jugendliche Zielgruppe wendet: Einem Vergleich mit der „New York Times“, „Washington Post“ oder auch nur „USA Today“ hält „The Daily“ noch nicht mal ansatzweise stand.

Einmal mehr zeigt sich, dass es praktisch unmöglich ist, eine Tageszeitung von Null aufzubauen. Es ist einfach zu schwierig, für ein solch ambitioniertes Projekt genügend gute Journalisten zu bekommen. „The Daily“ ist deshalb chancenlos – auch wenn Murdoch aus Imagegründen bestimmt lange an seinem neuen Vorzeigeprojekt festhalten wird.

Ohnehin muss man sich fragen, ob eine Zeitung nur fürs iPad nicht eine etwas seltsame Idee ist. Der weltweite Trend geht ja dahin, dass Medienmarken heute alle Distributionskanäle nutzen: Papier, Internet sowie Apps fürs iPhone, Android und iPad. Und daraus ihre Stärke beziehen. In Zeiten der Omnipräsenz ist „The Daily“ eher ein Rückschritt.

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