„Einen Scoop sucht man vergebens“

Rupert Murdoch hat in New York die erste iPad-only-Zeitung, The Daily, vorgestellt. "Nicht weniger als einen neuen Journalismus für neue Zeiten" versprach er laut Spiegel Online bei der Präsentation. Doch ob das Projekt wirklich so richtungsweisend sein wird? "Einen Scoop sucht man vergebens", schreibt der Tagesanzeiger. Das Tech-Blog Mashable zieht ein kurzes, ernüchterndes Fazit: "Insgesamt gibt es viel mehr visuellen als Text-Content – und die geschriebenen Inhalte sind relativ schlecht."

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Faz.net: Der ersten Ausgabe nach zu urteilen, hat Murdochs Boulevardblatt „New York Post“ eher Pate gestanden als sein „Wall Street Journal“. Aber ein Vergleich mit beiden Zeitungen führt nicht allzu weit. Auf dem iPad leuchtet jetzt nachrichtentechnisch in der Tat ein neues Ding auf. Es hat die visuellen und interaktiven Eigenschaften der Medienportale im Internet übernommen und weiterentwickelt. Die Augen kommen zuerst auf ihre Kosten.
Spiegel Online: Nicht weniger als einen neuen Journalismus für neue Zeiten versprach Murdoch bei der Präsentation in New York. Das Zeitungsprinzip ist dann aber doch ganz das Alte: Jeden Tag schnürt seine Redaktion ein Nachrichtenpaket, das an die Leser ausgeliefert wird. In diesem Fall ist es eine App, die ihre Texte und Bilder via Internet zugeliefert bekommt.
Süddeutsche Zeitung: Die Zeitung wird nur auf dem iPad zu lesen sein, nicht auf Papier, nicht online, nicht einmal auf Smartphones. Und, vielleicht die größte Hürde: Die Leser sollen dafür zahlen. 99 Cent fürs Wochen-Abo oder 39,90 Dollar im Jahr. Hoch sind diese Beträge nicht. Aber in den USA, wo die allermeisten Zeitungen und Zeitschriften noch ihre letzten Artikel kostenlos im Netz verfügbar machen und mit Multimedia-Angeboten anreichern, werden auch diese Summen viele irritieren.
Berliner Zeitung: Das alles ist sehr hübsch und gut gemacht. Aber wird es tatsächlich die Medienlandschaft umkrempeln? 99 Cent in der Woche oder 40 Dollar im Jahr soll dieses Angebot im Abo kosten. Das ist nicht viel, doch die meisten Inhalte im Netz sind kostenlos. Und die Konkurrenz wächst. Für Murdoch sprechen indes, wie so oft, sein langer Atem. (…) 30 Millionen pro Jahr gibt er für den Daily aus – für das News Corp Imperium ein Trinkgeld. Dafür kauft sich Murdoch die Chance, sich als Pionier unsterblich zu machen.
Tagesanzeiger: Der inhaltliche Schwerpunkt der ersten Ausgabe liegt in der Unterhaltung – viele Videos, Games und multimediale Inhalte und viel Sport (Basketball und Resultate). Einen Scoop sucht man vergebens: Die Berichterstattung wird von den Schneestürmen in den USA und den Unruhen in Ägypten dominiert. Obwohl als Tageszeitung konzipiert (The Daily erscheint auch am Samstag und Sonntag), kommt sie sehr magazinmäßig daher.
Teltarif: Auffällig bei "The Daily" ist ein häufig wechselnder Seitenaufbau, eine sehr starke Bildsprache in allen Artikeln und Genres und eine geschickte, aber starke Verknüpfung von verschiedensten Multimedia-Inhalten in einer Geschichte. Ebenso überrascht "The Daily" immer wieder mit anderen Navigationselementen. Gerade letzteres wirkt zumindest zu Beginn störend, weil der Nutzer an mancher Stelle gar nicht weiß, ob es nun mit einem Wisch zur Seite, nach unten oder dem Kippen des Tablets weitergeht. Interessanterweise legt sich diese Verwirrung aber bereits bei der zweiten oder dritten Nutzung und speziell der "Aufruf" der zu einer Meldung passenden Bilderdatenbank durch bloßes Kippen des Tablets vom Hoch- in das Querformat überzeugt.
Macnews: Das Magazin bietet zunächst eine schön anzusehende Startseite auf der News, Datum, Uhrzeit, das aktuelle Wetter und eine Menüleiste dargestellt sind. Mit Hilfe der sogenannten Karussel-Navigation, die stark an Apples Cover Flow-Navigation erinnert, lassen sich die News durchstöbern. Über die Menüleiste gelangt man zu den Themen News, Unterhaltung, Meinung, Kunst & Kultur, Apps & Spiele und Sport.
New York Times: Mit hochauflösenden Fotos, gestochen scharfem Schwarz-auf-Weiß-Text und HD-Videos ist The Daily ein gattungsübergreifendes Medium – eine Nachrichtenwebseite, ein Hochglanzmagazin und ein Netzwerk für Nachrichten. Die Artikel reichen von weltweiten News bis hin zu Features.
Washington Post: The Daily ist manchmal etwas träge. Das Interface, das einen beim Start begrüßt, reagiert verzögert auf die Nutzer-Gesten und auch einige Bewegungen auf den Bildschirmseiten lassen einen warten.
Guardian: News Corps iPad-Zeitung bietet glitzernde Grafiken, Videos und Live-Updates zum kleinen Preis. Aber ob es auch eine Nische finden wird?
Techcrunch: The Daily sieht mehr nach einem Magazin als nach einer Zeitung aus, mit großartigen Fotos und teilweise interaktiven Grafiken und Videos. In den Geschichten sind keine Links, trotzdem kann man alle Storys auf Facebook, Twitter oder Email teilen. Das ist aber alles an Social-Media-Features. Verknüpfungen mit Flipboard oder News.me sind nicht möglich.
Mashable: In der Erstausgabe sind nur zwei richtige Nachrichtenartikel. Eine davon (über den ägyptischen Präsidenten Mubarak) wurde von fast allen Nachrichtenseiten berichtet; die andere geht über den Schneesturm in den USA und stammt von der Agentur AP. (…) Insgesamt gibt es viel mehr visuellen als Text-Content – und die geschriebenen Inhalte sind relativ schlecht.

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