Die neue Magazin-Lust am Eskapismus

Ein Thema lässt die Zeitschriftenbranche nicht los: der unheimliche Erfolg von Landlust. Es gibt mittlerweile viele mehr oder weniger erfolgreiche Nachahmer. Und man versucht, das Thema Entschleunigung und Glaubwürdigkeit auf andere Freizeit-Themen auszudehnen. Bei der jüngsten IVW-Auflagenanalyse gab es einen Mini-Höhenflug der Outdoor- und Berg-Zeitschriften. Gleichzeitig feiert das Bergmagazin allMountain im April eine Wiederauferstehung. Eines ist all diesen Magazinen gemeinsam: Eskapismus auf Papier.

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Die Zeitschrift Outdoor aus dem Verlag Motor-Presse Stuttgart (gehört zu Gruner + Jahr) hat im vierten Quartal 2010 einen bemerkenswerten Auflagenschub hingelegt. Um fast 25 Prozent kletterte die verkaufte Auflage auf über 40.000 Exemplare. Den Löwenanteil macht ein deutlicher Zuwachs im Einzelverkauf aus. Auch das Magazin Alpin wuchs um etwas über 17 Prozent, Das sehr spezialisierte Heft klettern legte immerhin um knapp sechs Prozent zu und die Mitgliederzeitschrift des Deutschen Alpenvereins, Panorama, wuchs um 4,2 Prozent auf knapp 540.000 Exemplare. Letzteres ist freilich in erster Linie ein Indikator für steigende Mitgliederzahlen beim DAV.
Aber vielleicht gibt es da ja einen Zusammenhang. Vor dem Hintergrund der vielen Auflagenrückgänge nehmen sich die Zuwächse in der Mini-Nische Outdoor- und Berg-Magazine schon wie ein kleiner Gipfel der Besonderheit aus. Landlust, die Mutter der Entschleunigungs-Presse, hat in der IVW im vierten Quartal wieder über 22 Prozent an verkaufter Auflage zugelegt und kratzt jetzt schon an der 800.000er-Marke. Wenn man so will markiert die Landlust den Mount Everest der Eskapisten-Magazine.
Aber auch unter diesen schwindelerregenden Höhen können Geschäfte gemacht werden. Die frühere Vogue- und Cosmopolitan-Chefredakteurin, Charlotte Seeling, startete im vergangenen Jahr das Magazin Alps, das das alpine Lebensgefühl auf den Punkt bringen will. Der atlas Verlag versuchte, ebenfalls im vergangenen Jahr, allzu offensichtlich auf den Landlust-Zug aufzuspringen und modelte das Magazin allMountain zur Berglust um. Das Ergebnis fiel aber inhaltlich so dünn aus wie die Luft in der Todeszone im Himalaya. Entsprechend verstarb Berglust auch recht schnell. Chefredakteurin Petra Thaller wagt im April den nächsten Versuch, diesmal wieder mit dem alten Namen allMountain und mit Delius Klasing als neuem Verlag. Man wird sehen.
Ursprünglich erschien allMountain übrigens im Verlag Brinkmann Henrich Medien. Dort erscheint auch nach wie vor das nicht IVW-gelistete aber durchaus lesenswerte kleine Magazin Wanderlust. Dieses Heft widmet sich nicht ausschließlich alpinen Regionen, sondern durchforstet auch das deutsche Mittelgebirge publizistisch.
Warum also dieses Gewusel im publizistischen Segment der Eskapisten-Magazine? Zum Einen bedienen solche Zeitschriften ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Entschleunigung in unserer hektischen Zeit. Zum Anderen steht ein handfeste wirtschaftliches Kalkül dahinter. Auch in der Krise verzeichnete die Outdoor-Branche gewaltige Wachstumsraten. Der deutsche Marktführer Jack Wolfskin hat seinen Umsatz im Krisenjahr 2009 um 22 Prozent gesteigert. Die Einzelhandelskette Globetrotter eröffnet im März in München ein riesiges neues Kaufhaus. Pro Jahr geben allein die Deutschen rund 1,6 Milliarden Euro für Gore-Tex-Jacken, Wanderstiefel und Co. aus. Tendenz stark steigend.
Dabei ist es für die Magazin-Macher und Jacken-Hersteller letztlich egal, ob die Konsumenten in ihren Hightech-Hochalpen-Jacken wirklich die Groß-Venediger-Tour aus der Outdoor nachkraxeln oder mit dem Teil nur zum Bäcker und ins Büro radeln. Hauptsache das Lebensgefühl stimmt und die Kasse klingelt.

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