Was vom Dschungel übrig bleibt

Es vorbei: Das große Medienspektakel 2011, die RTL-Dschungelshow “Ich bin ein Star - holt mich hier raus!”. Am Sonntag gab es nochmal die Wiedersehens-Show mit (fast) allen Camp-Insassen, nun holt uns der triste TV-Alltag ein. Wir wollen noch ein letztes Mal zurückblicken auf diese bemerkenswerte Staffel der Dschungelshow. Nie hatte RTL bei diesem Format mehr Zuschauer, nie gab es mehr “Skandale” und noch nie wurde soviel über die Show und ihre vielen Meta-Ebenen geredet und geschrieben. Eine Nachlese.

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Das Feuilleton – sie hassten und sie guckten es

Das deutsche Feuilleton hat ein zwiespältiges Verhältnis zum Dschungelcamp. Einerseits ist das Format per Definition Trash-TV, andererseits gucken es so ziemlich alle und lustig ist es ja auch. Also muss man darüber berichten. Bei manchen waren die quälenden Selbstzweifel beim Schreiben fast mit Händen zu greifen. Eleonore Büning ließ in der FAZ einen schriftlichen Seufzer los: “Wir vom Feuilleton könnten nun aufatmen und uns wieder anderen weichen Themen zuwenden, es soll ja zurzeit einige Brennpunkte mehr geben in der Welt, die einen Kommentar nach ethisch-ästhetischen Kriterien vertragen.” Auch Stefan Kuzmany wand sich auf Spiegel Online, zitierte Mathieu Carrière Sorry-Brief an Peer (aufgepasst, Meta-Ebene!), geißelte seine eigene Dschungel Texte womöglich ironisch als “unsäglich” und musste doch zugeben: “Es ist zwar noch jung, dieses Fernsehjahr – aber was hier geboten wurde, wird in den kommenden elf Monaten schwerlich zu übertreffen sein.” Die taz sprang auf auf die Dschungel-Berichterstattung auf und titelte, sich selbst in gewisser Form treu bleibend, mit Rainer Langhans: “So mies lief der Rainer-Rauswurf!” – prompt hagelte es von den weniger humorvollen taz-Lesern Abo-Kündigungen. Dabei war das Camp doch diesmal laut taz "eine intellektuelle Herausforderung". Blogger-Papst Stefan Niggemeier begab sich zum Finale zum Live-Bloggen und auch der medienkritische Blogger Thomas Knüwer feierte die Meta-Ebene des Camps. Nie war das Camp so meta wie heute.

Die Kandidaten – wer vom Dschungel übrig bleibt

Peer Kusmagk blieb sich selbst treu. Das war zwar eine weinerliche Angelegenheit, aber auch irgendwo sympathisch. Mit Hut und Stoff-Äffchen Schotty schaffte er es bis auf den Dschungel-Thron. Sein Sieg nach dem ganzen Psycho-Krieg im Camp diesmal besonders hart erkauft. Er wird womöglich wieder den einen oder anderen Moderationsjob bekommen – so bekannt wie jetzt, war er jedenfalls noch nie. Auch Nerv-Natter Sarah Knappik alias “Dingens” schwafelte in der Wiedersehens-Show bereits gut gelaunt von “Projekten”. Von ihr werden wir also künftig wohl auch wieder hören. Immerhin: Indiana-Jones-Hut ab für Fräulein Knappik, dass sie der doppelköpfigen und doppelzüngigen wahren Dschungel-Natter Jaydira konsequent ein Sorry verweigerte. Ganz anders der Judas Wendehals des Camps: Mathieu Carrière. Er entschuldigte sich wortreich bei seinem ehemaligen Camp-Kumpel Peer dafür, dass er ihn so mies behandelt hatte. Dass Monsieur Carrière seine Charakterschweinhaftigkeit erst aufgegangen war, nachdem er nach dem Camp-Auszug die miese Presse über sich gelesen hatte, macht seine Entschuldigungs-Arie freilich nicht sonderlich glaubwürdig. Ins Camp reingegangen ist er, nach seinen eigenen Worten, als “intelligentes Arschloch”. Rausgegangen ist er nach Meinung vieler Zuschauer als “intrigantes A….loch”. Operation Imagepflege: fehlgeschlagen. Auch bei Jay Khan, der nach seinem Nervenzusammenbruch als einziger der Wiedersehens-Show fernblieb, muss man festhalten: Es hat nicht alles so richtig spitzenmäßig geklappt. Herr Khan wollte nach eigenen Ankündigungen im Camp Sex haben, sein Image aufpolieren und seine Heterosexualität demonstrieren. Jetzt gilt er als mieser Schauspieler, Intrigator, “Gay-Jay” und auch sein Haarausfall wurde vor Millionen dokumentiert. Er wird vermutlich erstmal in Deckung bleiben. Katy Karrenbauer hat dank Dschungel eine bessere Haut und ist ihre Schulden los. Auch was wert.

Die Moderatoren – ein Dream-Team

Dirk Bach und Sonja Zietlow sind maßgeblich für den riesigen Erfolg der Show mit verantwortlich. Ihre zwischen Satire und Kalauer changierenden Kommentare waren mit das Beste, was im deutschen TV seit langer Zeit an Moderation zu hören war. Dabei blieben auch der eigene Sender mit seinen anderen Erfolgs-Shows, die Tagespolitik und die Bild-Zeitung nicht verschont. Die beiden haben mit der Dschungelshow ein Format gefunden, das zu ihnen passt wie sonst nur noch “Wer wird Millionär?” zu Günther Jauch: perfekt!

Die Werbe-Wirtschaft – ein Haufen Ignoranten

Und zum Schluss noch ein Wort zur werbetreibenden Wirtschaft: Welche Ignoranten machen da eigentlich die Mediapläne? Glaubt wirklich einer, es sei dem Erfolg von Produkten abträglich, im Umfeld der Dschungelshow zu werben? Beim “Supertalent” stecken sich nackte Männer Feuerwerkskörper in den Anus und es juckt auch keinen. Gegen die sonstige, menschenverachtende Privat-TV-Kirmes von "Bauer sucht Frau" bis "Richterin Barbara Salesch" ist das Dschungelcamp intelligente, hervorragend produzierte TV-Unterhaltung. Wir freuen uns jedenfalls schon auf die nächste Staffel!

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