Medien suchen Distanz zu Wikileaks

Nach der Veröffentlichung der Botschaftsdepeschen geht das Medientrio New York Times, Guardian und Spiegel auf Distanz zur Enthüllungsplattform Wikileaks und ihrem Gründer Julian Assange. Sowohl New York Times als auch der Spiegel haben Bücher veröffentlicht, in denen sie die schwierige Zusammenarbeit mit dem Enthüller Assange enthüllen. Vor allem Bill Keller, der Chefredakteur der New York Times, findet deutliche Worte: Das Verhältnis zu Wikileaks sei in offene Feindschaft umgeschlagen.

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Keller rekapituliert in einem langen Essay in der New York Times die Geschichte der Zusammenarbeit mit Wikileaks. Das Essay ist sein Vorwort zu dem von der Times vertriebenen E-Book “Open Secrets: WikiLeaks, War and American Diplomacy: Complete and Expanded Coverage from The New York Times”. Die Spiegel-Reporter Marcel Rosenbach und Holger Stark haben ihrerseits das Buch “Staatsfeind WikiLeaks – Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert” veröffentlicht. Der Spiegel geht mit Wikileaks nicht ganz so hart ins Gericht wie die New York Times, der Ton ist aber auch deutlich kritisch. In Kürze kommt dann noch “Inside Wikileaks” vom ehemaligen Wikileaks-Sprecher und OpenLeaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg, mutmaßlich auch mit viel Kritik, und später im Frühjahr dann die Autobiographie von Julian Assange selbst. Wikileaks genießt als eigenes Medien-Meta-Thema mittlerweile deutlich mehr Aufmerksamkeit als die Geheimnisse, die es enthüllt.

Zu diesem Schluss kommt auch Bill Keller in seinem Essay: “Zum Ende des Jahres hatte die Story dieser Sicherheitslücke die Story der eigentlichen Inhalte der Geheimdokumente überflügelt und viele kurzatmige Spekulationen angeheizt, dass etwas – Journalismus, Diplomatie, das Leben, wie wir es kennen – sich grundlegend für immer geändert habe.”

Dem Keller-Stück in der New York Times ist in fast jeder Zeile das Unbehagen anzumerken, mit dem der Chefredakteur in die Zusammenarbeit mit Julian Assange gegangen sein muss. Er nennt die Wikileaks-Leute einen “geheimbündlerischen Kader von Anti-Geheimnis-Aktivisten”. Er hebt hervor, dass Wikileaks das berühmte “Collateral Murder” Video geschnitten und bearbeitet habe, damit es zu einem Stück Anti-Kriegs-Propaganda werden konnte. Assange habe sich im Laufe der Veröffentlichungen gewandelt von einem müffelnden Typen in schmutzigen Socken zu jemandem mit stilvollen, eng anliegenden Anzügen, dem die Frauen zu Füßen liegen. In diesem Zusammenhang darf ein Hinweis Kellers auf die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange aus Schweden nicht fehlen. Kein Zweifel: Der Chef der New York Times ist kein Freund von Julian Assange.

Aber auch das Verhältnis von Wikileaks zum englischen Guardian und zum deutschen Spiegel scheint zerrüttet. Der Guardian hat hinter dem Rücken von Assange die Botschafts-Depeschen an die New York Times weitergeleitet. Das US-Blatt, war bei Assange wegen eines kritischen Porträts zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr wohlgelitten. Und auch der Spiegel habe darauf gedrängt, dass die New York Times an Bord bleibt. Assange erweiterte den Kreis der Kooperationsmedien daraufhin um Le Monde (die schon bei den Irak-Protokollen mit im Boot war) und die spanische El Pais.

Bemerkenswert ist dabei freilich auch, wie sehr sich das Bild ändert, das die Medien von Assange zeichnen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente war er noch eine Art Held. Im überaus freundlichen Spiegel-Porträt “Der Enthüller” zur Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle kam er “federnden Schrittes” hereinspaziert, ein “hochintelligenter, selbstbewusster 39-Jähriger”. Und weiter: “Er trägt eine seltsame Kombination aus einem knittrigen Jackett, einem T-Shirt und Cargohosen, seine Füße stecken in ausgelatschten Turnschuhen, er ist unrasiert und sieht aus, als habe er zwei Nächte lang nicht geschlafen. Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub.” Zwar werden in dem Porträt auch Kritikpunkte an Wikileaks angesprochen, was aber hängen bleibt ist das Bild eines genialen Hacker-Helden.

Bei Bill Keller klingt die gleiche Begegnung nun ganz anders. Er sei unrasiert und bleich gewesen, habe ein dreckiges weißes Hemd und schmutzige Socken getragen und gerochen, als habe er sei Tagen kein Bad mehr genommen, schildert Keller die Eindrücke des Times-Reporters, der bei dem Treffen anwesend war. Zudem habe Assange damals auch schon blühenden Unsinn erzählt, etwa dass in Berlin systematisch Stasi-Akten von eingeschleusten Ex-Stasi-Offizieren vernichtet würden. Nachdem die Info-Ehe nun geschieden ist, wird mit Herzenslust über den Ex-Partner hergezogen.

Sollte Wikileaks weiteres Material zu veröffentlichen haben, kann man wohl davon ausgehen, dass sich “Der Enthüller” Assange neue Medienpartner suchen wird.

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