Schimanski: Schluss mit Pommes Schranke

Er ist bald 73, und noch immer eine Referenz für aktuelle "Tatort"-Kommissare: Horst Schimanski alias Götz George. Für Sonntagabend hatte die ARD einer seiner raren Auftritte als Duisburger Ermittler Horst Schimanski im Ersten angesetzt. "Schuld und Sühne" ist ein Episode ohne Schnörkel, in der der einst beliebteste "Tatort"-Ermittler alle Stärken ausspielen kann. Seine Ermittlungen führen ihn in ein Polizeirevier, wo der Ex-Kollege mit einer Mischung aus Ablehnung und Verachtung empfangen wird.

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Ausgemustert ist Schimanski schon seit Jahren, aber der Schnüffler-Instinkt ist geblieben. Längst ist der ihn umgebende Sumpf aus Hoffnungslosigkeit, Kleinkriminalität und Bandentum in Duisburg-Marxloh nicht mehr sein Kriegsschauplatz, aber "Schimi" ist immer noch da. Er ist pleite, hängt ab. Während andere arbeiten, ist sein Lebensmittelpunkt die Frittenbude, wo er in trostloser Regelmäßigkeit Currywurst und Pommes rot-weiß ordert.
Aber der Eindruck täuscht. Der Ex-Kommissar ist zwar im Rentner-Modus, doch nur so lange, wie man ihm nicht in die Quere kommt. Dies geschieht, als der Sohn einer Freundin Selbstmord begeht – nun ist erstmal Schluss mit "Pommes Schranke". Oliver Hoppe war Polizist und hatte die letzten Monate Dienst auf der Wache Ruhrstraße getan. Schimanski spürt schnell, dass die ehemaligen Kollegen den Freitod allzu rasch abhaken und zu den Akten legen wollen. Er geht der Sache auf den Grund und bewegt sich schnell in einem Dickicht aus Korruption, Werteverfall und tödlicher Gefahr. Und er begreift: Hinter der Fassade der Ordnungsmacht öffnet sich ein Abgrund, der sich nur durch die Lederjacken der Schupos von der kriminellen Verwahrlosung der Straßengangster unterscheidet.
"Das ist ein Scheißjob", sagt Schimi, als er den einstigen Kollegen bei der deprimierenden Routine zusieht, "möchte ich heute nicht mehr machen." Muss er aber, und die Art, wie er den Fall löst, macht ihn zu einem so klassischen Schimanski, als wäre dieser schon vor einem Vierteljahrhundert gedreht und ausgestrahlt worden. Im Jahr 2011 einen Schimanski zu sehen ist wie der Streifzug durch ein Museum, in dem seit dem letzten Besuch hier und da umgeräumt wurde, aber alles an das erinnert, was einem seit langem vertraut ist.
Die Erfolge der (seltenen) Folgen legen die Vermutung nahe, dass die Zuschauer es so wollen. Auch mit über 70er strahlt George noch die grimmige, ungestüme und ungelenke physische Präsenz aus wie vor Jahrzehnten, sucht man vergeblich nach einem grauen Haar, einer Varianz in der Kleiderordnung – auch diesmal wieder Parka und Holzfällerjacke –, selbst die alte Karre, die er fährt ist der gleiche Citroen CX wie in den 80er Jahren. Und doch oder gerade deshalb macht der Alte es denen vor, die heute hauptberuflich Verbrecher jagen und sich die Ausreden für Verstöße gegen die Dienstordnung ebenso in die Uniformtasche lügen wie sie an falschen Loyalitätsprinzipien festhalten und so immer tiefer in die Gesetzlosigkeit abrutschen.
Schimanski wirkt da wie ein pastoraler Gegenentwurf. Er hat nichts zu gewinnen, aber – immerhin – seine einstigen Grundsätze nicht im Laufe seiner Dienstjahre über Bord geworfen. Als alle den ersten Fall achselzuckend abhaken wollen, sagt er fast hilflos: "Wir sind immer noch Bullen." Die anderen sagen: "Du bist gar nichts, Schimanski." Und: "Seit wann dürfen Rentner Polizisten verhören?" Schimi wäre nicht Schimi, wenn er das nicht als Auftrag begreifen würde. Am Ende sind vier Menschen tot, das Wort "Scheiße" ist gefühlt mehr als ein Dutzend Mal gefallen, Schimanski geht ab und lässt den überführten Drahtzieher von allem mit seiner Schuld allein: "Ist Kriegsende, so oder so." Der Plot des WDR-Films (Drehbuch: Jürgen Werner, Regie: Thomas Jauch) ist nicht besonders raffiniert, überzeugt aber durch die atmosphärische Dichte und die stimmige Besetzung. Ergebnis ist ein sehenswerter Sonntagsabendkrimi, von dem es vielleicht nicht mehr allzu viele geben wird.
Dass nämlich auch an Schimi die Zeit nicht spurlos vorübergeht, äußert sich eher am Rande. Als er nach der Bierflasche greift und einen Öffner sucht, schaut ihn sein Gegenüber kopfschüttelnd an: "Musste nicht, ist Drehverschluss." Auch ein Schimanski kann also noch lernen.

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