Show-Unfall: ZDF wollte die Auto-Wette

Mit wissenschaftlicher Akribie untersuchte ein Expertenteam im Auftrag des ZDF den tragischen Unfall bei "Wetten, dass..?". Das Ergebnis wurde am Mittwoch in Köln vorgestellt. Das Gutachten gibt nicht nur Einblick in den detaillierten Verlauf des Sturzes von Samuel Koch - es dokumentiert auch, wie es zum Ablauf-Szenario kam. Die Sichtung der Unterlagen zeigt: Die Redaktion der Show verwarf eine Reihe alternativer Vorschläge und wollte die Auto-Wette. Auch eine "Risikoabschätzung" fand offenbar nicht statt.

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Damit bleiben auch nach Vorlage der Gutachter-Stellungnahmen, durch die sich der Sender entlastet sieht, wichtige Fragen offen. So heißt es in der Expertise der Sporthochschule Köln unter dem Punkt „Abschätzung der Güte und Angepasstheit der Risikoeinschätzung der Wette durch das ZDF“: „Eine Risikoabschätzung in Bezug auf die Präzision des Absprungortes bei zwei sich mit nicht exakt kontrollierter Geschwindigkeit aufeinander zu bewegenden Objekten (Sprungstelzenspringer und Auto) ist den zur Verfügung gestellten Unterlagen nicht zu entnehmen“. Offenbar ist das ZDF bei der Wette im entscheidenden Punkt, nämlich der Risikoeinschätzung, nachlässig gewesen. Der Gutachter kommt im selben Absatz zu dem Ergebnis, „dass das Erreichen einer hinreichend präzisen Position ohne zusätzliche Anlauf- oder Kontrollmarken des dem Auto entgegenlaufenden Springers in hohem Maße risikobehaftet ist.“
Zuvor bezeichnet der Gutachter des Überspringen von bewegten Hindernissen als „besonders kritisch“. Insbesondere wenn Flüge mit Salti und vor allem Vorwärtssalti gekoppelt würden und möglicherweise über bewegte Objekte erfolgen, erfahre „das Unfall-  bzw. Versagensrisiko eine weitere Steigerung“.
Warum aber entschied sich die Redaktion ausgerechnet für das allem Anschein nach riskanteste Szenario der Wette? Die Hamburger Agentur Joe Alexander Entertainment Group hatte beim ZDF tatsächlich eine ganze Batterie von Vorschlägen für Sprungstelzen-Wetten eingereicht. Der am Mittwoch vorgelegten ZDF-Dokumentation zufolge war die später durchgeführte Wette nur eine von fünf von der Agentur angebotenen Wetten. Danach wurde auch vorgeschlagen „innerhalb von zwei Minuten ca. 20 Lichter/Laternen/Fackeln (10 Meter langer Parkour), die in ca. 3 m Höhe gehalten werden, während des Luftsaltos ‚auszuknipsen'“, „innerhalb von 2 Minuten 20 jeweils 2 m entfernte und genauso hohe Teller o. ä. im Spagat-Sprung zu zertreten“ oder „seilspringend Rückwärtssaltos, während Saltos Flaschen öffnen“.
Das Gutachten der Kölner Wissenschaftler stellt in diesem Zusammenhang fest, die zuständige Redakteurin Beate Weber habe auf das Angebot der Agentur hin mitgeteilt, „dass ein redaktionelles Interesse an den Wettvorschlägen bestehe, wobei die Priorität bei Wettvorschlag 2“, der später durchgeführten Auto-Wette, liege. Da der Zeitraum bis zur nächsten „Wetten, dass..?“-Sendung „für eine Realisierung der Auto-Sprung-Wette […] als zu knapp bemessen angesehen wurde“, reichte die Agentur nochmals drei weitere modifizierte Wetten ein. Gleichzeitig reichte die Agentur Videos ein, in denen die drei Wettangebote beispielhaft bebildert wurden. „Nach Sichtung dieser Videos wird der Agentur mitgeteilt, dass die Redaktion weiterhin die Auto-Sprung-Wette favorisiere“.
Im Klartext: Unter insgesamt acht spektakulären Wett-Vorschlägen entschied man sich beim Sender stets für die Auto-Wette. Das mag Zufall sein. Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass „Wetten, dass..?“ einen millionenschweren Werbevertrag mit einem Auto-Konzern hat, dessen Logos und Produkte in der Sendung aus Kundensicht möglichst oft präsent sein sollen. Schon im September hatte das Branchenmagazin Journalist über die übermäßige werbliche Präsenz der Ingolstädter beim ZDF-Quotenriesen berichtet und enthüllt, dass die Kooperation mit Audi der Show für zwei Staffeln insgesamt 1,8 Millionen Euro in die Produktionskassen spüle. MEEDIA berichtete darüber am 6. Dezember, zwei Tage nach dem Unfall und war damals zum Teil heftig kritisiert worden. Dabei ging schon damals es im Wesentlichen um die Frage: „Könnte es nicht sein, dass bei dem Gemisch aus Produktions-Beihilfen, Sponsoring und Product-Placement, dem ganzen Gekuschel zwischen Auto-Industrie und Spektakel-TV das Gefühl dafür verloren gegangen ist, was noch machbar ist?“
Dieser Einschätzung widerspricht das Gutachten nicht. Es zeichnet statt dessen den weiteren Verlauf der Planungen bis hin zum Unglückstag, dem 4. Dezember:
Anfang Oktober fand in der Olympiahalle ein München ein Treffen statt, an dem Samuel Koch, die ZDF-Redaktionsmitglieder Beate Weber und Markus Templin und Agentur-Chef Joe Alexander teilnahmen. Zu dem Treffen heißt, dass in „einem ersten Brainstorming“ auch „ein VW-Bus“ als Sprungobjekt durchgespielt wurde. Koch habe der ZDF-Redaktion später jedoch mitgeteilt, „dass ein VW-Bus auf keinen Fall möglich sei“, so der Bericht.
Als nächstes testete Koch am 6. November in der Expo-Halle in Hannover einen Audi Q7. Das Auto sei Koch „zu Testzwecken zur Verfügung gestellt worden“, da „bei der Produktion in Hannover als sog. Shuttle-Fahrzeug unter anderem auch das Fahrzeug-Modell Audi Q7 zum Einsatz kommt“. Am selben Abend brachte Koch den Audi jedoch „in die TUI-Arena zurück und teilt dem ZDF-Mitarbeiter Timo Frey (Aufnahmeleitung) mit, dass der Audi Q7 nicht in das Portfolio der möglichen Fahrzeuge aufgenommen werden kann, da er zu lang und zu hoch sei“. Später schrieb Koch dem ZDF noch per E-Mail, „dass es eine zu unkontrollierbare und damit sicherheitsgefährdende Angelegenheit wäre, den Audi Q7 zu überspringen.“ Überraschenderweise fragte Koch in der selben E-Mail dann ausdrücklich nach Modellen von VW und Audi: „Ist es ansonsten wichtig, dass alle weiteren Autos möglichst unterschiedlichen Fabrikats sind oder könnten auch alle z.B. Volkswagen oder gar Audi-Modelle sein“?
Einen Tag später benannte Koch dem ZDF schriftlich fünf Automodelle für die Wette, einen Fiat 500, einen Audi TT, einen BMW 1er 129i, einen Mercedes B-Klasse und einen Porsche Cayenne (altes Modell). Auch eine Liste mit Alternativfahrzeugen fügte Koch bei. In dieser Liste findet sich der Audi A8, mit der er später zusammenprallte, erst an vierter von fünf Stellen und hier an zweiter Stelle von drei Fahrzeugen. Die Fahrzeugauswahl von Koch wurde am selben Tag von der Redaktion „Wetten, dass..?“ an die ZDF-Clearingstelle zur Prüfung weitergeleitet. Diese teilte mit, dass die „Fahrzeugauswahl in Ordnung ist, so lange eine Vielfalt der Modelle gegeben ist und kein Fahrzeughersteller bevorzugt wird“. Insoweit stelle „auch ein Audi-Fahrzeug kein Problem“ dar. Am Folgetag traf die Redaktion die Endauswahl über die Fahrzeuge. Hier landete der Wagen des ZDF-Partners Audi, den Koch zuvor weit hinten genannt hatte, an vierter Stelle und schaffte es somit in die Sendung.
Auch der Augenblick des Aufpralls wurde von den Wissenschaftlern und Experten in Biomechanik exakt simuliert. Dabei zeigt sich, wie extrem hart das Aufeinandertreffen war, das lediglich 60 Millisekunden dauerte. So habe das Drehmoment mehr als 450 Newtonmeter betragen. Die maximale Beschleunigung des Kopfes habe 350 g betragen. Schon bei 4 oder 5 g wird vielen Menschen schwarz vor Augen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Samuel Koch sofort bewusstlos war. Und: „Solche Kräfte kann kein Wirbelgelenk aushalten.“ Beim anschließenden unkontrollierten und ungebremsten Aufprall auf den Hallenboden habe sich Koch zwei weitere Halswirbel gebrochen.
ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut bewies bei der Einordnung des Gutachtens Größe. Für seinen Sender, so sagte der 55-Jährige, sie die Sache nicht geklärt – entgegen allen Erklärungen und entlastenden Argumenten: „Die Verantwortung liegt trotzdem bei uns.“ Bellut kündigte an, dass sich der Sender dauerhaft um das Unfallopfer kümmern werde. Dessen genauer Gesundheitszustand blieb auf der Pressekonferenz unklar. Dass der 23-Jährige dauerhaft irreperable und schwerste Lähmungen davontragen wird, ist für die behandelnde Ärzteschaft inzwischen traurige Gewissheit. Die Öffentlichkeit wird diese Nachricht erst später erfahren.

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