Sarah-Debakel: Übergeigt RTL sein Format?

In der gestrigen Folge von “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” eskalierte der Streit um Sarah “Dingens” Knappik so sehr, dass RTL nicht mehr in der Lage war, einen Kandidaten zu benennen, der das Camp verlassen sollte. Es war nicht weniger als die moderne Inszenierung von Goethes Zauberlehrling. Denn die “Geister”, die RTL mit dem tagelangen Streit “Camp-Kandidaten vs. Sarah” quotenreich rief, sprengten das Format. Nicht mehr RTL hatte die Zügel in der Hand, sondern die Dschungelbewohner.

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RTL hat ganz wissentlich mit dem Feuer gespielt. Dass der Streit zwischen dem blonden Model Sarah Knappik und den anderen Campbewohner irgendwann vollends eskalieren würde, war für Zuschauer und Sendungsverantwortliche gleichermaßen absehbar. Doch quotentechnisch ließ sich das “Alle gegen Eine” einfach zu gut vermarkten und bescherte der Sendung einen Staffelrekord nach dem anderen. Psychologisch betrachtet wäre es vielleicht für ein gesundes Miteinander besser gewesen, Sarah vorzeitig nach Hause zu schicken.

Keine klare Choreograpfie, sondern Anarchie
So wurde die gestrige Sendung aber zum Schauort gleich zweier Premieren: Erstmalig in der Geschichte der Sendung stellten sich die Bewohner versammelt gegen eine Kandidatin und forderten ihren Rauswurf. Und erstmalig in der Geschichte der Sendung schaffte es RTL nicht, sich an seine eigenen Sendungsregularien zu halten. Denn zum Ende der Sendung war nicht klar, wer gehen muss oder ob ein Kandidat freiwillig das Feld räumt.

Für eine TV-Show, die sonst mit ihren klar durchchoreografierten Abläufen gute Quote macht, kann das keineswegs im Sinne des Erfinders sein. Ansonsten folgt eine Folge Dschungelcamp einer knallhart durchgetimten Struktur: Erst ein wenig Gossip aus dem Camp, dann die Schatzsuche, die Ernennung des Camp-Anführers, eine Dschungelprüfung und schlussendlich die Bekanntgabe des Kandidaten, der das Camp verlassen muss. Alles gespickt mit bitterzynischen Kommentaren von Sonja Zietlow und Dirk Bach. Abgesehen von kleineren Zwists zwischen den Kandidaten also ein recht erwartbares Format.

"Extra" überspannte den Bogen
Doch gestern schien die Sendung aus den Fugen geraten zu sein. Die Bewohner stellten ein Ultimatum: entweder Sarah geht oder das Camp wird geräumt. Gegangen ist am Ende keiner der Kandidaten. RTL war es nicht mehr möglich, sich an die Regeln ihres eigenen Spiels zu halten. Ist dem Sender nun seine eigene Show entglitten? Sind die Kandidaten außer Rand und Band? Oder führt RTL momentan die Zuschauer vor, um ordentlich Quote zu machen?

Einiges spricht dafür. Denn was gestern nach dem Dschungelcamp folgte, kann man getrost als kollektive Irreführung der Zuschauer bezeichnen. So wurde das nachfolgende “Extra” damit angeteasert, dass in der Sendung bekanntgegeben würde, wer nun freiwillig das Camp verlassen würde. Was folgte, waren ein Lückenfüller-Interview mit Zietlow und Bach, ein Hinter-den-Kulissen-Feature zur Show und ein halbseidenes Stück über Ängste vor Spinnen und anderem Getier. Kein Wort über einen scheidenden Dschungelbewohner. Dafür will RTL in der Dienstagssendung die Sendezeit um weitere 45 Minuten strecken.

RTL gab mittlerweile Knappik-Aus bekannt
Und auch die Ankündigung von RTL, erst heute zu berichten, wer das Camp verlässt, scheint nur eine geschickte Verzögerungstaktik. Das dürfte aber kaum verwundern, nachdem Sonja Zietlow gestern Abend während der Live-Sendung erklärte, man habe momentan genug brisantes Material, um 24 Stunden lang durchzusenden. Über Nacht mehrten sich bei Twitter die Gerüchte um Sarahs Auszug. Inzwischen scheint aber gesichert, dass sie raus ist: Im Online-Voting war die 24-Jährige bereits als „raus“ gekennzeichnet. Mittlerweile bestätigte ein RTL-Sprecher, dass Sarah das Camp verlassen muss.

Die kalkulierte Knappik-Chaos sorgte unterdessen für fabelhafte Quoten. Nie zuvor haben so viele Leute eine Folge der RTL-Dschungelshow gesehen wie gestern. 8,66 Mio. waren es insgesamt, darunter 5,22 Mio. 14- bis 49-Jährige. Die Marktanteile lagen bei 35,1% und 47,5%. Das folgende "Extra – Das RTL-Magazin" erreichte dank Cliffhanger sogar 49,7% im jungen Publikum.

Sucht sich das Camp einen neuen Sündenbock?
Auch wenn schon geklärt scheint, wer das Camp verlässt, verlängert RTL die Sendezeit von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ um 45 Minuten und wird vermutlich den nächsten Staffelrekord holen. Aber was bedeutet der Weggang von Sarah Knappik für die fünfte Staffel von “Ich bin ein Star, holt mich hier raus”? Immerhin hat die Bochumer Blondine in Camp die Rolle des Sündenbocks übernommen. Als dieser übernimmt sie zwei Funktionen: All das Unbehagen der anderen Camp-Bewohner darf sich an ihr entladen. Immerhin sind die in einer Extremsituation. Was aber wichtiger ist: Ein Sündenbock lässt andere Streitigkeiten zwischen den Bewohnern in den Hintergrund treten.

Das bedeutet: Entweder wird die Sendung ohne Sarah Knappik furchtbar langweilig. Oder aber das Camp sucht sich einen neuen Sündenbock.

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