Anzeige

Die Wir-Seligkeit bei The European

Seit über einem Jahr ist das Debattenportal “The European” nun online. Die größte Aufmerksamkeit erreichte The European bislang mit Geschichten in eigener Sache. So brach Gründer, Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer Alexander Görlach im vergangenen Jahr einen öffentlichkeitswirksamen Streit mit seinem Ex-Arbeitgeber Cicero vom Zaun. Kürzlich gab es ein wenig Aufregung, weil Spiegel-Autor Matthias Matussek nicht mehr für The European kolumnieren durfte. Das Debatten-Portal debattiert gerne über sich selbst.

Anzeige

Nach nur vier Kolumnen wurde Matussek vom Spiegel zurückgepfiffen. Man sah es beim großen Nachrichtenmagazin nicht gerne, dass der meinungsstarke Matussek nebenher für den kleinen European kolumnierte. European-Chef Alexander Görlach nahm die Empfindlichkeit des Spiegel zum Anlass, wieder mal in die PR-Tröte zu blasen. “Spiegel fürchtet Konkurrenz von The European”, schrieb er im Redaktionsblog seines Debattenportals. Wenn schon kein Matussek mehr für ihn schreiben durfte, sollte die Personalie wenigstens noch für ein bisschen Buzz in eigener Sache herhalten.

In Sachen Selbstvermarktung ist der European-Chef umtriebig. Kooperationen mit großen Websites wie T-Online und N24 wurden eingetütet. Auch mit MEEDIA bestand eine Kooperation. Bei Stern.de, Bild.de präsentiere er Inhalte von The European, sagt Görlach. Zu Bild.de-Chef Manfred Hart werden ihm gute Kontakte nachgesagt. Bei Springers großem Online-Portal hat er mit dem Blog-Radar sogar eine eigene Kolumne. Dass er dort vorzugsweise auf eigene Artikel und solche von The-European-Kollegen hinweist, ist für ihn kein Problem. “Der Blog-Radar greift die relevanten Stimmen und Strömungen im politischen Web auf. Viele dieser relevanten Autoren veröffentlichen auch bei uns. Von daher gibt es auch Links zu uns”, sagte Görlach auf MEEDIA-Anfrage. Das geht dann so – zum Thema Wikileaks schrieb Görlach in seiner Bild.de-Kolumne: “Das hatte Julian Assange sicher nicht erwartet. Statt seine Enthüllungen zu bejubeln, haben die Blogger ablehnend reagiert. Viele gehen sogar so weit, dem Wikileaks-Anführer schwere Vorwürfe zu machen.” “Die Blogger”, bzw. “viele” sind in diesem Fall er selbst, denn er verlinkt in seiner Kolumne auf seinen eigenen Artikel bei The European. Mit Eigenlob wird nicht gespart. Bisher gab es keinen Blog-Radar, in dem nicht zahlreiche Artikel der eigenen Website angepriesen wurden.

Wie erfolgreich The European tatsächlich mit dieser Masche ist, ist schwer zu beurteilen. Alexander Görlach sagte zu MEEDIA: "Wir erreichen mit unseren Inhalten bis zu 450.000 Leser täglich. Die große Mehrzahl dieser Leser liest unsere Inhalte bei unseren Kooperationspartnern T-Online und N24. Daneben sind wir auch auf Bild.de, Stern.de und bei anderen Partnern vertreten. On Page haben wir rund 100.000 visits im Monat, daily unique visitors haben wir rund 60.000 im Monat. Für uns ist wichtig, dass wir dorthin gehen, wo die Leserinnen und Leser sind. Über die große Reichweite unserer Inhalte freuen wir uns." Der Google Ad Planner freilich zählte beispielsweise für Dezember 2010 lediglich 15.000 Unique Visitors bei The European, was nicht sehr viel wäre. Wie das halt so ist im Web: Unterschiedliche Zählmethoden kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Ursprüngliche Pläne für eine Kombi aus Gratisdienst und Abomodell wurden mittlerweile ad acta gelegt. “Ein kostenpflichtiges Abo-Modell sehen wir im Moment nicht. Wir möchten das Debatten-Magazin The European einer großen Leserschaft bekannt machen und zugänglich halten”, so Görlach. An Events gab es bislang zwei Veranstaltungen mit BMW. Für den Autobauer hat Görlach schon mal gearbeitet. Er war Chefredakteur der BMW-Initiative Club of Pioneers.

Die bislang größte Aufmerksamkeit bekam The European, als sich sein Chef im vergangenen Jahr mit Michael Naumann, dem neuen Chefredakteur seines Ex-Arbeitgebers Cicero anlegte. Der sei verantwortlich für einen “Linksruck” im konservativen Salon-Magazin, alte Mitarbeiter hätten “fluchtartig das Haus verlassen” und mehr schrieb Görlach über Naumann. Das sei “alles Quatsch”, entgegnete Naumann und schickte The European eine Unterlassungserklärung. Görlach unterzeichnete und debattierte fortan in Frage, ob es sich bei Cicero überhaupt noch um ein Debatten-Magazin handle.

Görlach gilt im politischen Berlin als sehr gut vernetzt. In der ausgelagerten Edel-Kantine des Bundestags, dem Borchardt, werden Kontakte gepflegt. Auch zum Sommerfest des Bundespräsidenten war er geladen. Als Stipendiat der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und ehemaliger Pressesprecher der Unionsfraktion im Bundestag ist er bekennender Konservativer. CDU-Leute wie Volker Kauder schreiben für The European, er gewinnt aber auch den linken Dampfplauderer Gregor Gysi für sein Portal.

Weitere Stationen von Görlachs Karriere waren die deutsche Ausgabe der Vatikan-Zeitung Osservatore Romano, die bayerische Redaktion der Springer-Zeitung Die Welt und die Deutsche Bischofskonferenz.

Es ist wahrscheinlich nicht ganz leicht, sich bei einem solchen Projekt wie The European im Gewirr des eigenen Netzwerks nicht zu verheddern. Der erste große Werbekunde zum Start von The European war ausgerechnet die neo-liberal angehauchte Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft mit einem arg redaktionell daherkommenden Advertorial. Prompt gab es dafür Prügel im Web. Die Sache wurde dem Vernehmen nach in der Redaktion des European heiß diskutiert, und künftig nahm man Abstand von solchen Kooperationen oder Werbe-Aktionen.

Unermüdlich macht Görlach also Werbung für sein Portal, geht ins Frühstücksfernsehen “zum Cherno” Jobatey oder tritt als Experte bei seinem Kooperationspartner N24 auf. So recht zünden wollen die Debatten bei The European aber einfach nicht. Was bisher Aufmerksamkeit brachte, waren wir-selige Geschichten wie der Cicero-Krach oder jüngst die Matussek-Personalie. Der meist gelesene Artikel bei The European ist seit Tagen eine Geschichte von Stefan Gärtner vom 14. Januar, in der er mit den Kolumnentexten von anderen The-European-Autoren abrechnet. Die konservative, politische Stimme im Web wird vor allem dann gehört, wenn sie über sich selbst spricht.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige