Bild-Hund Ruby: „Herzwert statt Nutzwert“

Ein Hundetod als Boulevardereignis: Nach 17 Jahren und über 800 "Mein Hund und ich"-Kolumnen ist am Freitag Bild-Hund Ruby gestorben. Im MEEDIA-Interview beantwortet Kolumnist Norbert Körzdörfer die Frage, ob ein Hund in der Bild würdiger sterben darf als viele Menschen und warum die Leser die Kolumne so liebten: "In 'Mein Hund und ich' gab es keinen Horror, sondern eine heile Welt. Die Menschen wollen nicht immer nur über Geld und Krieg lesen. Die Kolumne hat Herzwert statt Nutzwert geschenkt."

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Bild-Hund Ruby ist tot. Nach 17 Jahren und nach über 800 Kolumnen haben sie Ihre Jack-Russell-Hündin einschläfern lassen und darüber auch in Bild einen sehr traurigen Text geschrieben. Wie waren die Reaktionen?
Überwältigend. Via Post, Facebook oder E-Mail erreichten mich Hunderte von Kommentare und Briefe. Sogar ein Ministerpräsident war betroffen. Der kleine Ladenbesitzer und auch mein Stamm-Italiener haben bereits kondoliert. Aber wissen Sie, wer sogar über Rubys Tod berichtet hat?
 
Nein.
Der Corriere della Sera.
 
Was haben die denn geschrieben?

Eine staunende Story über den beliebtesten Hund Deutschlands.
 
Kann man denn überhaupt noch in Ruhe trauern, wenn alle Menschen, ob Kellner, Bäcker oder Politiker, Anteil an solch einem Todesfall nehmen?
Die Zeit nach dem Tod war gar nicht die schlimmste. Schlimm waren die Tage davor. Die Ungewissheit, ob man seinen Hund tatsächlich einschläfern soll. Ich war bei den Golden Globes in Los Angeles, als meine Frau mich anrief und sagte, dass es nicht mehr geht und sie Ruby einschläfern lassen will. Ich sagte nur: "Warte, ich komme". Also habe ich meinen Hollywood-Besuch abgebrochen und die nächste Maschine nach Hamburg genommen. Zuhause haben wir dann noch zwei Tage gewartet, überlegt, getrauert und uns dann entschlossen, Abschied zu nehmen. Dieses Warten, dass war die wirklich schwierigste Zeit.
 
Wie sind Sie denn zu Ruby gekommen?

Das war 1994, Silvester. Freunde wollten Ruby ins Tierheim zurückgeben. Meine Frau rettete den Welpen! Wir hatten damals noch keine Kinder und Ruby war unser erstes Baby.
 
Wie wurde aus dem Welpen dann die Kolumne "Mein Hund und ich"?
Ich war damals in der Bild-Chefredaktion. Wir haben immer über die Themen des Tages geredet und es ging oft um blutige oder negative Nachrichten. Da habe ich immer gefragt: "Wollt ihr noch eine lustige Geschichte hören?" Dann habe ich den neuesten Streich von Ruby erzählt. Irgendwann sagte Kai Diekmann: "Da musst Du eine Kolumne drüber machen." Also habe ich es ausprobiert und es wurde sofort ein sensationeller Erfolg. Am Anfang schrieb ich jeden Tag 30 Zeilen.
 
Wie lange haben Sie das durchgehalten?

Zwei Wochen. Ich wollte aufhören. Aber die Leser wollten ihren Bild-Hund behalten. Also haben wir beschlossen, "Mein Hund und ich" wöchentlich erscheinen zu lassen, und da der Samstag bei Bild immer der Familientag ist, war es logisch, die Kolumne jeden Samstag zu bringen.
 
Seit dem schreiben Sie also jede Woche 70 Zeilen über Ruby?

Ja. Es die wohl längste monothematische Kolumne, die es jemals in Bild gab.
 
Wie wird die Kolumne jetzt weitergehen? Legen Sie sich jetzt gleich einen neuen Hund zu?
Eine neue Ruby wird es nicht so schnell geben. Mittlerweile haben wir drei Kinder. Ein Hund ist ein Freund und viel Verantwortung. Wegen Ruby haben wir seit 17 Jahren jedes Silvester zusammen mit dem Hund gefeiert. Die Reaktionen sind allerdings so überwältigend, dass wir schon seit Tagen überlegen, wie es weitergehen könnte. Wir lassen die Story jetzt erst einmal über ein paar Wochen auslaufen. Dann sehen wir weiter. Fest steht aber: Neben Buchanfragen gibt es sogar Produzenten, die einen Ruby-Film machen wollen.
 
Dabei haben Sie schon fünf Bücher über Ruby geschrieben. Was glauben Sie, warum nehmen so viele Leser Anteil am Leben Ihres Hundes?
In "Mein Hund und ich" gab es keinen Horror, sondern eine heile Welt. Die Menschen wollen nicht immer nur über Geld und Krieg lesen. Die Kolumne hat Herzwert statt Nutzwert geschenkt.
Kritiker wenden ein, dass Ruby beweist, dass ein Hund in der Bild würdiger sterben darf, als so manch ein menschlicher Zeitgenosse.
Professor Hellmuth Karasek rief an und sagte: "Ich würde gerne Ihr Hund sein, um so einen schönen Nachruf auf Seite 1 zu bekommen!" Ich schreibe ja viele Nachrufe und muss sagen, dass wir mit jedem Todesfall würdig umgehen. Das der Tod von Ruby nun soviel Platz einnimmt, ist eine Würdigung: "Mein Hund und ich" gehörte schließlich 17 Jahre lang zum Bild-Kosmos – und es ist ein Adieu an Millionen Ruby-Fans.

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