Deutschland einig Dschungelland

Die RTL-Dschungelshow “Ich bin ein Star - holt mich hier raus!” dominiert Tagesgespräche wie sonst nur eine Fußball-WM. Ein Fabel-Marktanteil von über 50 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen für die Sendung vom Dienstag zeigt, dass hier fast jeder mitreden kann. Und jeder tut es: in der S-Bahn, im Café, beim Frisör - das Dschungelcamp sorgt für Gespräche. Lieblingsthemen: die Psychosen von Sarah, die sexuellen Vorlieben von Jay, die Brüste von Indira. Die Show hat Lästern zum Volkssport gemacht.

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Welche Auswüchse die Dschungelshow in Sachen Klatsch und Tratsch nimmt, zeigt Google. Man muss nur “Jay” in die Suchmaschine eintippen und Google schlägt gleich als zweite Suchanfrage vor: “jay khan schwul”. Offenbar gibt es eine Menge Leute, die gerade via Google nach den sexuellen Vorlieben des Pop-Sängers und Dschungelcamp-Kandidaten recherchieren. Dabei sind Fragen, ob Jay Khan nun schwul ist oder nicht, ob er im Vorfeld Sarah Knappik zu einer gefakten Liebesgeschichte im Dschungel überreden wollte oder nicht,  ob sich Indira Weis die Brüste hat vergrößern lassen oder nicht im Prinzip unerheblich. Es lässt sich aber vortrefflich darüber lästern.

So wie Dirk Bach und Sonja Zietlow es als Ober-Läster-Duo im TV vorexerzieren, machen es Millionen Deutsche in Kantinen am nächsten Tag auch: Es wird getratscht, dass die Schwarte kracht. Die Dschungelshow hat aus Deutschland ein Land von Waschweibern gemacht, das begeistert in der Schmutz-Wäsche der C-Prominenz wühlt.

Die großen Läster-Linien wurden von Dirk Bach und Sonja Zietlow schon in der ersten Folge vorgegeben. Bereits bei der Vorstellung der Kandidaten wurde geunkt, dass Jay Khan im Dschungel ja seine – zwinker, zwinker – Männlichkeit beweisen wolle und Sarah Knappik stellte sich sofort, nur halb im Scherz, als “Schlange” vor.

Einen Teil der Faszination der Show macht gewiss auch aus, dass man nicht mehr weiß, wo die Grenzlinie von Fiktion und Realität verläuft. Was ist inszeniert und was nicht – solche Fragen gehören zum Lästerspiel dazu. Da lassen sich Verschwörungstheorien spinnen (“RTL hat alles inszeniert!”) und man kann Lager bilden (“Ich glaube Sarah!”, “Ich glaube Jay!”). In der Zwischenzeit sorgt RTL geschickt dafür, dass eine “Enthüllung” die nächste jagt. Dass Sarah Knappik offenbar erst kurz vor der Dschungelshow zur Vegetarierin mutierte, wurde von RTL ebenso genüsslich breitgewalzt wie die das angebliche Schwulsein von Jay Khan oder die angeblich vergrößerten Brüste von Indira Weis und die notorischen Geldprobleme der Insassen.

Die nächsten Kapitel im großen Trash-Drama bei RTL sind absehbar: Sarah wird auch außerhalb des Dschungelcamps noch für den einen oder anderen Eklat gut sein – zum Beispiel wenn sie von RTL mit der angeblichen “Vegetarier-Lüge” konfrontiert wird. Die Rolle des Camp-Psycho-Wracks hat der Zylinder-Mann Peer Kusmagk mit Inbrunst übernommen. Und man darf davon ausgehen, dass in der Frage “wie echt sind die Gefühle zwischen Jay und Indira” auch noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Im Vergleich zu den menschlichen Dramen, die sich da gerade im australischen Busch abspielen, geraten die Dschungel-Prüfungen mit Augen-Snacks und Ekel-Fleisch zur Nebensache in der großen Läster-Olympiade.

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