„Ein reiner Einschüchterungsversuch“

Mit seiner Doku über den "Drückerkönig" Carsten Maschmeyer schlug der NDR-Journalist Christoph Lütgert hohe Wellen. Nun wehrt sich der Protagonist: Maschmeyer hat einen Anwalt auf den 65-Jährigen angesetzt, der prüfen soll, ob sich Lütgert bei seinen Recherchen strafbar gemacht hat. "Das ist so abstrus, dass ich es gar nicht ernst nehmen kann". Im MEEDIA-Interview spricht der Reporter über die Vorwürfe, die Kritik an seinem Film und seine Pläne in Bezug auf den Finanzmagnaten.

Anzeige

Herr Lütgert, Ihre Dokumentation "Der Drückerkönig und die Politik" über den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer hat hohe Wellen geschlagen. Haben Sie mit dieser Resonanz gerechnet? 
Wir haben schon mit viel Aufmerksamkeit gerechnet, sonst macht man so etwas auch nicht. Und wir haben auch damit gerechnet, dass es Herrn Maschmeyer stören wird. Aber die Art und Weise, wie er zurückschlägt – damit habe ich persönlich nicht gerechnet. Aber vielleicht hätte ich mir das von vorneherein denken müssen bei den Methoden, zu denen er fähig ist, wie wir im Film aufgezeigt haben.
Die FAZ berichtete am Samstag, dass Herr Maschmeyer den Hamburger Anwalt Strate damit beauftragt habe, zu prüfen, ob Sie bei Ihrer Vorgehensweise den Straftatbestand der Nötigung und der politischen Verdächtigung erfüllen. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?
Was mich in erster Linie überrascht, ist, dass Herr Strate, der einen ganz anderen Ruf genießt, sich dafür hergibt. Unter den Anwälten hat man ihn immer so ins linksliberale Spektrum gerechnet. Und dass er nun für Maschmeyer, den Inbegriff eines fragwürdigen Kapitalismus, tätig wird, ist schon enttäuschend. Was in seinem Brief an den NDR-Intendanten steht, ist so hanebüchen. Dort werden normale Recherchebemühungen, die man als Journalist nun mal macht, als mögliche Vorbereitung zu einer Straftat bewertet und in diesem Zusammenhang wird der NDR befragt, ob er daran denkt, Produktionskosten von mir zurückzuverlangen. Das ist auf der einen Seite sehr phantasiebegabt, aber auf der anderen Seite so abstrus, dass ich es gar nicht ernst nehmen kann. Es ist ein reiner Einschüchterungsversuch.
Haben Sie sich schon einen Anwalt genommen? 
Das Tolle ist, dass der NDR ein ganz vorzügliches Justiziariat hat und dem vertraue ich mich an. Alles was kommt, gebe ich an Klaus Siekmann weiter. Als juristischer Laie fühle ich mich da ganz sicher und habe auch kein bisschen Angst.
Also stehen Sie noch in einem Beschäftigungsverhältnis? Das ist ja auch etwas, dass Herr Maschmeyer von seinem Anwalt klären lassen will.
Ja, natürlich. Der NDR beschützt mich und umsorgt mich und nimmt seine Verantwortung für mich wahr, als wenn ich ein Angestellter wäre. Ich bin offiziell Rentner. Aber von vornherein hat mich der NDR gebeten, nach meiner Pensionierung auch weiter für "Panorama – Die Reporter" zu arbeiten. Deswegen bin ich ganz freier Mitarbeiter, da gibt es auch kein Geheimnis um diesen Status.
Strate soll zudem prüfen, ob Sie in der Dokumentation gegen den Paragraphen 33 des Kunsturhebergesetzes verstoßen haben, der Bildnisse unter Strafe stellt, die gegen den Willen eines Abgebildeten verbreitet werden.
Dabei kann er sich ja nur auf diese Szene beziehen, in der ich Maschmeyer in Frankfurt auf einer öffentlichen Veranstaltung vor laufender Kamera konfrontiere. Dagegen hat er ja bereits eine einstweilige Verfügung erwirkt. Wir sind aber ganz davon überzeugt, dass die wegkommt. Denn die Situation war eindeutig.
Nämlich?
Es war ein öffentliches Symposium, für das wir uns als Fernsehteam akkreditiert hatten. Wir haben uns nur in öffentlichen Abschnitten des Kongresszentrums bewegt. Wir sind in der Tat mit laufender Kamera auf Maschmeyer zugegangen. Natürlich haben wir uns vorher gefragt, ob wir das so machen können. Aber: Wenn so viele gravierende Vorwürfe im Raum stehen und wir sie in der Tat als berechtigt recherchiert haben und wir bitten um ein Interview – das war ja nicht der erste Versuch gewesen. Es sind auch einige Recherchen eingeflossen, die Jahre zurückliegen. Wir haben immer um ein Interview gebeten, sind aber immer abgeblitzt. Maschmeyer ist eine Person der Zeitgeschichte. Da geht es nicht an, dass man das nicht darstellen kann, nur weil er sagt, dass er uns nicht antwortet. Ich finde, er ist der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig. Zudem finde ich, dass ich mich nicht unbotmäßig verhalten habe.
Wie lief die Szene genau ab?
Ich habe mich höflich vorgestellt und Herrn Maschmeyer ganz allgemein gefragt, ob er generell dazu bereit sei, ein Interview zu geben. Er hat nie darauf geantwortet, aber sehr wohl gesehen, dass wir ihn mit zwei Kameras drehen. Herr Karsten Mitzinnek, der ja mit ihm am Tisch stand, hat für ihn geantwortet. Übrigens hat er versucht, mir per einstweiliger Verfügung verbieten zu lassen, dass ich ihn als Assistenten von Maschmeyer bezeichne. Dieser Antrag ist am Dienstag abgelehnt worden. Das Gericht hat befunden, dass er sich in der Szene sehr wohl als Assistent benommen hat, deshalb kann man ihn auch als solchen bezeichnen. Herr Mitzinnek hat direkt in die Kamera geantwortet, bis Herr Maschmeyer sich zu uns wandte und sagte "Bitte hören Sie jetzt auf." Da haben wir aufgehört. Er hat aber nie gesagt, dass wir das Material nicht verwenden dürfen. Später hat Herr Maschmeyer Herrn Mitzinnek noch zu uns geschickt, um zu sagen, dass wir die Fragen noch einmal einreichen. Dann würden wir das Interview auf jeden Fall bekommen, "versprochen". Und ich habe ihm geglaubt – so naiv war ich. Die ganzen Interviewanfragen haben wir im Internet dokumentiert.
Was meinen Sie, warum gibt Herr Maschmeyer Ihnen kein Interview?
Weil er nur schlecht aussehen kann. Die Fakten sind so eindeutig. Fangen Sie mal bitte an, in dieser Szene zu recherchieren. Reden Sie mit Leuten, die mal für den AWD tätig waren, was die Ihnen für erschütternde Geschichten erzählen, wie sie vom AWD fertig gemacht wurden. Inzwischen ist der AWD zwar ein anderer, aber er ist nach wie vor ein Strukturvertrieb.
Sie haben für die Dokumentation "Der Drückerkönig und die Politik" auch Kritik einstecken müssen. Von persönlicher Fehde war beispielsweise die Rede, die Dokumentation sei unsachlich.
Es gehört wirklich zu den vornehmsten Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Systems, solche Missstände aufzuzeigen. Von persönlicher Fehde kann nicht die Rede sein. Sicherlich gibt es auch andere Strukturvertriebe als den AWD, aber man kann kein abstraktes Stück dazu machen. Maschmeyer ist nun mal jemand, der in die Öffentlichkeit drängt. Wenn das, was er beruflich getan hat, so im Widerspruch zu dem steht, wie er in der Öffentlichkeit als Wohltäter auftritt, dann ist das berichterstattenswert. Zudem gibt es keinen aus der Szene, der so eng mit der Politik verzahnt ist.
Ihnen wurde auch Eitelkeit vorgeworfen, weil Sie zu oft im Bild waren.
Die Szene, in der ich an der Maschmeyer-Villa klingele und hinterher dann so einen Gefühlsausbruch kriege – diese Szene würde ich nicht mehr so machen. Dadurch kam der Vorwurf der eitlen Selbstdarstellerei auf. Das hätten wir nicht reinschneiden müssen. Ansonsten finde ich, dass ich nicht über die Maßen viel im Bild bin, sondern da wo der Reporter eben die Handlung vorantreiben muss.
Dennoch gab es auch viel Lob.
Was mir mitunter auch peinlich war. Ich wurde als ganz großer investigativer Journalist bezeichnet, eine Zeitung gab mir sogar den Titel des deutschen Michael Moore. Wissen Sie, die Dokumentation war eine klassische Gemeinschaftsaufgabe mit drei ganz exzellenten Rechercheuren und einer begnadeten Regisseurin. Ich habe das Glück, dass ich durch das Bild laufen darf und dann regnet das ganze Lob auf mich nieder. Wir werden überschüttet mit E-Mails – das ist überwältigend. Ich greife, glaube ich, nicht zu hoch, wenn ich sage, dass 90 Prozent der Zuschauer zufrieden waren. Das ist eine Anerkennung für das öffentlich-rechtliche System, denn ich glaube, dass die Dokumentation so nicht woanders gesendet worden wäre. Die Leute trauen uns was zu. Mit der Dokumentation betreiben wir eine enorme Sympathie-Werbung.
Wie erleben Sie den Rückhalt im Sender?
Der ist ganz eindeutig hervorragend. Chefredakteur, Programmdirektor, Intendant und Justiziariat stehen hinter der Dokumentation.
Wissen Sie, ob der Intendant auf den Brief von Herrn Strate antworten wird?
Das weiß ich nicht. Ich habe den Brief auch gelesen. Darin sind die Daten und die Orte meiner Recherchereise aufgelistet. Doch das ganz Tolle ist: Zwei Reisen sind falsch angegeben, ich sage aber nicht welche. Aber zu sagen, nur weil ihm die Rechercheergebnisse nicht passen, ich hätte Geld verschwendet oder kriminell gehandelt, ist nun wirklich lächerlich.
Waren Sie eigentlich auch mal selbst AWD-Anleger?
Nein. Denn ich habe mich schon vor Jahren erkundigt, wie diese Strukturvertriebe funktionieren. So wusste ich frühzeitig, dass man beim AWD besonders vorsichtig sein muss.
Haben Sie mit der Maschmeyer-Dokumentation extra bis zu Ihrem Ruhestand gewartet nach dem Motto "Das Beste kommt zum Schluss"?
Nein, wirklich nicht. Das Verrückte ist, dass meine beiden größten Erfolge, die Kik-Story und die AWD-Dokumentation, erst nach meinem Ruhestand kamen. Bis dahin war ich Chefreporter des NDR und tobte bis zu neun Monate im Jahr im Ausland herum. Zum Ende dieser Zeit ist erst das Format "Panorama – Die Reporter" entwickelt worden, wofür ich vorgeschlagen wurde. Weil die Verantwortlichen ganz zufrieden mit mir waren – was mich sehr freut –  haben sie dann zu mir gesagt, dass das mein Schwergewicht sein sollte nach meinem Ruhestand. Und wegen "Panorama – Die Reporter" hat mich der NDR dann auch gebeten, weiterzumachen. So richtig volle Fahrt aufgenommen haben wir dann erst zu der Zeit meiner Pensionierung, weil ich dann die Kapazitäten dafür hatte.
Also war der Zeitpunkt eher Zufall?
Ja, das ist die normale biologische Abfolge.
Haben Sie in Ihrer bisherigen Karriere schon einmal ein derartig rigides juristisches Vorgehen wie im Fall Maschmeyer erlebt?
Nein, noch nie. Zum Beispiel habe ich in meiner Zeit als Chefreporter eine Geschichte über den Cholesterinsenker Lipobay von Bayer gemacht, der vom Markt genommen werden musste, weil es sich als höchstgefährliches Medikament rausgestellt hatte. Da habe ich mit einer amerikanischen Co-Autorin zusammengearbeitet, weil es in beiden Ländern spielte. Wir haben Bayer nachgewiesen, dass der Konzern das Mittel in den Markt gedrückt hat, obwohl es aus seinen eigenen Tests wusste, dass es extrem leichtfertig war. Die amerikanischen Anwälte haben uns den Film förmlich aus den Händen gerissen, Bayer hat dort ja Milliarden Dollar zahlen müssen. Selbst da habe ich nicht ansatzweise einen solchen Druck gespürt. Da gab es nicht mal einstweilige Verfügungen.  
Gab es auch nicht den Fall, dass im Vorfeld eine Ausstrahlung versucht wurde zu verhindern?
Auch noch nie. Dass, was Herr Prinz im Fall Maschmeyer versucht hat, war die beste Werbung, die wir kriegen konnten. Das hatte ich auch so nicht geahnt, da bin ich auch etwas hasenfüßig. Aber unser NDR-Justiziar Klaus Siekmann hat mich dann beruhigt. Diverse Zeitungen hatten ja auch darüber berichtet. Wir hatten eine tolle Quote und ich bin ganz sicher, dass wir der Intervention von Herrn Prinz so ein Prozentpünktchen zu verdanken haben.
Was lernt die Branche Ihrer Meinung nach aus diesem Fall?
Zum einen zeigt es wirklich die Existenzberechtigung unseres öffentlich-rechtlichen Systems, die ja oft in Frage gestellt wird. Und ich habe auch so manche Kritik. Aber solche Dokumentationen wie die im Fall Maschmeyer sind dann wieder so Sachen, wo ich ganz fest an mein öffentlich-rechtliches System glaube, weil ich weiß, dass ich mir das nirgendwo anders leisten könnte. Bei einem privaten Sender könnte ich das gar nicht machen und bei einer Zeitung könnte ich es mir gar nicht leisten, weil dort dann der finanzielle Rückhalt im Fall, dass wir auch finanziell gefordert wären, nicht da ist.
Wie geht es weiter mit Herrn Maschmeyer und "Panorama"? 
Ich weiß noch nicht, ob, wie und was wir weitermachen. Für uns zählt alleine die Sache: Wir stehen dazu, wir stehen das durch – und zwar alle gemeinsam. Das ist wirklich die Überlegenheit des Systems.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige