„Tatort“: das Trauma der Tarnjackenträger

Mit "Heimatfront" nimmt sich der Saarbrücker "Tatort" am Sonntagabend ein brisantes Thema vor. Die Kommissare Franz Kappl und Stefan Deiniger müssen den Mord an einer jungen Anti-Kriegs-Aktivistin aufklären, unter Verdacht geraten Soldaten der Bundeswehr, die nach einem Afghanistan-Einsatz traumatisiert sind. Die Ermittler stoßen auf eine Mauer des Schweigens und lernen, dass es noch viel mehr Opfer gibt. "Heimatfront" ist solide, zum großen Krimi fehlt vieles: Die Story wirkt konstruiert und stereotyp.

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Kalt zeigt sich die gesamte Szenerie, obwohl der Film im Sommer gedreht wurde. Eine dauersterile Kulisse, egal ob die Handlung im Vernehmungszimmer, in der Kasernenkantine odere in den tristen Privaträumen der Soldaten spielt. Selbst das scheinbare Familienglück mit Frau und Kind wirkt wie angeflanscht an ein abgekapseltes Innenleben, in das sich niemand anderes hineinversetzen kann als diejenigen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Einen Kameraden haben sie aus Afghanistan nicht lebend zurückgebracht, ein anderer verlor ein Bein.
Nun sind sie zurück und kommen nicht klar, weder mit der Vergangenheit noch mit der Gegenwart. Die Gruppe, in der der Mörder zu suchen sein muss, ist ein Quartett der Kaputten: Beinprothese, schlimmer Tremor in beiden Händen, Alkoholismus, Aggressionsschübe, Depression – jeder hat ein "Andenken" aus Afghanistan mitgebracht, nachdem die Truppe in Hinterhalte geriet, Gewehrsalven abgefeuert wurden, Granaten explodierten und Selbstmord-Attentäter sich in die Luft sprengten. Das volle Programm also, das man aus Berichten über Folgeschäden nach Kriegseinsätzen kennt und dass in dieser Massierung bereits hier übertrieben wirkt.
Alle vier Soldaten haben ein Motiv. Die Aktivistin, die in ihrem Atelier einen etwas arg spektakulären Tod stirbt, hatte Videoaufnahmen von Therapiesitzungen der vier Soldaten bei YouTube hochgeladen. Dadurch ist öffentlich sichtbar, wie die Soldaten an ihren Erlebnissen zerbrochen sind, die sie unter Schluchzen und Schreien schildern. Der Oberst in der Fallschirmjäger-Kaserne fasst das Problem in soldatischer Knappheit zusammen: "Da kommt ein anderer Mensch zurück als der, der gegangen ist."
Die Soldaten fühlen sich schon dadurch gedemütigt, dass sie nach dem Dienst bei der "Kameltruppe" nun zum Seelenklempner geschickt werden. Die gestrenge und dabei ein wenig blass wirkende Dr. Vera Bermann (Julia Jäger) ist für das sogenannte "Debriefing" zuständig, einem Heilungsverfahren, bei dem der Traumatisierte "immer wieder erzählt, was passiert ist, bis er sich daran gewöhnt hat". Wenn es mal so einfach wäre.
Die Kommissare sind nicht auf Heilung, sondern auf Aufklärung aus. Doch da muss die Psychologin passen. Jeder käme für die Tat in Frage. Und da der Schuss aus großer Entfernung mit einer Präzisionswaffe abgegeben wurde, spricht viel dafür, dass es einer der vier war. Nur welcher? Vor diesem Hintergrund schleppt sich die Handlung voran. Der Fall wird zur Milieustudie in einer Parallelwelt, die einen eigenen Verhaltenskodex und ein eigenes Wertesystem hat. Undank ist der Zivilwelt Lohn, glauben die Soldaten, und dass sich nach ihrer Rückkehr keiner für sie interessiert, hat sie zu verbitterten Einzelkämpfern gemacht, deren Zukunftsentwurf zum Paradoxon der Erfahrungen wird. Zurück in den Krieg als einziger Ausweg aus dem Leiden. Der Freudsche Versprecher eines der vier, dem mit Blick auf sein Ausscheiden aus der Truppe ein "entehrt" herausrutscht, als er "entlassen" sagen will, macht es deutlich.
Zusammengehalten wird der Trauma-Trupp der Tarnjackenträger von ihrem früheren Zugführer, Oberfeldwebel Philipp Weitershagen (eindrucksvoll gespielt von Friedrich Mücke), der mit Sarkasmus und Gewaltandrohungen die Ermittler auf Distanz zu halten bemüht ist. In diesem Zweikampf Kommissare gegen Kommandant entwickelt sich die Suche nach dem Mörder zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit für alle Beteiligten bis hin zum pompösen Showdown. Ein finaler Rettungs-Schluss, den weder das Thema noch der Film in dieser Form gebraucht hätte. Kurzfilm-Spezialist Alexander Freydank, 2009 in dieser Kategorie sogar mit dem Oscar ausgezeichnet, gibt mit "Heimatfront" sein Debüt als Langfilm-Regisseur.
Das beschert dem Zuschauer einige spektakuläre Schnitte – herausragend die Anfangssequenz, die den langen Weg des Todesprojektils rasant zurückverfolgt –, aber es rettet den insgesamt dünnen Plot nicht. Als alles vorbei ist, gehen die Kommissare wortlos ab. Und manchem Zuschauer dürfte es wie einem Traumapatienten gehen: Man möchte das Gesehene schnell vergessen.

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