Google unter CEO Larry Page: Die fünf ungelösten Probleme

Nach fast zehn Jahren ist Eric Schmidt nicht mehr Googles erster Manager. Er tritt ab – und wechselt in den Verwaltungsrat. Dort warten zwar ebenfalls vertrauensvolle Aufgaben auf den 55-Jährigen, doch klar ist auch: So wirklich freiwillig erfolgte der Abgang wohl nicht. Dringend muss der Internet-Gigant nämlich auch operativ einen Kurswechsel einleiten. Mit-Gründer Larry Page steht nun vor einer nur bedingt beneidenswerten Aufgabe, zu groß sind die ungelösten Probleme.

Anzeige

Nach fast zehn Jahren ist Eric Schmidt nicht mehr Googles erster Manager. Er tritt ab – und wechselt in den Verwaltungsrat. Dort warten zwar ebenfalls vertrauensvolle Aufgaben auf den 55-Jährigen, doch klar ist auch: So wirklich freiwillig erfolgte der Abgang wohl nicht. Dringend muss der Internet-Gigant nämlich auch operativ einen Kurswechsel einleiten. Mit-Gründer Larry Page steht nun vor einer nur bedingt beneidenswerten Aufgabe, zu groß sind die ungelösten Probleme.

Man muss kein Deuter von Personalmeldungen sein, um zu erkennen, dass Eric Schmidts Abgang nicht so richtig freiwillig erfolgt ist. „Erwachsenenaufsicht nicht länger nötig“, twitterte Schmidt die Personalie. Selbst bei dem einst hippen Dot.com-Startup, das zum wertvollsten Internet-Unternehmen der Welt erwachsen ist, wirkt dieser Tweet zum Abgang befremdlich, zumindest aber halb bitter.

In anderen Worten: Eric Schmidt wurde gefeuert. Ursprünglich sollte der honorige CEO nämlich bis 2024 an Bord bleiben, hatte Google vor sieben Jahren einmal am Rande des Börsengangs – wenn auch vielleicht nur halb ernst gemeint – durchblicken lassen. Dass es nun anders kommt, ist auch der jüngeren Entwicklung des vergangenen Jahres geschuldet, auf die MEEDIA schon im vergangenen Frühjahr hinwies.

Diese fünf ungelösten Probleme dürften zu anhaltenden Spannungen und dann wohl zu Schmidts Demission geführt haben:

One-Trick-Pony Suchgeschäft

Schön, dass es YouTube gibt. Und toll, dass Google mit Android die Mobilfunkwelt aufmischt und sich vermeintlich unaufhaltsam in Richtung Marktführerschaft bei den Smartphone-Betriebssystemen bewegt. Echtes Geld verdient Google dennoch weiter zum überwältigenden Teil mit dem Suchgeschäft.

Bahnbrechende neue Produkte? Fehlanzeige. Stattdessen häuften sich die Flops: Wave, Buzz, Google TV? Nicht unbedingt der Goldstandard, den man aus dem sonnigen Mountainview gewohnt ist. Entsprechend verzweifelt erschien zuletzt fast die versuchte Übernahme des neuen Internet-Überfliegers Groupon, den Google als zukünftigen Wachstumsbringer ziemlich nötig gehabt hätte.



Facebook


Es ist wohl Googles größte Baustelle: Das soziale Internet. Paralysiert wie das Kaninchen vor der Schlange, sieht Google seit Jahren zu, wie Facebook, aber auch andere Emporkömmlinge wie Groupon oder Twitter oder sogar Foursquare das machen, wofür Google in der vergangenen Dekade bekannt war – Trends setzen, den Zeitgeist prägen.
Dass Facebook so schnell, so groß geworden ist, liegt auch an Googles totalem Versagen, mit einem eigenen Social Network zu antworten. OK: Es gab einmal den Versuch, mit dem in Brasilien bizarr erfolgreichen sozialen Netwerk Orkut, doch im Rest der Welt scheiterte er.

Seitdem hat sich die Welt verändert – Facebook hat sie schlicht übernommen. Zwar fehlen Emporkömmling Mark Zuckerberg noch mindestens fünf, wenn nicht acht Jahre, um umsatzmäßig zu Googles Größenordnungen aufzuschließen, doch das  Potenzial ist da, denn was könnte größer sein, als das größte Netzwerk der Menschheit, das wohl schon bald eine Milliarde Menschen vereinigt?  Sie verbringen mehr Zeit auf Facebook als auf Google, sie geben intimere Daten preis, und warum sollte Facebook, das gerade endlich den Nachweis seines rasanten Wachstums und seiner Profitabilität erbracht hat, nicht derselbe Vermarktungserfolg gelingen wie Google?

Dass Google etwas – irgendetwas – tun muss, um im sozialen Internet nicht zum Dinosaurier zu werden, wie Microsoft im Internet, zeigen die zuletzt hektischen Rochaden: Larry Page wird CEO, Sergey Brin oberster Social Networker und Marissa Meyer Miss Geo and Local Services. Keine Frage: Der Einsatz ist hoch – es geht um nicht weniger als alles.



Apple

Manchmal  beliebt die Börse zu scherzen, und Google kann froh sein, dass die Lacher weiter auf seiner Seite sind. Obwohl Googles Gewinn in diesen Tagen nicht mal halb so schnell wächst wie Apple (29 Prozent vs.  73 Prozent), bewilligt der Markt nach dem Kurs-Gewinn-Verhältnis eine um 50 Prozent höhere Bewertung (KGV 13 vs. 20). Das ist gut für Google, auf Dauer kann dieses Missverhältnis zu Apple aber kaum aufrechterhalten werden.

Erst recht nicht, wenn sich der Infight der beiden Technologie- und Internet-Giganten weiter verschärft, wonach es aussieht. Bisher hat sich die Medienberichterstattung seit Googles Einstieg in den Mobilfunkmarkt sehr einseitig darauf beschränkt, die Attacke Googles auf Apple zu beschreiben. Zählbare Erfolge bleiben indes bisher aus. Es mag schön für das Ego und die Eigen-PR sein, Apples iPhone nach Marktanteilen bei den mobilen Betriebssystemen überrundet zu haben – das Geld indes verdient Apple mit dem iPhone, nicht Google mit seinem verschenkten Betriebssystem Android.

Natürlich ist der Ansatz des trojanischen Pferdes, das sich mit den Marktanteilen auch den Zugang zum mobilen Online-Werbemarkt sichert, kalkuliert. Doch hinter vorgehaltener Hand dürfte der Ärger in Mountainview nicht unbedingt klein sein, dass Apple mit seinem iPhone im abgelaufenen Quartal mehr als drei (!) Milliarden Dollar Gewinn eingefahren hat, während Google mit seinem Nexus, dem ersten Hardware-Produkt der Firmengeschichte, schwer gegen den Ladenhüterstatus ankämpft und wohl froh sein kann, keine Verluste zu schreiben.

Und dann ist da noch Apples Gegenangriff in Form von iAds, der zwar zunächst monetär kaum Wirkung zeigen wird, doch klar zeigt: Apple hat den Kampf mit dem einstigen Verbündeten ernst- und angenommen und wird mit aller Macht zurückschlagen, wie Steve Jobs vergangenes Jahr in seiner berüchtigten Townhall-Rede deutlich gemacht hat.

Keine Frage: In den größten Wachstumsmärkten unserer Zeit ist Platz für beide Player. Sich dennoch mit dem wertvollsten Technologie-Unternehmen unserer Zeit im Krieg zu befinden, ist nicht die komfortabelste Wettbewerbssituation. Auch nicht für das größte Internet-Unternehmen unserer Zeit.



China



Die Meldung ist ein Jahr alt und scheint inzwischen halbwegs verdaut – der Rückzug aus China. Was sich Google als noble Geste im Feldzug für die Demokratie auf die Fahnen schreiben kann, kostet im Geschäftsleben etwa 40 bis 50 Milliarden Dollar. So groß war der Abschlag, den Börsianer der Aktie in den Folgemonaten nach dem China-Rückzug verpassten und die das Papier 2010 phasenweise um 23 Prozent unter Vorjahresniveau schickten.

Die Rechnung ist denkbar einfach: Es sind nicht einfach die aktuell sehr verkraftbaren 600 Millionen Dollar, die Google 2010 wohl in China umgesetzt hätte und künftig fehlen werden, es ist die Fantasie der „gewaltigsten Wachstumsstory“ der Welt (Goldman Sachs-Vordenker Jim O’Neal), die jedes Kind inzwischen als die BRIC-Story kennt. Nichts wird in diesem Jahrhundert wichtiger sein als China, das wissen inzwischen selbst die USA.

Im wichtigsten Markt der Welt nicht präsent sein? Schwerer Fehler, Google. Konkurrent Apple deutete im abgelaufenen Geschäftsjahr an, was im Reich der Mitte möglich ist. Der Umsatz vervierfachte sich 2010 auf über drei Milliarden Dollar.  



Aktienkurs

Um 29 Prozent wuchsen sowohl Umsätze und Gewinne im abgelaufenen Weihnachtsquartal. Das ist solide, mehr aber auch nicht. Auf Dauer wird es schwierig, bei einer weiteren Verlangsamung ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 20 zu rechtfertigen, wenn das Gewinnwachstum erlahmt und der Markt gegenüber Konkurrent Apple längst Abschläge einpreist, obwohl Apple viel schneller und nachhaltiger wächst als Google.

Das bedeutet ein ernsthaftes Problem für Aktionäre. Bei 630 Dollar hat es Google, ganz im Gegensatz zu Apple, immer noch nicht geschafft, die alten Allzeithochs aus den Zeiten vor der Finanzmarktkrise zu toppen – der Abstand zu den historischen 747 Dollar beträgt immer noch rund 20 Prozent.  Angesichts der verschärften Infights mit Facebook im klassischen Internet-Geschäft, mit Apple im Mobilfunksektor und vor allem durch den Wegfall des Wachstumsfaktors China sind die Aussichten für die Aktie nicht besser geworden. 



Larry Pages Herkulesaufgabe

Als wäre all das noch nicht problematisch genug, muss Larry Page selbst nun unterdessen aufpassen, nicht zum sechsten Problem zu werden. Für Spiegel Online ist der 37-Jährige „das freundlichere Gesicht“. Gut für Googles zuletzt ziemlich ramponiertes PR-Image („Datenkrake“), doch auch gut für Aktionäre und Googles Zukunft? Es erscheint zumindest fraglich, dass der fast zwei Jahrzehnte Jüngere mehr Durchschlagkraft besitzt als ein Veteran der Technologiebranche wie Eric Schmidt.

Keine Frage: Der Kurswechsel bringt Chancen für Google, wieder mit mehr jugendlichem Elan, vor allem aber mehr und effektiver auf die Bedrohungen durch Facebook und Apple zu reagieren. Doch sie bringt noch größere Risiken mit sich. Für Larry Page selbst geht es nun auch um sein Lebenswerk: Er muss alles daran setzen, um zu einem Mark Zuckerberg zu werden – und nicht zu einem Jerry Yang.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige