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Unglücklich, unerhört, unfassbar, ungefiedert

Der Focus feierte diese Woche seinen 18. Geburtstag mit Billig-Preis und einer etwas unglücklichen Anzeige, in der der Vergleich mit dem längst in anderen Auflagen-Regionen entschwundenen Spiegel gesucht wurde. Der NDR legte in Sachen Carsten Maschmeyer nach und entrollte sein Medien-Netzwerk. Die Frankfurter Rundschau zeigte Mut mit einem schockierenden Titelfoto, "Spiegel TV" erlebte eine Sternstunde, als es im Anschluss an das "Dschungelcamp" den besten Marktanteil seit sieben Jahren holte.

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Der Focus feiert seinen 18. Geburtstag am Montag mit einer einmaligen Preissenkung auf einen Euro. Wegen der massiven Auflagenprobleme des Magazins sollte eine ursprünglich geplante Image-Kampagne, bei der sich der Focus auf Augenhöhe mit dem Spiegel zeigt, eigentlich abgeblasen werden. Das jedenfalls hatte Kai-Hinrich Renner in seiner Medienkolumne im Hamburger Abendblatt berichtet. Nun erschien am Montag also doch eine große Focus-Image-Anzeige (gesehen in der FAZ) mit eindeutigem Verweis auf den Spiegel.

Im Text dazu heißt es: “Demokratie beginnt mit einer zweiten Meinung. Deshalb war der 18. Januar 1993 ein guter Tag die deutsche Medienlandschaft – FOCUS kam auf den Markt und die Leser hatten zum ersten Mal die Wahl zwischen zwei Nachrichtenmagazinen.” Darüber steht: “18 Jahre Focus. 18 Jahre Wahlrecht.” Große Worte für vergleichsweise kleine Zahlen. Ende 2010 ist der Focus dreimal hintereinander unter 100.000 Heften beim Einzelverkauf gerutscht. Der Spiegel dagegen verkaufte von der Ausgabe mit den Wikileaks-Enthüllungen über Botschafts-Depeschen über 480.000 Hefte am Kiosk. Nun freut man sich beim Focus, dass die Billig-Ausgabe für einen Euro gut läuft und man nachdruckt. Der eine macht Auflage mit Geschichten, der andere mit Billigpreisen. Sieht ganz so aus, als hätten die Leser ihre Wahl schon getroffen. Das zu ändern wird noch ein langer, harter Weg für den neuen Chefredakteur Wolfram Weimer.
Wobei Verkaufe nicht alles sein sollte. Die Frankfurter Rundschau hat am Freitag ein Elends-Huhn auf die Seite Eins genommen. Das Bild und das Thema passen zur aktuellen Diskussion rund um gesunde und nachhaltige Lebensmittel und Ernährung. Auch der Stern hatte diese Woche das Thema "Fleischlos glücklich" auf dem Cover. Mit einer Frau, die irre grinst und ausschaut, als hielte sie unterm Teller noch ‘ne Bratwurst versteckt. Der Titel der FR ist mutiger, weil schockierender. Bei so einem Foto überlegt es sich der potenzielle Käufer zweimal, ob er wirklich zur FR greift und die Anzeigenabteilung schlägt womöglich die Hände überm Kopf zusammen. Will man so etwas wirklich sehen? Nein, will man nicht und darum ist es so wichtig das zu zeigen. Damit sich irgendwann vielleicht doch mal etwas ändert an der Misere mit der Massentierhaltung. Solchen Mut sollten Medien viel öfters zeigen.

 
Mut hat auch der NDR in Sachen Carsten Maschmeyer. Wir erinnern uns: Der AWD-Gründer und Finanzmanager Maschmeyer hat alle möglichen juristischen Geschütze auffahren lassen, um die Ausstrahlung einer ihm unliebsamen Doku der “Panorama”-Redaktion zu verhindern. Der Film wurde trotzdem gezeigt. Anschließend stritt Maschmeyer in einem Bild-Interview alle Vorwürfe ab und behauptete, der NDR habe ihn niemals zu Wort kommen lassen. Gleichzeitig erwirkte er eine Unterlassungsverfügung, die besagt, dass eine Szene aus der Doku, in der er ein Interview verweigert, nicht mehr gezeigt werden darf. Dies wurde vom NDR nun zum Anlass genommen, nachzulegen. Am Donnerstagabend befasste sich das “Panorama”-Magazin erneut mit Maschmeyer, dokumentierte die vergeblichen Interview-Anfragen und bekräftigte nochmals Kritik an seinen Methoden als früherer AWD-Chef. Und das NDR-Medienmagazin Zapp rührte in den Kumpaneien zwischen Maschmeyer und den Medien. Vor allem seine guten Verbindungen zu Bild und Focus Money wurden in dem Beitrag aufgedröselt. Auch wenn die ursprüngliche ARD-Doku “Der Drückerkönig” wegen der allzu penetranten Selbst-Präsentation von Chefreporter Christoph Lüttgert ein wenig nervte: Wegen genau solcher Themen und Beiträge ist es dann doch gut, dass es die Öffentlich-Rechtlichen gibt.
Auch immer wieder für Enthüllungen gut und ohne Scheu vor Politikern und Konzernbossen sind die Reporter von "Spiegel TV". Seit vielen Jahren ist das bei RTL ausgestrahlte Magazin am Sonntagabend die mit Abstand erfolgreichste Politiksendung der Republik bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren ist. Die letzte Sendung war ein Hit und erzielte nach Auskunft der Redaktion die höchste Einschaltquote bei den Werberelevanten seit dem 18. Januar 2004 – zeitweise bis zu knapp 30 Prozent Marktanteil; im Durchschnitt waren es 26,9 Prozent.
Möglich machte dies das überaus erfolgreiche "Dschungelcamp" im Vorprogramm – aber auch ein cleveres, weil auf Audience-Flow ausgerichtetes Sendekonzept. So gab es zunächst ein Story zu Alt-Hippie Rainer Langhans mit Archiv-Material aus der "Harems-WG" des Dauer-Kommunarden und im Anschluss einen Report über Promis, die in die Schuldenfalle tappten. Wer’s nochmal sehen will, weil’s so schön gedreht und erfolgreich war, findet die beiden Stücke hier.

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