RTL-Dschungel: Ein Hutständer muss gehen

Das RTL-"Dschungelcamp" polarisiert. Es bietet die Bühne für Fans, die in jener Art unterhalten werden wollen, die sie bei Formel 1-Rennen auf spektakuläre Unfälle und beim Boxen auf Knockouts mit zerschmetterten Kiefern hoffen lässt. Es bildet Projektionsfläche für kulturelle Gutmenschen, die einen prominenten Kanal gefunden haben, um öffentlich Niveau von Trash zu trennen. Zwischen Müll, Moral und einer erstklassigen Produktion beginnt heute die Entscheidungsphase des Formats.

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Mögen moralisch Einwandfreie auch Zeigefinger heben und Köpfe schütteln: Aus fachlicher Distanz betrachtet ist das "Dschungelcamp" von Granada Produktion für Formate dieser Liga erstklassig und mit viel Arbeit produziert. Der Schnitt etwa ist vor dem Hintergrund des täglich enormen Rohmaterials, das gesichtet und gewichtet werden will, keine leichte Aufgabe. Die eigentlichen Stars, die Moderatorenkombi Zietlow und Bach, sind in dieser Kombination Benchmark: böse, auf den Punkt, mit hervorragenden Texten, mit ätzendem Sarkasmus, einer Portion Selbstironie und sichtbarem Potential schauspielerischer Fähigkeiten.

Wesentlich an der Produktion der Texte beteiligt ist der Autor Jens Oliver Haas – seit sieben Jahren Ehemann von Sonja Zietlow. Haas, 43, schrieb früher für Jauch und Kerkeling und ist – wie Zietlow – seit Start des "Dschungels" dabei. Nimmt man Regie, Kamera, Aufnahmeleitung, Ton, usw. hinzu, findet man fachlich Leistungen am oberen Rand des Spektrums. Auf diesem Niveau – täglich – zu produzieren, ist geballte und hochprofessionelle Leistung eines gesamten Teams innerhalb einer 16-tägigen Hochdruck-Situation. Völlig unabhängig von einer Diskussion etwaiger, moralischer Aspekte muss man das anerkennen.

Einfach ist gut. So ist das Konzept des Formates simpel. Eine Gruppe von Protagonisten mit unterschiedlichen Motiven für ihre Teilnahme wird heterogen zusammengestellt. Der Mix sieht ältere Herrschaften von grenzdebil bis weise ebenso vor wie Karrieristen, Zicken, leb- und farblose Figuren oder Sympathieträger. Gruppendynamisch betrachtet, entzieht man der Gruppe  jede Form gewohnter Stabilisierung ihres normalen Alltags. Man schafft einen neuen Rahmen mit neuem Regelwerk. Weit über Kakerlaken hinaus stehen alle Beteiligten vor der Aufgabe, sich mit ihren gelernten Instrumenten und alten Fähigkeiten in einer neuen Ausnahmesituation zu bewegen.

Für diese Situation nun taugen alte Routinen häufig nicht. Die Dynamik wird zusätzlich dadurch verschärft, dass Künstler oder Ex-Stars im TV jene Stärken, die sie einmal erfolgreich gemacht haben, nicht zwangsläufig im Bereich sozial-kooperativer Kompetenzen aufweisen. Im gedachten Extremfall also muss eine Ansammlung von sozial armseligen Individualisten ein gewähltes Zusammenleben unter Extrembedingungen bestreiten: in Kontakt zu Leidensgenossen und “Teammitgliedern“, die sich niemand selbst ausgesucht hat. Das ist nicht leicht – trotz Kontakt zum Produktionsteam oder zum anwesenden Psychologen.

Dass mit dem Erfolg absolvierter Dschungelprüfungen die Befriedigung menschlicher Kernbedürfnisse für die Gesamtgruppe reguliert wird, wirkt für Zuschauer auf den ersten Blick vielleicht belanglos. Weit unter der Oberfläche ist es durchaus ernster, als man wahrzunehmen glaubt. Das Gesamtpaket des Konzeptes liefert den optimalen Raum für gruppendynamische Prozesse, innerhalb derer Personen, Charaktere und neu verhandelte Rollen gezeichnet werden. Im kleinen Brennglas sozialen Lebens bilden die Camper – neben Allianzen, Liebschaften, Konkurrenzen und Geläster – unterschiedliche Rollen aus:

Die integrativen Sympathieträger: Jay Khan zum Beispiel. Zu Beginn auf Sixpack und Körperliches reduziert. In der aktuellen Campertruppe einer der ersten, der Werte von Teamgeist, Verantwortung und Offenheit für sich reklamierte. Khan bietet Potenzial für weitere Aufmerksamkeit: Nicht nur wegen seines Teamgeistes, sondern auch, weil er erotisch von der Sportskameradin Indira umworben wird und Zuschauer mit hoher Wahrscheinlichkeit Interesse an weiterem Informationsgewinn auch zu diesem Thema aufweisen. Wahrscheinlich niemand, der schnell ausscheidet. Vielleicht sogar einer der Favoriten.
Indira Weis: Brust und Bootcamp. Die Sängerin wirkt eher integrativ und ist alleine wegen ihrer begonnenen Avancen Jay Khan gegenüber aktuell keine Kandidatin für frühes Ausscheiden. Der Busen-Bonus hilft bei männlich digitalen Zuschauern. Indira bietet – über Jay hinaus – künftigen Unterhaltungswert auch in möglichen Konflikten mit Sarah Knappik ("Sarah Dingens"). In dieser Frage scheint die letzte Messe noch nicht gelesen. Ein Ausscheiden von Weis wird wahrscheinlich, wenn die Anzahl der Camp-Kumpels abnimmt und ein wenig Langeweile einkehrt. Dann könnte eine – zuschauerseitig aggressive – Trennung des möglichen Paares Jay/Indira neues Leben ins Format blasen.
Rainer Langhans: Aufsichtsrat der Truppe. Untouchable. Schrill, mit rosa Slip und Kopfstandbank am Gruppenrand. Langhans hat spürbare Autorität, ohne sie unangenehm zu nutzen. Der Mann mit solidem Anpassungswiderstand und prinzipieller Neigung zum Widerspruch ist ein Fossil. Und ein Glück für die diesjährigen Geschäftsergebnisse von Kopfstandbankproduzenten. Ein früher Rausschmiss scheint unwahrscheinlich. Langhans ist Geheimfavorit: Allein die Vorstellung, in welcher Art ein Langhans nach Ende des Camps auf dem Thron des Dschungelkönigs sitzt, macht Vergnügen. Das trüge Spuren eines Reich-Ranicki in integrierter Form. Außerdem: Irgendwie gönnt man ihm die Kohle der folgenden, bezahlten Auftritte in Talk-Shows als Meilensteine auf dem Weg eines ansatzweise konvertierten Alt-68ers.

Eva Jacob: Als Leonard Cohen in “I’m Your Man” sang: "And I can´t forget. I can´t forget. I can´t forget, but I don´t remember what", muss er die reife Dame im Kopf gehabt haben. Die 1943 geborene Eva Jacob wirkt impulsgesteuert und verpeilt. Ein durch die Zuschauer-Votings nahendes Ende ihres Engagements scheint deshalb wahrscheinlich, weil eine weitere Annäherung an Grenzen psychischer Leistungsfähigkeit bei ihr vielleicht die nachhaltigsten Einschnitte hervorriefe. Es wird der Punkt kommen, wo Zuschauer sie durch ihren Anruf vor sich selbst schützen.
Katy "Walter" Karrenbauer: Die Lesbe mit unscharfem Profil ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Sympathieträger. Zu unpräzise switcht Karrenbauer zwischen dem Rollenprofil der markigen Knast-Else in unglaubwürdig-klebrige, pseudosoziale  Unterstützerrollen, um dann wieder hinter dem Rücken anderer abzulästern. Eher eine Kandidatin für schnelles Ausscheiden im ersten Drittel der Selektionsphase.
Mathieu Carrière: Aus Karrenbauer-Gründen kein Favorit. Carrière fehlt es an Prägnanz, Klarheit und Glaubwürdigkeit. So bleibt stets diffus, welcher seiner – partiell markigen – Sprüche inszeniert ist. Das professionell deformierte Heuchel-Wunder mit fragmentiertem Sympathiefaktor hat eher  geringe Chancen auf die Zielgerade.
Sarah Knappik (“Sarah Dingens“): Keine Narzisstin, sondern eher eine Verwöhnte mit soziopathischen Facetten. Auf Deutsch: Die können irgendwie nicht so richtig mit anderen. Die pussierliche, blonde Zeitbombe mit dem abenteuerlichen Realitätsbezug bindet allerdings jede Menge Zuschauer-Energie. Physikalisch betrachtet, spricht also wenig für einen schnellen Rausschmiss: 80% des Unterhaltungswertes gibt man als Zuschauer durch vorschnelle Sarah-Anrufe schon deshalb nicht auf, weil man sich ungern den Dschungel-Abend selbst zerbröselt. Je nach Entwicklung bleibt Knappik vielleicht lange dabei und gehört – unter bestimmten Voraussetzungen – sogar  zum erweiterten Favoritenkreis.

Die Gruppe der Hutständer: Es ist ein Phänomen, mit wie wenig Einsatz man bei RTL ca. 50.000 Euro verdienen kann. Auch wenn gestern die Produktion spürbar dafür sorgte, dass die leblosen Randfiguren des Camps wahrnehmungstechnisch nach vorne gespült wurden, wird ihnen das nicht helfen. Prognose: Einer der Hutständer verabschiedet sich heute. Farblosigkeit innerhalb eines Unterhaltungsformates ist unverzeihbar. Selbst ein Hydrant an der Straße hat mehr Ausstrahlung als Peer Kusmagk, Schwimmer Thomas Rupprath, Wedding-Planner Frank Matthée und Gitta Saxx (Gitta Sack). Aus gruppendynamischem Fokus sind sie Mitläufer ohne unterhaltsamen Mehrwert und emotional nachvollziehbare Position. Das werden Zuschauer nicht verzeihen. Insbesondere Matthée hätte man mehr Lebendigkeit zugetraut. Er löste ursprünglich avisierte, tussige Unterhaltungsverprechen bislang nicht ein. Die sicher vorhandenen Fähigkeiten einer Gitta Saxx muss man raten. Um ihr Ausscheiden ist es ein wenig schade. Mit weniger “Faulheit“ wäre mehr gegangen. Aber: Noch ist Raum für Modifikation. Die Hutständer der Wahl für frühes Ausscheiden allerdings sind der nette, aber völlig überflüssige Peer Kusmagk und Schwimmer Thomas Rupprath. Beide hielten sich im bisherigen Verlauf der Staffel medial im Kernfeld von Rupprath auf: unter Wasser.
Und sonst? Die mediale Öffentlichkeit ist zwischen Berichterstattung und Trittbrettfahrerei Teil des Systems: Und zwischen Moral und Menschenrechten bewegen sich viele – wie Karrenbauer in der Prüfung – “unter Strom“: Selbst beim blassen Markus Lanz, dem besseren Beckmann, hielt der Dschungel thematisch für zwei Talk-Shows mit Ex-Kandidaten und abenteuerlichen Experten her. Heute wird im Camp die Selektionsphase eröffnet. Der Zuschauer entscheidet. Panem et circenses. Innerhalb der nächsten Tage wird es leerer werden im Camp. Leiser wird es zunächst nicht. Hutständer verursachen keinen Lärm.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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