Web-Dienstleister pfändet Kult-Blog Nerdcore

Bislang war Nerdcore.de die Nummer zwei in der deutschen Blog-Landschaft. Seit Dienstag ist das Webjournal von René Walter jedoch nicht mehr zu erreichen. Der Berliner, einer der wenigen hauptberuflichen deutschen Blogger, musste die Domain an den Online-Dienstleister Euroweb abtreten. Walter wollte oder konnte die Kosten eines verloren Abmahn-Prozesses nicht tragen. Also pfändete das Unternehmen die Web-Adresse. Die Blogosphäre ist empört. Euroweb will die URL nun bei Ebay versteigern.

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Aktuell findet sich unter Nerdcore.de gerade noch folgender Text: "Diese Seite ist temporär nicht erreichbar". Das soll sich jedoch schon bald ändern. Dann wird sich auf der Seite – laut Netzpolitik.org – folgender Text finden: "Das Blog Nerdcore.de ist nun nicht mehr erreichbar. Nachdem die Kosten eines gegen Euroweb verlorenen Prozesses durch den Kostenschuldner nicht innerhalb angemessener Frist erstattet wurden, hat Euroweb statt der Kosten nunmehr die Domain Nerdcore rechtmäßig im Rahmen der Zwangsvollstreckung übertragen bekommen."

Tatsächlich hatte Walter eine Präsentation des Web-Unternehmens gesehen und danach kräftig vom Leder gezogen. Er schrieb unter anderem, dass sich die Düsseldorfer, die von sich behaupten, mehr als 14.000 Kunden zu haben, "mit Dreck eine goldene Nase verdienen" würden.

Für diese Äußerungen mahnte Euroweb den Blogger ab. Er reagierte jedoch nicht auf die Abmahnung. Dem folgte August 2010 ein Urteil vor dem Landgericht Berlin, um das sich Walter offenbar auch nicht kümmerte. Die Folge: Die Web-Adresse wurde gepfändet.
Die FAZ zitiert aus einem Walter-Interview, in dem der Blogger und Webdesigner die Darstellung des Klägers bestätigte: "Ich wurde im Sommer letzten Jahres von Euroweb abgemahnt, weil ich sie als die Arschgeigen bezeichnet habe, die sie sind. Und ich hab mich um die Abmahnung nicht gekümmert. Dafür zahle ich jetzt die Rechnung.“ Auf die Frage, ob es nun zu einem "Gemetzel biblischen Ausmaßes" kommt? Antwortet Walter: "Ja. Euroweb ist danach nur noch Geschnetzeltes. Was die nicht wissen, ist, wieviel Nerdcore.de als Domain (und als „Kulturgut“) wert ist. Time will tell.“

Tatsächlich hat das Blog ein sehr große Fangemeinde. In den deutschen Blogcharts belegt Nerdcore.de den zweiten Platz der am häufigsten verlinken Web-Journale. Laut Googles Ad-Planer kam die Seite auf bis zu 80.000 Unique Visitors im Monat.

Mit Euroweb legte sich Walter jedoch mit einem Unternehmen an, das gerade selbst um seinen guten Ruf kämpfen muss. Laut Firmenpräsentation handelt sich bei den Düsseldorfern um einen "Full-Service-Dienstleister für kleine und mittelständische Unternehmen". Weiter heißt es : "Mehr als 120 Mediengestalter an drei Standorten in Deutschland und Österreich haben sich auf professionelles Webdesign spezialisiert. Zusätzlich können Sie Ihre Website durch ein Unternehmensvideo interaktiv gestalten. Dafür kommen die Videojournalisten der Euroweb Internet GmbH direkt in Ihr Unternehmen. Nach Ihren Vorstellungen wird ein professioneller Imagefilm gedreht."

Wie die FAZ allerdings berichtet, kämpft Euroweb bundesweit gegen eine Vielzahl von Klagen. Alleine der Nürnberger Anwalt Stefan Musiol soll 270 Kläger vertreten. Er bezeichnet die Geschäftspraktiken der Firmengruppe als „unseriös“ und spricht von „arglistige Täuschung“. Die Kunden des Full-Service-Dienstleisters sollen in Verkaufsgespräch kostenfreie Dienstleistungen versprochen worden sein, die die Firma angeblich vor allem als Referenz nutzen wolle. Nach der Vertragsunterzeichnung sollen – laut FAZ – dann jedoch mehrere tausend Euro verlangt worden sein.

In einer ersten Analyse kommt der bloggende Rechtsanwalt Thomas Schwenke zu dem Fazit, dass gerade im Fall von Mahnbescheiden auch unberechtigte Forderungen vollstreckt werden können, "was ganz ärgerlich ist. Leider hilft die Wut dann nicht mehr weiter. Denn gegen die Pfändung einer Domain selbst wird man nur in den wenigsten Fällen etwas tun können."

Der Jurist gibt jedoch zu bedenken: "Schaut man sich jedoch den Shit Storm an, der Euroweb als Folge des Streisand-Effektes gerade um die Ohren fliegt, so wird klar, dass auch Rechtsanwälte sich mit Social Media auskennen sollten, bevor sie zu traditionellen Mitteln greifen." Anwälte sollen abwägen, "welche weicheren und reputationserhaltenden Mittel statt einer Abmahnung oder Pfändung angebrachter wären. Alles andere ist gegenüber dem Mandanten unverantwortlich."

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