Aftenposten-Deal: Welt umschifft Wikileaks

Die Welt hat offenbar Zugriff auf sämtliche Botschaftsdepeschen, die zuvor der Spiegel, der Guardian und die New York Times in Zusammenarbeit mit Wikileaks aufgearbeitet hatten. Ein Deal mit der norwegischen Aftenposten macht es möglich. Die Zeitung war in den Besitz von 251.000 Dokumenten gekommen. Die Welt brüstet sich jetzt, unabhängig von Wikileaks zu sein. Das Auftaktstück trägt den Titel: “Wie konnte Assange nur so irren?”.

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Gestern kündigten Welt und Welt Online beinahe nebenher an, dass man sich im Besitz von rund 251.000 Botschaftsdepeschen befinde. Heute lanciert die Welt ein großes Auftaktstück. Möglich wurde das durch eine Deal mit der in Oslo erscheinenden Aftenposten. Die Tageszeitung hatte sich das gesamte Dokumentenpaket im vergangenen Dezember gesichert. Wie genau, ist bislang unklar. Da die Aftenposten aber nicht durch eine Kooperation mit Wikileaks in den Besitz der Dokumente kam, erklären beide Zeitungen nun, unabhängig von Julian Assange und seiner Whistleblower-Plattform zu sein.
"Wie konnte Assange nur so irren?"
Die Aftenposten erscheint zweimal täglich. Die Auflage der Morgenausgabe liegt bei rund 250.000 Exemplaren. Durch den Deal mit der norwegischen Zeitung ist die Welt an keinerlei Absprachen mit Wikileaks gebunden. Autor Per Hinrichs erklärt, dass die daraus resultierenden Geschichten nach den gleichen Kriterien und ethischen Richtlinien recherchiert würden, die auch für alle anderen Artikel gelten. Das Material werde als Quellenmaterial behandelt.

Offenbar besteht der Deal schon seit längerer Zeit. Denn heute erklärt Autor Michael Borgstede in einem groß angelegten Artikel, dass er sich nach Durchsicht der rund 251.000 Dokumente eine Frage stellen würde: “Wie konnte Julian Assange sich bei der Beurteilung des ihm vorliegenden Materials so irren? Hat der Wikileaks-Chef nie persönlich einen Blick in die Diplomatenberichte geworfen?” Die Lektüre der Depeschen offenbare, dass es keinen solchen Skandal gebe. Vielmehr würde die offizielle Rhetorik der Vereinigten Staaten so gut wie nie im Widerspruch zu ihren nun enthüllten diplomatischen Bemühungen stehen.

Weiter heißt es: “Wer aus den Wikileaks-Depeschen wirklich etwas lernen will, darf sie nicht nach kleinen Skandalen durchsuchen. Sicher wird man da irgendwie fündig. Doch der amerikanischen Außenpolitik wird diese Herangehensweise nicht gerecht.”

Widerspruch zu bisheriger Wikileaks-Berichterstattung
Borgstede schließt ab: “Um zu verstehen, wie die letzte verbliebene Supermacht unsere Welt sieht, muss man Geduld beweisen und sich durch lange Lageberichte, scheinbar nichtssagende Gesprächsprotokolle und heute längst nicht mehr aktuelle politische Einschätzungen arbeiten. Und dann könnte es einem plötzlich dämmern: Amerikas Bild von dieser Welt ist viel komplexer als unser Bild von Amerika.”
Der Aftenposten-Deal ist umso überraschender, wenn man einen Blick auf die bisherige Wikileaks-Berichterstattung der Welt wirft. Noch im Dezember sah Blattmacher Frank Schmiechen die Veröffentlichung der Depeschen durch Wikileaks, wie viele seiner Welt-Kollegen, höchst kritisch. So hieß es in einem Welt-Kommentar: "Die neueste Volte von Wikileaks birgt enorme zerstörerische Kraft. Sie grenzt an Geheimnisverrat und ist geeignet, das Vertrauen diverser Staaten zu den USA über Jahre hinweg zu unterminieren." Weiter hieß es: "Die mediale Wucht wird gewaltig sein. Der Schaden auch."

Schmiechen merkte damals dazu an: "Ich persönlich stehe der Veröffentlichung der geheimen Dokumente durch Wikileaks eher kritisch gegenüber. Es geht uns bei Welt kompakt auch nicht darum, aus der Weihnachtsausgabe ein Assange-Fanzine zu machen."

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