iPad: Exklusiv-Kosmetik beim Handelsblatt

Das Handelsblatt hat mit First eine neue App fürs iPad vorgestellt. Bei First soll alles sehr schnell und exklusiv sein. Eine eigene iPad-Redaktion soll dafür sorgen, dass Berichte zuerst in der App auftauchen, noch bevor sie im Web oder im Handelsblatt zu lesen sind. Dazu gibt es personalisierbare Börsen-Zahlen und Videos. Das Problem von First ist aber, dass es heutzutage sehr schwierig geworden ist, wirklich exklusive News zu bekommen. So bietet denn auch First eher Exklusiv-Kosmetik als echte Exklusivität.

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Machen wir das zunächst an zwei Beispielen fest. Eine Aufmacher-Meldung bei First befasste sich mit dem bevorstehenden Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Washington. Die Zeile bei First lautete “Hu Jintao stellt Dominanz des Dollars in Frage”, der Zeitstempel dieser Meldung war 6.11 Uhr am 17. Januar. Was folgte, war eine kurze Zusammenfassung der Agenturlage mit dem allgemeinen Kürzel HB für Handelsblatt.

Den fast identischen Text konnte man auf der frei zugänglichen Website Handelsblatt.com unter der Überschrift “Hu wirbt für bessere Zusammenarbeit mit den USA”, Zeitstempel hier: 3.55 Uhr früh am 17. Januar finden. Beide Texte sind Agenturmaterial, das sich auf Berichte aus Wall Street Journal und Washington Post bezieht. Inhalte, die sich via Google News oder andere Aggregatoren an jeder Ecke des Web finden lassen, zum Teil auch deutlich ausführlicher als beim Handelsblatt. Zudem ist für Leser möglicherweise verwirrend, dass dieselbe Geschichte bei handelsblatt.com und bei First durch eine andere Überschrift einen unterschiedlichen Dreh bekommt. Vielleicht wollte man sich bei der App mit der neuen Zeile von dem im wesentlichen identischen Web-Bericht abgrenzen. Nutzerfreundlich ist das nicht.

Anderes Beispiel: “Volkswagen bringt das Ein-Liter-Auto” hieß eine weitere Top-Geschichte in First, die den Zeitstempel 7.41 Uhr und das Datum 17. Januar trug. Autorenzeile: Carsten Herz, Redakteur im Unternehmens-Ressort des Handelsblatt. Der Text bestand dann aber wieder aus nur leicht redigiertem Agenturmaterial von dpa und ist in wesentlichen Teilen bei den dpa-Tickern der bekannten News-Angebote ebenfalls zu finden. Wir haben den Ein-Liter-Auto Text aus First fast wortgleich als dpa-Meldung bei sueddeutsche.de entdeckt.

Kleine Text-Vergleichsprobe.

Bei dpa (via sueddeutsche.de dpa-Ticker) heißt es: “Auf der Qatar Motor Show Ende Januar soll das Super Efficent Vehicle (SEV) seine Weltpremiere erleben, berichtet die Wirtschaftswoche.”

Bei Handelsblatt First ist zu lesen: “Auf der Katar-Motor-Show Ende Januar soll das Super Efficent Vehicle (SEV) seine Weltpremiere erleben.”

Bei dpa heißt es: “Ein Zweizylinder-Dieselmotor sei von den Ingenieuren an einen kleinen Elektromotor gekoppelt worden, der von einer Lithium-Ionen-Batterie gespeist werde. Diese könne an einer Steckdose wieder aufgeladen werden, wenn das Auto parke.”

Bei Handelsblatt First heißt es: “Ein Zweizylinder-Dieselmotor sei von den Ingenieuren an einen kleinen Elektromotor gekoppelt worden, der von einer Lithium-Ionen-Batterie gespeist werde. Diese könne an einer Steckdose wieder aufgeladen werden, wen das Auto parkt.”

Das wirkt so, als habe man eine dpa-Meldung sehr leicht redigiert und eine Autorenzeile vornedran geschrieben. Der Zeitstempel der dpa-Meldung bei sueddeutsche.de liegt übrigens bei 5.40 Uhr am 17. Januar, der von First bei 7.41 Uhr. Nicht gerade “first”. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass einige Meldungen tatsächlich schnell sind. So wurde eine Meldung über Probleme bei dem geplanten Joint-Venture zwischen dem Ölkonzern BP und dem russischen Konzern Rosneft sehr schnell bei First eingestellt. Im deutschsprachigen Internet ließen sich zumindest kurz nach dem Einstellen der Meldung bei First keine entsprechenden Artikel finden, wohl aber im englischsprachigen Internet. Es ist davon auszugehen, dass deutsche Agenturen und andere News-Websites die Meldung also in Kürze auch übernehmen.

Dies alles bedeutet nun nicht, dass Handelsblatt First ganz und gar missraten ist. Die Nutzerführung ist gut gelungen, das Personalisieren der Börsenkurse ebenso. Die Präsentation der Nachrichten ist übersichtlich. Es gibt eingie nützliche Features, wie das Herunterladen von Inhalten für die Offline-Nutzung. Nur: Mit dem Namen First und dem damit selbstgesteckten Anspruch an Schnelligkeit und Exklusivität werden Versprechen geweckt und ein Ansprüche definiert, die so nicht eingelöst werden. Vermutlich auch gar nicht eingelöst werden können. Denn auf dem weltweiten Markt für Wirtschaftsnachrichten, verbreiten sich Meldungen rasend schnell und echte Exklusiv-Nachrichten sind ein rares Gut. Es gibt schlicht zu wenig wirklich Exklusives, als dass man damit eine ganze Zeitung oder App vollstopfen könnte. Und ob die Handelsblatt-Macher tatsächlich so konsequent sind, eine echte Exklusiv-Meldung nicht doch fürs Blatt zurückzuhalten, das muss sich erst noch zeigen.

11,99 Euro will man beim Handelsblatt ab Mai monatlich für die First-App kassieren. Bis dahin ist die Nutzung durch ein Sponsoring von Siemens gratis. Ob die übersichtliche Aufbereitung der Wirtschafts-Nachrichten der Zielgruppe das Geld wert ist, muss sich zeigen. Die angekündigte Exklusivität ist aber eine Schein-Exklusivität, erzeugt durch neue Überschriften, andere Platzierungen als bei der Website, leichtes Umschreiben von Texten und Autorenzeilen über dpa-Meldungen. Das ist in weiten Teilen keine Exklusivität, sondern dick aufgetragene Exklusivitäts-Kosmetik.

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