Lindenberg-Doku: Wie die SED Udo kastrierte

"Ey Honey, ich sing für wenig Money im Republik-Palast, wenn ihr mich lasst": Als Udo Lindenberg im Februar 1983 den "Sonderzug nach Pankow" schmetterte, schien ein DDR-Auftritt noch unmöglich. Doch wenige Monate später ließ man ihn tatsächlich. Warum es dazu kam und wie der Panik-Rocker instrumentalisiert wurde, beleuchtet heute "Die Akte Lindenberg: Udo und die DDR" (ARD, 23.30 Uhr). Verantwortlich für die Doku ist Reinhold Beckmann, der damals als Tonassistent dabei war.

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Er wollte "mal eben dahin, mal eben nach Ost-Berlin". Jahrelang kämpfte Udo Lindenberg für ein Konzert in der DDR, bis man ihn am 25. Oktober 1983 tatsächlich auf die Bühne im Palast der Republik ließ. Reinhold Beckmann begleitete den West-Star als junger Tonassistent eines ARD-Kamerateams.
                                             Links sitzt Beckmann, rechts Lindenberg
Wer nun aber fürchtet, die Dokumentation mutiere – wie Beckmanns Talkformat – zur "Ich höre am liebsten mich selbst reden"-Show, kann beruhigt werden. Der Moderator nimmt sich zurück und rekonstruiert zusammen mit Co-Autor Falko Korth dieses Stück deutsch-deutscher Geschichte aus Stasi-Akten und Zeitzeugen-Interviews. Neben Lindenberg selbst kommen dessen Musiker und Wegbegleiter, aber auch beteiligte DDR-Offizielle wie der damalige FDJ-Chef Egon Krenz zu Wort.
Etwas arg konventionell schildert "Die Akte Lindenberg" den spannenden Verhandlungsmarathon hinter den Diplomatie-Kulissen, bei dem für Krenz ein Lindenberg-Auftritt im Rahmen des FDJ-Friedensfestes und für den Rocker eigentlich eine DDR-Tour rausspringen sollte. Akteneinträge, Fans und Fotos berichten zudem vom brutalen Vorgehen der Staatssicherheit gegenüber der Zuschauermenge, die sich vor den Palast der Republik drängte, um einen Blick auf den West-Musiker zu erhaschen.
Seinen stärksten Moment hat der einstündige Film aber schließlich dann, als die Grenzen Knoppscher Konfektionsware verlassen werden: Beckmann greift aus dem Off ein und konfrontiert Krenz mit dem Stasi-Einsatz und seinen persönlichen Erinnerungen. Sichtlich dünnhäutig erklärt der spätere Honecker-Nachfolger, er habe davon nichts gewusst, bis er schließlich schnaubt: "Lassen Sie mich doch mit einem solchen Quatsch in Ruhe."
Die Doku erzählt auch, wie sich die FDJ-Friedensshow als reine Propagandaveranstaltung entpuppte. Das handverlesene Publikum – linientreue Blauhemden. Und die für das Folgejahr versprochene DDR-Tournee – kurzerhand abgesagt. Instrumentalisiert und betrogen wird Lindenberg, der seine Blauäugigkeit bis heute nicht so recht wahrhaben will, zur tragischen Figur dieses Dokumentarfilms. "Lindi lässt sich nicht kastrieren", verkündete der Musiker noch vor dem Auftritt, doch genau das war geschehen: für vier Lieder, ohne den "Sonderzug", den er sich – geködert mit der Tour durch den "Arbeiter und Bauernstaat" – verkniffen hatte. Immerhin gelang es Lindenberg sich in einer Moderation sowohl gegen westliche Pershings als auch gegen die sowjetischen SS-20-Raketen auszusprechen. Einzig ein Musiker aus Udos Panikorchester gesteht letztlich ein: "Wir sind benutzt worden."
So erinnert es auch unfreiwillig an David Hasselhoff – der fest überzeugt ist, zum Mauerfall beigetragen zu haben – wenn Beckmann in der Abmoderation auf "die Stimmen" verweist, "die sagen", dass der Fall der Mauer auch Udo Lindenberg zu verdanken sei. Der Film gibt sich alle Mühe, diesen Mythos nicht gänzlich zu entkräften. Aber warum auch nicht den Glauben aufrecht halten, dass Musik tatsächlich noch die Welt verändern kann.

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