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Bodensee-„Tatort“: Kosmetik-Kritik reloaded

Die Chefin einer Schönheitsklinik ist tot, symbolisch hat der Mörder einen Goldfisch in ihrer Kehle hinterlassen: Schon wieder spielt ein "Tatort" in der Welt des Beauty-Wahns und schafft es auch diesmal nicht über Silikon-Stereotype hinauszukommen. Rund eine Stunde ist "Der schöne Schein" zumindest recht unterhaltsam, dann dürften Krimikenner den Bodensee-Fall gelöst haben. Der Rest ist so aufregend wie eine Wellness-Kur – da helfen auch skurrile Morde und das viel zu dick aufgetragene Ende nicht.

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Irgendwo muss es eine Schablone zur Zeichnung eindimensionaler "Tatort"-Schurken geben: Bereits im November ermittelten die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr im klischeeüberladenen Botox-Millieu. Diesmal dürfen sich Klara Blum (Eva Mattes) und ihr Schweizer Amtskollege Reto Flückiger (Stefan Gubser) in die Welt des Schönheits-Wahns begeben. Das Ergebnis: gleiches Setting, ähnliche Stereotype. Nahtlos setzt "Der schöne Schein" die Reihe von skrupellosen Beauty-Bösewichten in durchgestylten Schönheitsfarmen fort.
Im Kreuzlinger Planetarium wird die deutsche Leiterin einer Schönheitsklinik tot aufgefunden. Das führt Blum und Flückiger zum dritten und letzten Mal (künftig wird das Schweizer Fernsehen mit der Figur Reto Flückiger und dem Standort Luzern in den Kreis der "Tatort"-Sender zurückkehren) für grenzübergreifende Ermittlungen zusammen. Schnell haben die Kommissare in den drei Klinik-Ärzten ihre Hauptverdächtige gefunden. Sie alle, darunter der Ehemann der Toten, haben ein Motiv, das von Eifersucht bis Geldgier reicht. Denn sie sind, wie solche Mediziner im "Tatort" eben sind: untreu, skrupellos und zynisch.
Der eine schimpft während der Fettabsaugung über die dicke Patientin ("Wie kann man nur so viel fressen!?"), der andere fährt im Sportwagen zur schicken Designervilla und die dritte im Bunde wirft mit Worten wie "Mindfulness-Based-Stress-Reduction" und "Mind-and-Body-Centering" um sich. Zudem hat sich die Klinik ein Nebengeschäft mit chinesischen Billigimplantaten aufgebaut und noch ein dunkles Geheimnis scheint die drei Chirurgen zu verbinden. Ja ja, der schöne Schein. Schon verstanden. Doch um Subtilitätsfreiheit zu gewährleisten lässt das Drehbuch Klara Blum die schaurige Silikon-Sause noch einmal mit den Worten kommentieren: "Lieber was Richtiges im Kopf, als was Falsches im BH."
Aller Stereotypie-Schelte zum Trotz muss man dem Bodensee-Krimi jedoch zu Gute halten, dass er über weite Strecken durchaus unterhält. Dafür sorgt vor allem der Undercovereinsatz von Kai Perlmann (hervorragend Sebastian Bezzel). Ohnehin schon genervt von der grenzübergreifenden Zusammenarbeit mit dem "Ziegenpeter", muss Blums Co-Ermittler Hemd und Hose gegen Bademantel tauschen und fortan als vorgeblicher Burnout-Patient in der Beauty-Klinik ermitteln – was zu amüsanten Situationen führt. Der "Tatort"-erfahrenen Regisseur René Heisig findet zwischen Bergen und Bodensee mit dem richtigen Blick fürs Detail zudem einige kinoreife Bilder. Etwas irritierend ist jedoch das Timing dieses mit blauem Himmel und Cabriolets ausgestatteten Sommerkrimis – aber gut, vielleicht freut sich der ein oder andere auch am Sonntagabend aus der grauen Tristesse des Januars geholt zu werden.

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