Die unheimliche Macht der Wikipedia

Jeder, der im Internet unterwegs ist, kennt das: Will man etwas wissen, geht man zu Wikipedia. Die Online-Enzyklopädie hat traditionelle Nachschlagewerke wie den Brockhaus an den Rand gedrängt und ist für eine ganze Generation zur Hüterin des Weltwissens im WWW geworden. Hinterfragt werden die Informationen aus der Wikipedia selten bis gar nicht. Das Vorzeige-Projekt des “guten” Internet ist somit nicht nur ungemein nützlich, sondern auch ein bisschen gefährlich. Eine kleine Reflexion zum Geburtstag.

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Vor allem Journalisten sollten jeden Tag ein kleines Dankgebet zum Himmel schicken, dafür dass es die Wikipedia gibt. Viele aus der schreibenden und recherchierenden Zunft können sich schon gar nicht mehr vorstellen, wie man schnell und unkompliziert an Infos kommt ohne bei Wikipedia nachzuschauen. Schnell einen Begriff eingetippt, gerne auch von unterwegs mit iPhone oder Android-Handy, und Wikipedia spuckt die Antwort aus. Die wird sogleich in den Artikel übernommen. Ganz egal ob Geburtsdatum, eine exotische Schreibweise, Einwohnerzahlen oder Namen. Die Zeit drängt ja bekanntlich immer und Personal ist knapp. Die Wikipedia ist so etwas wie die ins Web ausgelagerte Doku- und Rechercheabteilung vor allem vieler Online-Medien.

Ab und zu wird offensichtlich, welche Macht hinter der Wikipedia steht. Zum Beispiel als ein Spaßvogel einen falschen Vornamen beim damals neuen Wirtschaftsminister  Karl Theodor zu Guttenberg in die Wikipedia reinmogelte – so ziemlich alle Medien fielen darauf rein – von der Bild bis Spiegel Online. Dabei ist bezeichnend, dass sogar Medien-Großkritiker Stefan Niggemeier bereit zu sein scheint, beim Abschreiben aus der Wikipedia ein Auge zuzudrücken. Er schrieb zum falschen Guttenberg-Vornamen bei SpOn: “Dass „Spiegel Online” am Montag schnell den Namen bei Wikipedia abgeschrieben hat, ist ein Fehler, den ich verstehen und leicht verzeihen kann.” Was Niggemeier stattdessen aufregte, war die an den Haaren herbeigezogene Rechtfertigung der Abschreiber.

Spiegel Online wurde schon mehrfach beim Abschreiben, bzw. “Rüberkopieren” aus der Wikipedia erwischt. U.a. deshalb weil sogar Kommafehler der Wikipedia-Texte mit übernommen wurden, wie in dem Fall eines Hintergrund-Artikels zum Völkermord in Ruanda. Aber wir wollen hier kein Spiegel-Online-Bashing betreiben, sondern sollten lieber uns alle selbst an die Nase fassen. Wer offen und ehrlich zugeben kann, noch nie, nie, niemals eine Info ungeprüft aus Wikipedia übernommen zu haben, der werfe den ersten Stein. Jede Wette, dass noch nicht einmal ein Kiesel fliegt! Sogar der französische Star-Schriftsteller Michel Houellebecq soll schon bei der Wikipedia angeschrieben haben…

Die Wikipedia ist einfach zu gut und zu verführerisch, als dass man sie nicht benutzen könnte. In geschätzten 95 Prozent der Fälle ist das Online-Lexikon schnell, aktuell, ungeheuer detailliert und korrekt. Auch wir möchten die Wikipedia nicht missen! Zum zehnten Geburtstag des Online-Lexikons sollten wir uns aber auch ins Gedächtnis rufen, dass man mit dem Aufrufen des Elektronen-Hirns der  Wikipedia sein eigenes Oberstübchen nicht ausschalten sollte. Ganz im Gegenteil. In diesem Sinne, herzlichen Glückwunsch, Wikipedia!

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