“So nah wie möglich, aber nicht duzen!”

Mainhardt Graf Nayhauß ist ein Stück deutsche Presse- und Politikgeschichte. Seit 63 Jahren ist er als Journalist aktiv, seit 30 Jahren schreibt er für Bild über die Mächtigen in Bonn und später in Berlin. In dieser Woche verabschiedet sich der 84-Jährige mit einer Bild-Serie über seine politischen Begegnungen von der Springer-Zeitung. MEEDIA sprach mit dem 84-jährigen Graf Nayhauß über seine Zeit bei Bild, die Nähe zwischen Politik und Presse und seine Liebe zum Internet.

Anzeige

Würden Sie von sich selbst sagen: Ich bin ein People-Journalist?

Nein. Eine schreckliche Bezeichnung. Spezialisiert auf Personalien, Porträts und Hintergrundgeschichten – ja. Ansonsten: All the news that’s fit to print.

Sie gelten als Großmeister der politischen Klatsch-Kolumne – was unterscheidet gepflegten Klatsch von unanständigem Klatsch?

Ich empfehle meine letzten "Top 10" in BILD vom 31.Dezember zu lesen. Daraus hier zitiert nur zwei: Top 6 – Das best gehütete Geheimnis… ist die Strategie der Bundeswehr für den Fall des Abszugs aus Afgahnistan: Auch über Russland auf dem Schienenweg? Welche afghanischen Mitarbeiter erhalten Asyl? Top7 – Die heikelste Frage … angesichts des Streits um eine Gedenkstätte in Reichstagsnähe für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma: Nachdem bereits Mahnmale für Juden und Homosexuelle existieren – wo wird am selben Ort derer gedacht, die zu keiner dieser Gruppen gehören? Jetzt frage ich Sie: Ist das Klatsch?

Wieviel Nähe zur Politik darf sich ein politischer Journalist leisten?

So nah wie möglich, aber nicht duzen! Und trotz erreichter Nähe, auf Kritik nicht verzichten. Meine Erfahrung: Niemand ist sich ewig gram! Genscher, zu dem ich über Jahrzehnte ein sehr freundschaftliches Verhältnis unterhalte – wir treffen uns zum Beispiel mit unseren Ehefrauen regelmäßig zum Weihnachtsessen – auf die Frage eines Dritten: Ob er sich schon einmal über eine Nayhauß-Kolumne geärgert hätte? "Ja! Besonders, wenn er Recht hatte."

Gab es Begegnungen, auf die Sie heute noch stolz sind?

Viele! Mit Adenauer und Erhardt; Willy Brandt im Nachkriegs-Berlin wöchentlich erlebt zu haben, als er noch norwegische Majorsuniform als Presseattaché an der norwegischen Militärmission trug und ich als Volontär der "Nachrichten für Außenhandel" mit ihm Zeitungen tauschte! Stolz auch, das Zusammentreffen von Kohl und Gorbatschow im Kaukasus als einziger deutscher Zeitungsjournalist erlebt zu haben. Nicht zu vergessen: Mein Besuch bei den auf Müllhalden in Manila lebenden Menschen und einem verletzten Jungen über "Bild hilft – Ein Herz für Kinder" zu einer dringenden Operation verholfen zu haben.

Wie hat sich der politische Journalismus in ihren 30 Jahren Bild-Kolumne verändert?

Durch das Internet ist er oberflächlicher geworden. Es werden vorwiegend Agenturmeldungen abgeschrieben, ohne Eigenrecherche – schon gar nicht vor Ort.

Und wie haben sich die Politiker verändert?

Sie sind jünger geworden aber nicht souveräner! Home Stories, die zur Beurteilung einer Person wichtig sind, verschließen sie sich.

Gibt es heute andere Umgangsformen als früher im Zusammenspiel zwischen Journalisten und Politikern?

Es gibt weniger Vertrauen, weniger Unterstützung zum Beispiel auf Auslandsreisen.

Wie erleben Sie den Medienwandel hin zum Digitalen?

Ich gehöre zu den Pionieren im digitalen Bereich, bediente mich bereits der digitalen Datenübertragung als es noch nicht das heutige Internet gab, sondern nur GeoNet für einen begrenzten Teilnehmerkreis. Ich schob Bild.de mit an, veranstaltete Online-Chats mit Politikern, zum Beispiel mit dem Bundespräsidenten.

Ihre Bild-Kolumne geht nun zu Ende, werden Sie ihre Kolumne in Bunte weiter machen?

Ja. Bereits morgen schreibe ich die nächste Bunte-Kolumne.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige