Die Web-Worthülsen des Jeff Jarvis

Jeff Jarvis ist wieder auf Tour. Der wahlweise als Web-Guru oder Internet-Visionär betitelte US-Amerikaner hat sich zu einem weltweiten Ein-Mann-Wanderzirkus in Sachen Web-Propaganda entwickelt. Seine Thesen werden von der Netzgemeinde eifrig beklatscht und selten hinterfragt. Aktuell auf dem Berliner Blogger-Kongress re:publica. Aber die Antwort auf die wichtige Frage, wie man mit dem Internet eigentlich Geld verdienen kann, hat Jarvis bisher nur für eine einzelne Person beantwortet: für sich selbst.

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Mit einem Lehrauftrag, Beratertätigkeiten, Vorträgen und seinem Buch "What would Google do?" ist Jarvis ein viel gefragter und mutmaßlich gut verdienender Autor und Berater. Das sei ihm gegönnt. Die Ratschläge, mit denen er sein Geld verdient, sind flott formuliert und seine Vorträge immer wieder für ein paar Lacher auf Kosten der sogenannten Holzmedien gut. Aktuell zu beobachten auf dem Berliner Blogger-Kongress re:publica.

Da witzelte Jarvis über das deutsche Paradoxon, dass man sich hierzulande lieber nackt in die Sauna hockt, statt sich von einem Google Streetview Auto in voller Montur ablichten zu lassen. Gelächter, Applaus, weiter im Text. Bloß nicht drüber nachdenken, sonst wäre die schöne Pointe womöglich hinüber. Dass es einen Unterschied macht, ob man sich in einem abgeschirmten Raum wie einer Sauna selbstbestimmt nackt zeigt oder ob man ungefragt auf der Straße fotografiert wird, wird von Jarvis nonchalant übergangen. Würde der Google-Fotograf mit einer Digitalkamera in der Sauna hocken und rumknipsen, würde wohl auch der eine oder andere protestieren.

Jarvis sagt, man "Wir sind die Öffentlichkeit", und die Öffentlichkeit gehöre der Öffentlichkeit. Das ist, mit Verlaub, Unfug. Und wen meint er überhaupt mit "wir"?  Er benutzt hier den alten rhetorischen Trick, eine radikale Gegenposition zu einer Mainstream-Meinung einzunehmen. Datenschutz und Privatsphäre werden derzeit eifrig diskutiert und gelten gemeinhin als bedroht. Sei es durch den Staat, den Arbeitgeber oder Google. Die Sorgen bestehen wohl nicht ganz zu unrecht. Jetzt stellt sich Jarvis hin und dreht den Spieß rhetorisch geschickt einfach um. Nicht die Privatsphäre sei bedroht, sondern die Öffentlichkeit. Sowas geht der in Sachen Selbstbespiegelung geübten Bloggerszene runter wie Öl.

Als Standard-Beispiel dient Jarvis dabei stets seine eigene Prostatakrebs-Erkrankung. Er selbst hat die Diagnose in seinem Blog öffentlich gemacht. Ja, er hat sogar eine ganze Serie dazu gestartet ("Small c"). In seinem Blog, auf Vorträgen und in zahllosen Interviews wird er nicht müde, die Vorteile dieser radikalen Selbst-Darstellung zu preisen. Er habe unglaublich viel Zuspruch, Tipps und Hilfestellungen von der Community bekommen. Das bleibt ihm unbenommen. Aber wieso will er anderen Leuten das Recht absprechen, mit ihren Privatangelegenheiten auch privat umzugehen? Niemand hindert jemanden daran, sich öffentlich zu entblößen oder zu entblöden. Zahlreiche Fernsehserien und Online-Veröffentlichen legen hiervon beredt Zeugnis ab. Schützenswert sind und bleiben jene, die dies nicht wollen.

Das andere große Thema, das Jarvis in seinem Buch "What would Google do?" abhandelt, ist die Link-Ökonomie. Eine Art Web-Variation von Georg Francks berüchtigter "Ökonomie der Aufmerksamkeit". Die besagt ganz grob, dass Aufmerksamkeit heutzutage eine Währung darstellt. Laut Jarvis wird diese Aufmerksamkeit durch Links erzeugt. Die Medienhäuser sollten sich also darauf konzentrieren, viele Links auf ihre möglichst spezialisierten und einmaligen Inhalte zu bekommen. Und, so die finale Schlussfolgerung, um viele Links, also viel Aufmerksamkeit, zu bekommen, muss alles natürlich frei verfügbar sein.

Theoretisch ist das ein in sich schlüssiges Gedankengebäude. Solange man sich nicht in die wirkliche Welt hinauswagt. Wer von Jarvis wissen will, wie er denn die vielen Leute, die Gebäude, die Dienstleister, die ganze Infrastruktur mit der Link-Ökonomie bezahlen soll, der erhält zur Antwort, man müsse "Wege finden", die Aufmerksamkeit zu monetarisieren. Immer wenn’s ans Eingemachte geht, verdrückt sich Jarvis ins Ungefähre und eilt zum nächsten Vortrag. Nur: Würde man Jarvis mit seinen radikalen Thesen ernst nehmen, könnten die meisten Medienhäuser von heute auf morgen dicht machen. Jeff Jarvis ist zu allererst ein genialer Vermarkter seiner selbst. Für ihn als One-Man-Show funktioniert das mit der Link-Ökonomie auch ganz hervorragend – solange seine Vorträge und altmodisch gedruckten Bücher in Cash bezahlt werden und nicht mit Links.

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