DSDS-Staffelstart: mehr genital als genial

Der Alltag hat uns wieder. Casting-Junkies und Fernseh-Huren, die sich durch überflüssig besinnliche Weihnachtszeiten und gute Silvester-Vorsätze in Freundeskreisen unangemessen belästigt gefühlt haben mochten, können aufatmen. DSDS, Bohlens “Dinner for One“, ist wieder da. Der gestrige Start holte Top-Quoten. Die neue Jury blieb noch blass. Die Produktion hatte Längen. Der Rest bot als Einstieg in den langen Staffelprozess Gewohntes. Tendenz: Nicht genial, aber genital.

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“Im Recall würdest Du nicht länger überleben, als ein Tampon im Piranha-Becken!“, sagte Meister Bohlen zur Kandidatin Shole Haji Heidari. Die arbeitslose Kosmetikerin mit glänzender Haut und stumpfer Musikalität, die “in MySpace mit Sido und Bushido befreundet“ ist, war anderer Meinung. Immerhin diente sie als Vehikel für den Fokus des ersten Castings: Mit diesem Bohlen-Kommentar durfte der Genital-Scope des DSDS-Start–Castings 2011 als eröffnet angesehen werden.

Der gestrige Abend zeigte Gewohntes: Auf der guten Seite die frühe Platzierung zweier verfolgenswerter Talente mit guten Stimmen und natürlicher Ausstrahlung.
Auf der – quotentechnisch wichtigen – weniger guten Seite das übliche Gruselkabinett. Gebaut aus musikalisch talentfreiem Sondermüll der Kandidaten-Schrottplätze Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.

Ralph Joachim Rainer Edler von Görsitz eröffnete die Reihe der Delinquenten mit dem Satz „Ich habe nichts mehr zu verlieren!“ Da allerdings irrte der Mann mit dem adligen Namen aus der Nachbarschaft von Amtsgericht und Untersuchungsgefängnis des Westberliner Ghettos Moabit. Denn der Preis für ein paar Fernsehminuten vor Big Dieter und seinen Jury-Komparsen kann hoch sein für ewig Gestrige, die überflüssigerweise auf orthodoxe Werte, wie Selbstachtung Wert legen mögen.
Ralph gehörte nicht dazu. Er bekam den Raum für seinen Auftritt und versemmelte den Song von Andrea Bocelli in atemberaubender Konsequenz.  Dass sich die Produktion dafür entschied, langatmige Fragen zum adligen Namen auszubreiten, produzierte Längen und kostete Unterhaltungswert. Dass die Jury den Moabiter Adligen den alten Bocelli-Maske- Song  ”Time To Say Goodbye” bis zum Ende singen ließ und alle Jury-Member während der ultimativen, musikalischen Vernichtung Ralphs beide Arme in die Luft streckten und mit strahlendem Lächeln im Takt wiegten, ging über übliche Peinlichkeiten hinaus. Es wirkte, als würde man einen Gehbehinderten beim Humpeln anfeuern, um ihm – Minuten später – in der folgenden Analyse vorzuwerfen, er wäre für das 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele doch nicht ganz geeignet. Man war also angekommen im diesjährigen DSDS-Sog. Das Leben ist halt nicht billig. Nicht für Ralph, nicht für Shole und die anderen, die in den nächsten Wochen folgen werden.

Weitgehend blanke Kandidatinnen-Brüste wurden von einer Wolfsburger Kandidatin für die Jury entblößt, während der Ehemann kopfschüttelnd zuschaute. Man erfuhr von seiner Frau, die seit “sechs Tagen singe“, es ginge das Gerücht, Meister Dieter sei “ein guter Liebhaber und sehr gut bestückt da unten“. Wie gut, dachte man, dass man den Blick auf den Start der diesjährigen Staffel nicht ohne diese zentrale Information beenden musste. Jenen Zuschauern, denen auf der anderen Seite des Schirms die Peinlichkeit entgangen sein mochte, wurde von der Produktion sensibel dadurch geholfen, dass man auf das entsetzte Gesicht des Ehemannes rote Farbe legte. Und für die wenigen, die gestern irgendwie an Musik interessiert gewesen sein mochten, wurde auch noch ein wenig gesungen.

Der junge  österreichische Arzt Marco Angellini (26) begeisterte mit Lederhose, Stimme und naiv-sympathischer Ausstrahlung die Jury ebenso wie die 17-jährige Anna-Carina Woitschack. Seit dem zweiten Lebensjahr steht sie als Puppenspielerin auf Bühnen. Weitab vom Mainstream eine nette, unverbrauchte junge Frau ohne Freund und Disco-Besuche, aber mit guter Stimme. Beide Kandidaten eignen sich als Sympathieträger und bieten jede Menge Raum für künftige Zuschauer-Identifikation.

Und die neue Jury? Natürlich eine Bohlen-Jury ohne Konkurrenz zum Meister, marketingtechnisch gelauncht als “Sexiest Jury ever“. Visuell mag das stimmen. Einen Andreas Bär Läsker als Typen und kräftigen, spürbar senioren Gegenpol zu Meister Bohlen allerdings vermisst man in der aktuellen Jury-Komposition ebenso, wie in den letzten Gremien.

Die neue Kombination muss sich finden und wirkte gestern – natürlich – noch nicht eingespielt. Fernanda Brandao und Patrick Nuo haben überprüfbare musikalische Erfahrungen. Neben Deutschland-Dieter müssen Sie noch herausfinden, ob und welchen Raum sie innerhalb des Gremiums für sich nutzen dürfen. Man darf gespannt sein, ob Farblosigkeit droht oder DSDS vom Jury Benchmark “X Factor“ lernen konnte, wie man es anstellt, die zentrale Identifikationsfigur einer Jury so zu platzieren, dass die anderen Mitglieder eigenständig wahrnehmbar bleiben.
Erste, kleinere Veränderungen sind bei DSDS bereits sichtbar: So wurden gestern Bohlen-Brandao-Gesprächssequenzen zwischen den Castings eingeblendet. Das macht ein wenig Hoffnung auf mehr lebensnahe, natürliche  Details und könnte in der Tat die Bindung von Zuschauern auch an den Austauschprozess der Jury intensivieren. “Dinner for One“ für Bohlen-Vernichtungssprüche auf Dauer mag erfolgreich sein, ist aber dann doch zu eindimensional.

Die zusätzlich erdachte Comic-Figur des grünen Frosches “Freddy“, der Jury-Bewertungen anreichert und kommentierend durchs Bild läuft,  wirkte gestern eher angestrengt locker. Lustig geht anders. Mag sein, Freddy sollte als Vorbereitung für künftige Zusatzeinnahmen aus dem Verkauf von Kuscheltieren und sonstigen Produkten als Marke vorbereitet werden. Vor diesem Hintergrund hätte das geschäftsstrategisch Sinn gemacht. In dem Pilot-Casting gestern wirkten Figur und Rolle des “vierten Jury-Mitglieds“ eher überflüssig.  Zu einem Zeitpunkt, an welchem sich nicht einmal die Jury selbst gefunden hat, erschweren zusätzliche Figuren eher die Orientierung für Zuschauer.
Insgesamt war also manches ein wenig neu und vieles wie immer. Man kann gespannt darauf sein, ob es RTL und Grundy Light Entertainment gelingt, ein erfolgreiches Format in dieser Staffel noch ein wenig besser zu machen.
Der Spruch des Abends übrigens kam diesmal nicht von Dieter Bohlen, sondern von der Mutter der aussichtsreichen Kandidatin Anna-Carina, der die die Spitze der genitalen Impulse lieferte:
 „Dieter kennt sich in Frauen aus!“.
Nicht: “mit“, sondern “in“.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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