Ballauf und die Erotik der Heuschrecke

Ein Toter im Foyer eines Druckhauses, viele Spuren und überall Verdächtige. Als Sanierer und Fusions-Berater hat sich Carsten Moll im Betrieb viele Feinde gemacht. Ballauf und Schenk ermitteln in alle Richtungen. So entwirft der Kölner "Tatort" das Unsittengemälde einer Leistungsgesellschaft, die Menschliches ausblendet und deren Sinnleere jenseits von Karriere und Profitabilität reihenweise emotionale Krüppel heranzüchtet. Sicher: "Unter Druck" bedient ein Klischee, das aber immerhin eindrucksvoll.

Anzeige

Nicht der Fall (was hier wörtlich zu nehmen ist) macht den Kölner Krimi aus, sondern die Leistung der Schauspieler, allen voran Claudia Michelsen als Teamleiterin Rita Landmann. Allein ihre Darstellung der scheinbar skrupellosen Karrierefrau ist es wert, den von der Handlung her eher schlichten Kölner Krimi anzusehen. Ballauf und Schenk müssen den Mord an Carsten Moll aufklären, ein Mitarbeiter der Unternehmensberatung "Uno Consult". Die Geschäftsführung des fiktiven "Kölner Abendblatts" hat Moll und seine Kollegen mit einem Gutachten über das "Optimierungspotenzial" im Verlagshaus beauftragt. Gerüchte über Massenentlassungen machen die Runde, es gibt schwarze Listen und damit reichlich Motive, dem "überheblichen Arsch", wie selbst Kommissar Ballauf später den Toten charakterisieren wird, in luftiger Höhe auf die Sprünge zu helfen. Aber auch das Management scheint nicht sauber, und die Kollegen des Opfers wirken seltsam undurchsichtig.

Einen Medienkrimi hatten vielen erwartet, als bekannt wurde, dass die Dreharbeiten in der Druckerei des Kölner Verlagshauses M. DuMont Schauberg (Kölner Stadtanzeiger, Express) stattfanden. Doch das Verlagsumfeld scheint eher als zufälliger Rahmen gewählt; der Krimi hätte genauso gut in fast jeder anderen Branche spielen können. Tatsächlich ähneln sich die Arbeitsbedingungen allenthalben wie auch das Wirken der "Heuschrecken", die auf Angestellte und Betriebe losgelassen werden.

In den 87 Minuten machen die Kommissare und Zuschauer einen Crashkurs im denglisch-verrohten Managementsprech der Consultants: Effizienzsteigerung ist stets das Ziel wie auch hier beim Projekt "Fit for Fusion". Ein besonders zickiger Kunde gilt als "high maintenanced", sprich beratungsintensiv. Die Guten sind Top-Performer oder Winner, Entlassungen werden als "freizusetzende Betriebsmittel" getarnt. Ähnlich schematisch ist das Auftreten der jung-dynamischen Berater – ein Einsatzkommando im uniformen Dresscode, das mit Laptoptasche, Handy am Ohr und Coffee to go bewaffnet beim Auftraggeber einfliegt. Söldner, deren Religion die Synergie ist und deren Credo lautet: up or out. Stillstand ist "definitely" keine Option. Größtes Zeichen einer Gemütsregung ist das pikierte Zupfen am Krawattenknoten, mehr lässt der Job nicht zu. Gefühle sind geschäftsschädigend.

Für die Kommissare gerät die Aufklärung der Mordsache zur akribischen Detailarbeit. Der Leiter der Verlagsdruckerei hatte kurz vor der Tat mit dem Opfer gestritten; er ist der erste in einer langen Reihe von Verdächtigen. Doch mitten in den Nachforschungen gibt es einen weiteren Toten… Je näher das Ermittler-Duo der Wahrheit kommt, umso mehr Brüche offenbaren die nach außen so gut funktionierenden Protagonisten. Teamleiterin Landmann, die sich alle Mühe gibt, die Fassade des eiskalten Engels mit dem ausradierten Privatleben aufrechtzuerhalten, ist Kommissar Ballauf alles andere als egal. Sie selbst wiederum hat weggebunkerte Empfindungen für ihren Kollegen Moll, dem späteren Opfer. Das knisternde Aufeinandertreffen von Kommissar und cooler Unternehmensberaterin gehört zu den Höhepunkten des von "Tatort"-Debütant Herwig Fischer inszenierten Krimis. Und nicht nur auf den Kommissar strahlt die "Heuschrecke" eine erotische Faszination aus.

"Oh Mann, ich hab‘ die globale Pechsträhne", zieht einer der Berater später auf der Dachterrasse des Hotels Bilanz und bringt den größen anzunehmenden Unfall im Auftragsgeschäft auf den Punkt: "Bye, bye Abschlussbonus." Sein Kollege denkt an den Ausstieg und daran, wie lange er seine Kinder nicht mehr gesehen hat. Worauf der andere entgeistert fragt: "Du hast Kinder? Echte Kinder?" Die Fusionsberater sind – wenn auch nicht kriminalistisch – Täter und zugleich Opfer, auch sie bezahlen mit ihrem (Privat-)Leben.

So menschelt es im Kölner "Tatort" erst nach getaner Arbeit und etlichen Überstunden der ausgelaugten Kommissare, die an der Wurstbude ihre Work-Life-Balance unter Kontrolle zu bringen versuchen. Am Ende ist der Mord aufgeklärt und doch bleibt alles wie vorher. Schenk ist bei seinem Enkel mit fünf Gute-Nacht-Geschichten in Verzug, Ballauf träumt von Urlaub. Und die kalt-lächelnde Teamleiterin von Uno Consult macht weiter das, was sie am besten kann: Karriere.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige