Die Abendblatt-App im ersten Check

Abendblatt24: So lautet der griffige Claim der Tablet-Ausgabe des Hamburger Abendblatts, die seit Freitagmorgen im App-Store fürs iPad zum Download bereitsteht. 24 bedeutet dabei nicht, dass das Angebot rund um die Uhr gefüllt wird, sondern eine Auswahl von drei mal acht Stories aus dem Angebot der Metropolenzeitung. Beim Neujahrsempfang im Messezentrum stellte Chefredakteur Claus Strunz die elektronische Zeitung vor. MEEDIA hat die (vorerst kostenlose) App einem Check unterzogen.

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Bei der Gestaltung der App ging das Abendblatt-Team (MEEDIA berichtete) neue Wege. Statt der Berliner Agentur Neofonie, die etwa für Springers Welt tätig ist, heuerte Claus Strunz WoodWing an, ein Anbieter mit einer eigens entwickelten "Digital Magazine"-Lösung. Wie inzwischen die meisten Apps im redaktionellen Bereich setzt man beim Abendblatt auf eine kombinierte Horizontal- und Vertikal-Navigation: Die Nutzer "wischen" sich von links nach rechts durch die Themen und lesen oder blättern innerhalb eines Artikels von oben nach unten.
Eine Besonderheit ist die Inhaltsangabe nach der "Titelseite", die mit großflächigem Logo und einem ausladenden Aufmacherfoto eher konventionell wirkt. Beim Inhalt muss sich der Leser an gleich zwei Neuerungen zunächst gewöhnen. "24 Stunden, 24 Geschichten" lautet das Motto über der dreizeiligen Navigation, die bekannte Rubrizierungen von Tageszeitungen aufhebt. Stattdessen gibt es "8 x Hamburg, 8 x Der Norden, 8 x Deutschland und die Welt". Dies ist zunächst ein Vorteil gegenüber manchen Apps, die wie etwa die der Bild, auf ein Inhaltsverzeichnis verzichten und damit wenig übersichtlich wirken.
Beim Abendblatt-Lesen auf dem iPad kann der Nutzer nicht verloren gehen, und das ist gut so. Allerdings fällt es aufgrund der kästchenförmigen Anordnung der einzelnen Geschichten schwer, eine Bedeutungshierachie zu erkennen. Die Perlen muss der Leser selbst finden, darauf gestoßen wird er nicht. Dabei zählt die Hierachisierung (und damit Einordnung) von Themen zu den journalistischen Kernkompetenzen, die gerade im Zeitalter der digitalen Reizüberflutung gefragter scheint als je zuvor.
Etwas unklar kommt auch die Zuordnung von Artikeln zu den einzelnen Navigationsleisten daher. Weil sich das Abendblatt für eine regionale Ordnung entschieden hat, finden sich Themen wie der Fall eines Findelkindes nicht gebündelt, sondern einmal unter Hamburg, einmal unter "Der Norden", was weniger leserfreundlich ist. Wenig logisch erscheint zudem die Platzierung des Leitartikels zu Guido Westerwelle im Hamburg-Teil der App, währenddessen das Foto von den Bauarbeiten an der Elbphilharmonie bei "Deutschland und die Welt" zu finden ist. Auch dass gerade die aufmerksamkeitsstarken Fotomotive, die die Bildschirmqualität des Apple-Tablets besonders betonen, letzter Punkt der Navigation und für den schnellen Betrachter kaum zu finden sind, scheint verbesserungswürdig.
Bei der Nutzung des iPads, das bekanntlich sowohl im Hoch- wie im Querformat möglich ist, verfolgt man beim Abendblatt eine klare Philosophie: Geblättert wird quer, gelesen eher im Hochformat. Wechselt man bei der Artikelansicht und hält das Tablet hochkant, verschwinden die Fotos, der Text erscheint auf viel Weißraum und ist dadurch gut zu lesen. Etwas mühselig ist das Zurückblättern: Wer sich in den "Katakomben" der App bewegt, muss häufig erst einmal in der Geschichte zum Anfang finden, bevor der ersehnte Button erscheint, der zum Inhaltsverzeichnis führt.
Insgesamt ist die schnörkellos angelegte App, die insgesamt sehr "magazinig" wirkt, durchaus gelungen. Und doch sind die Schwächen des Produkts nicht zu übersehen: Zu vieles scheint Agentur-Material zu entstammen (was genau, ist teilweise auf der App nicht erkenntlich), zu häufig werden gerade bei den heißen Themen wie Dioxin andere Zeitungen zitiert oder dpa-Inhalte wiedergegeben, obwohl die Recherchequellen vor der Haustür liegen. Bei den "besten 12 Fotos von heute" findet sich nur ein selbst geschossenes Bild der Redaktion, elf weitere stammen aus dem Newsfeed von dpa, AP, Reuters oder Getty Images. Das ist (zu) wenig Lokales, und bei der Sichtung des Agenturangebots bewies zeitgleich z.B. die Frankfurter Rundschau bei der Bestückung ihrer App mehr Geschick. Nicht jeder Leser dürfte beglückt sein, dass ein Foto vom Berufsverkehr in Kopenhagen, wo die Straßen laut Bildunterschrift nach Schneefällen "mit einer mehrere Zentimeter dicken weißen Pulverschicht bedeckt sind", es aktuell in die Auswahl der besten Fotos des Tages geschafft hat.
Und warum der Tablet-Leser kein Wort vom spannenden ersten Rededuell zwischen dem Ersten Bürgermeister Christoph Ahlhaus und seinem SPD-Herausforderer Olaf Scholz erfährt, das am Vorabend vom lokalen TV-Sender Hamburg 1 übertragen worden, ist ein Geheimnis. Das Thema der Stadt, das selbst der Süddeutschen einen Bericht ("Hanseatischer Schlagabtausch") wert war, findet bei Abendblatt24 nicht statt – möglicherweise, weil beide Kandidaten tags darauf auch beim Neujahrsempfang der Zeitung auf dem Podium sitzen würden. Aber das kann der Tablet-Nutzer ja nicht wissen. Ebenso wenig, dass Guido Westerwelle Überraschungsgast beim Empfang sein würde. Vielleicht ist deshalb ja auch der Leitartikel zum Dreikönigstreffen der Liberalen im Abendblatt so soft ausgefallen. Während andere diagnostizieren: "Guido Westerwelle ist zum Stoiber der FDP geworden" (Heribert Prantl), ist im Hamburger Abendblatt nebulös von einer "letzten Chance" für den Parteichef die Rede, Tadel an "irrationalen" Erwartungen von Medien und Parteigängern an die Rede Westerwelles inklusive. Damit, so ahnt man, ist als Zeitung auf Dauer kein Staat zu machen.
So bleibt die Erkenntnis, dass – Apps hin oder her – am Ende die redaktionelle Aufarbeitung und journalistische Qualität unabhängig von der Plattform entscheidend für die Akzeptanz eines Zeitungsangebots sein wird. Und das ist, genau betrachtet, eine gute Nachricht für den Journalismus.

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