Anleger-Sturm auf Facebook-Anteile

Die mediale Erregung war groß. 50 Milliarden Dollar soll Facebook wert sein. Selbst Fachleute reagierten verblüfft. Sind die Investoren verrückt geworden? Das Gegenteil scheint der Fall: Am Ende könnten Goldman Sachs und seine Kunden, die sich um Facebook-Anteile reißen, einen ziemlich guten Deal machen - WENN Facebook sein Potenzial nutzt. Danach sieht es aus, wie erste Geschäftszahlen von 2009 belegen. Ein Rechenexempel, was Facebook leisten muss, um seine Bewertung zu rechtfertigen.

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Die mediale Erregung war groß. 50 Milliarden Dollar soll Facebook wert sein. Selbst Fachleute reagierten verblüfft. Sind die Investoren verrückt geworden? Das Gegenteil scheint der Fall: Am Ende könnte Goldman Sachs und seine Kunden, die sich um Facebook-Anteile reißen, einen ziemlich guten Deal machen – WENN Facebook sein Potenzial nutzt. Und danach sieht es aus, wie erste Geschäftszahlen von 2009 belegen. Ein Rechenexempel, was Facebook leisten muss, um seine Bewertung zu rechtfertigen.
50 Milliarden ist Facebook also wert. 50 Milliarden Dollar! Kaum war die Zahl auf dem Tisch, brach der Sturm der Entrüstung los. "Eine Blase, eine Blase!", geisterte es durch viele Foren. Der deutsche Facebook-Investor Thomas Heilmann sah dann gleich wie der smarte Trader aus, der rechtzeitig aus dem heißgelaufenen Vehikel ausgestiegen war.

"Jetzt ist es mal gut mit den horrenden Bewertungen", erklärte Heilmann gestern im MEEDIA-Interview. Folglich sei die aktuelle Bewertung von Facebook "irre". "Die Erwartungen müssen derart hoch sein, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie Facebook so etwas schaffen will."
Riesennachfrage nach Facebook-Aktien
Goldman-Kunden dagegen schon, wie das Wall Street Journal zu berichten weiß. Das Murdoch-Traditionsblatt hat heute Nacht mit neuen Details zum Goldman-Angebot Fakten geschaffen. Die Nachfrage nach Facebook-Aktien ist demnach so stark, dass das Angebot vermutlich schon heute – vor Ablauf der eigentlichen Frist – geschlossen werden soll und Kunden, wie bei Überzeichnung im Rahmen eines Börsengangs üblich, wohl nur einen Teil ihrer Order zugeteilt bekommen.

Gleichzeitig wartet das "WSJ" mit ersten finanziellen Einzelheiten zum Geschäftsverlauf auf: Facebook hat demnach 2009 bei Umsätzen von 777 Millionen Dollar bereits 200 Millionen verdient. Fürs abgelaufene Geschäftsjahr erwarten Analysten bereits Umsätze von 2 Milliarden Dollar.

James Cramer: "50 Milliarden, das ist niedrig"

So sehen einige der meistrespektierten Investment-Experten der USA bei der Berwertung dann sogar noch Luft nach oben. "Eine Menge sprechen von einer ‚idiotischen’ Bewertung von Facebook bei 50 Milliarden Dollar. Ich glaube, ehrlich gesagt, das ist niedrig", erklärt niemand anderes als die frühere Hedgefonds-Legende und heutige CNBC-Marktkommentator James Cramer.

"Nach Apple und Google ist Facebook das beliebteste und bekannteste Unternehmen. Wenn es irgendjemand hinbekommt, daraus Profite zu ziehen, sind 50 Milliarden Dollar zu wenig." Der frühere Hedgefondsmanager Cody Willard stimmt Cramer zu und schätzt, dass Facebook "irgendwann 100 Milliarden" wert sein wird.

Was müsste Facebook leisten, um seine Bewertung zu rechtfertigen?

Wie viel ist Facebook also nun eigentlich wert: 50 Milliarden? 100 Milliarden Dollar? Oder viel weniger? Genauer betrachtet müsste die Frage aller Fragen lauten: Was müsste Facebook eigentlich leisten, um der Goldman-Bewertung von 50 Milliarden gerecht zu werden?

Die Antwort darauf ist keine Raketenwissenschaft, sondern tatsächlich Wall Street-Einmaleins. Als Vergleichsgröße dienen aktuelle und frühere Bewertungen von vergleichbaren Internet-Unternehmen – und davon gibt es in dieser Größenordnung nicht mal eine Handvoll. Sondern genau: zwei. Nur Google und Amazon sind an der Wall Street nachweisbar höher bewertet als Facebook auf Basis des Goldman-Investments.

Amazon, Baidu, mail.ru: KGV 50 als Gradmesser

Hier kommt die alles entscheidende Kennziffer bei der Bewertung einer Aktie ins Spiel: das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Noch können wir hierüber für Facebook wenig sagen, da wir nichts über die Höhe der Gewinne wissen. Generell gilt: Ein KGV über 20 gilt an der Wall Street als teuer – Apple kommt aktuell auf ein KGV von 16 für das laufende Geschäftsjahr, Google auf rund 20.

Allerdings gilt diese Einschätzung nur für Unternehmen, deren Geschäft sich bereits in einem ausgereiften Stadium befindet. Anteilsscheine von Amazon wechseln in diesen Tagen für das bemerkenswerte KGV von über 50 den Besitzer – genau wie die chinesische Suchmaschine Baidu oder das russische Internet-Konglomerat mail.ru. Auch Google wurde zu seinem Börsenstart mit einem KGV von über 50 bewertet, ehe es in seine heutige Bewertung hineinwuchs.

Bei Börsengang eine Geldmaschine: Eine Milliarde Gewinn in 2013 nötig

Es erscheint daher sinnvoll, auch für Facebook zum nicht unwahrscheinlichen Börsengang im nächsten Jahr ein KGV von 50 anzusetzen. Da die konsortialführenden Banken wohl kaum den Fehler des Google-IPOs wiederholen und den Börsengang im Sommer durchführen werden, kommt als naheliegendster Zeitraum der traditionell sehr beliebte Spätherbst in Frage. Facebook im November 2012 an der Wall Street – das klingt nicht unlogisch.

Für das Super Social Network hätte ein späteres Going Public auch den Vorteil, gleich mit dem erwarteten KGV des nächsten Geschäftsjahres haussieren gehen zu können – also den Erwartungen für 2013. Bis dahin hat Facebook noch schier unendlich Zeit zu wachsen und Geld zu verdienen. Wie viel es verdienen müsste, um ein erwartetes 50er KGV in 2013 zu rechtfertigen?

Veröffentlichte 2009er-Zahlen geben Grund zum Optimismus

Die Antwort ist klar umrissen: Eine Milliarde Dollar! Facebook sollte 2013 also pro Quartal zumindest 250 Millionen Dollar einstreichen, um die aktuelle Bewertung zu rechtfertigen – angefangen bei mindestens 200 Millionen Dollar im ersten Dreimonatszeitraum 2013, abgeschlossen bei zumindest 300 Millionen Dollar im vierten Quartal 2013. Angesichts der Erlösmöglichkeiten, die Facebook bis heute noch nicht annähernd ausgeschöpft hat, erscheint diese Vorgabe gerade zu moderat.

Die ersten Geschäftszahlen, die das "WSJ" in der Nacht veröffentlicht hat, belegen das. Bereits 200 Millionen hat Facebook im Gesamtjahr 2009 verdient! Konnte das Social Network im gerade zu Ende gegangenen Geschäftsjahr die Gewinne verdoppeln – was angesichts erwarteter Umsätze von 2 Milliarden Dollar nicht unwahrscheinlich erscheint -, wäre der Weg zur ersten Milliarden vielleicht noch kürzer. Ein weitere Gewinn-Verdopplung in diesem Jahr vorausgesetzt, könnte Facebook die Milliarden-Schallmauer bereits 2012 knacken.

Maßstab Amazon: 83 Milliarden Dollar wert bei weniger als einer Milliarde Gewinn

Nicht völlig unwahrscheinlich, dass Facebooks Gewinne bis dahin vielleicht in noch andere Dimensionen explodiert sind, wie es in den rasanten Wachstumsjahren von Google nach dem Börsengang der Fall war, als der Gewinn mehr als verdoppelt und dann wieder verdoppelt wurde. Ist ein solcher Erfolgsfall absehbar, werden Aktionäre bereit sein, noch andere Multiplen zu bewilligen, schließlich teilt sich das KGV dann ja schon im nächsten Geschäftsjahr – aus einem KGV von 50 würden moderatere 25 werden.

Wie weit das Potenzial nach oben offen steht, macht Google vor: Der Börsenwert liegt heute knapp unter 200 Milliarden Dollar. Wenn Facebook also das Versprechen einlöst, das ihm heute viele Experten bescheinigen – nämlich das größte Internet-Unternehmen unserer Zeit zu werden –, dann werden Goldman-Kunden, die heute zur vermeintlichen Mond-Bewertung von 50 Milliarden einsteigen, einen großen Deal machen – auf genau dieser Kursfantasie beruht der Deal. Und es wäre nicht das erste Mal in der Investmentgeschichte des traditionsreichen Geldhauses, dass ein solches vorbörsliches Investment aufgeht – auch Yahoo und eBay wurden von Goldman schon sehr renditereich an die Börse gebracht.

Und selbst wenn Facebook etwas länger braucht, um in die Bewertung hineinzuwachsen, heißt das nicht, dass 50 Milliarden aktuell vollkommen überteuert sind – siehe Amazon, das heute mit 83 Milliarden Dollar bewertet wird, aber eben "nur" 207 und 231 Millionen Dollar in den vergangenen beiden Quartalen verdiente – im 16. Jahr seines Bestehens. Für Facebook kann der Bewertungs-Himmel der Wall Street also nur die logische Grenze sein – und nicht die vermeintlich "irren" 50
Milliarden Dollar.

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