Dinner for One: der Kult ums Kollektiv-Event

"Same procedure as every year": Mit der Verlässlichkeit des Sektanstoßens wird Miss Sophies 90. Geburtstag, wie Freddie Frintons bekanntester Sketch auch genannt wird, alljährlich zum Dinner for Everyone. Seit 1973 frönen Familien und WGs an Silvester dem kultigen Kollektivritual und bescheren den dritten Programmen damit einen Quoten-Hit. In den wichtigsten Fakten zum "Dinner for One" erzählt MEEDIA, warum der Tiger kein Eisbär sein dürfte und ein Grammatikfehler Englischlehrer protestieren ließ.

Anzeige

Eigentlich hat Freddie Frintons Bühnenstück rein gar nichts mit Silvester zu tun, schließlich geht es um den 90. Geburtstag einer einsamen, leicht senilen Dame. Somit fiel auch die deutsche TV-Premiere nicht auf die Jahreswende. Am 8. März 1963 wurde "Dinner for One" in der heute bekannten Fassung – bereits am 9. Dezember 1961 wurde eine ähnliche Version des Sketches in Evelyn Künnekes Sendung "Lassen Sie sich unterhalten" gezeigt – erstmals in der Live-Show "Guten Abend, Peter Frankenfeld" aufgeführt. Das Publikum war begeistert und so wurden Frinton und seine Partnerin, die Miss-Sophie-Darstellerin May Warden, wenige Monate später noch einmal vom Norddeutschen Rundfunk eingeladen, um den Einakter im Hamburger "Theater am Besenbinderhof" aufzuzeichnen.
In den ersten Jahren wurde der Sketch in unregelmäßigen Abständen als Lückenfüller gezeigt. Dem damaligen NDR-Unterhaltungschef Henri Regnier ist es schließlich zu verdanken, dass "Dinner for One" neun Jahre später zum Silvesterklassiker avancierte. Am 31. Dezember 1972 holte Regnier das alte Band erstmals zum Jahreswechsel aus dem Archiv hervor und legte damit den Grundstein für einen einzigartigen TV-Kult, der ohne den sturen Kopf Frintons womöglich ganz anders hätte aussehen können.

Ein Tiger, auf alle Felle!
Der Brite verschmähte ein von den NDR-Requisiteuren eigens für die TV-Aufzeichnung organisiertes Eisbärenfell. Frinton bestand auf sein selbst mitgebrachtes Tigerfell, da das Stolpern und Hüpfen über den Kopf des erlegten Tieres genau einstudiert war. Der Bärenschädel war dem Komiker schlichtweg zu groß. So verstaubte das weiße Fell, versehen mit einem Zettel "Freddie Frinton: der 90. Geburtstag", im NDR-Fundus, bis es 1991 von einem privaten Requisitenverleih in Hamburg übernommen wurde, wo es heute für Aufführungen ausgeliehen werden kann.

Frinton weigerte sich außerdem – den "Krauts" durch seinen Einsatz im Zweiten Weltkrieg nicht sonderlich zugetan – das Stück in deutscher Sprache aufzuführen. Bis heute wird die Aufzeichnung, die der NDR in rund 20 Länder von Polen über Estland bis nach Südafrika und Australien verkaufte, nirgendwo synchronisiert. Frinton und Warden erhielten für ihren Auftritt laut NDR 4.150 DM, wovon allerdings noch 622,50 DM ans Finanzamt gingen. Vereinbarungen über Tantiemen für Wiederholungen waren damals nicht üblich.

Ein Grammatikfehler und ein Lachkrampf
Ausgerechnet in den wichtigsten Ausspruch baute Erzähler Heinz Piper, der die Einleitung vor dem eigentlichen Sketch spricht, einen grammatikalischen Fehler ein. Mit dem falschen Satz "The same procedure than every year" sorgte er beim NDR regelmäßig für eine Welle von Protestschreiben besorgter Englischlehrer, weshalb der Sender 1988 schließlich die Tonspur an dieser Stelle durch ein Stück aus einer Probeaufzeichnung tauschte. Seitdem sagt Piper korrekt "as every year".

Zum unfreiwilligen Star des Bühnenstücks – der zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist – wurde die damalige NDR-Empfangsdame Sonja Göth. Sie musste während der Aufführung so lauthals lachen, dass sie in der Aufzeichnung deutlich heraussticht. "Der Aufnahmeleiter hat mir damals immer Zeichen gegeben, dass ich leiser sein soll. Der war kurz davor, mich rauszuschmeißen. Aber es war so lustig, und ich konnte nicht mehr aufhören", sagt die mittlerweile 83-Jährige. Ihr fortwährender Lachkrampf, der fast zu einem Abbruch der Aufzeichnung geführt hätte, lieferte heute den passenden Soundtrack.

Andere Länder, andere Sitten
In Deutschland wurde der 18-minütige Sketch bislang rund 250 Mal ausgestrahlt. Bereits 1988 verdiente er sich einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde, als weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion. In Schweden war die Sendung hingegen etliche Jahre verboten, da sie aufgrund der Trinkfreudigkeit von Butler James als ungeeignet fürs Fernsehen galt. Bei den Norwegern heißt es traditionell schon an den Weihnachtstagen "Same procedure as every year".
Beide Länder sehen allerdings nicht die NDR-Version, sondern eine ebenfalls 1963 für das Schweizer Fernsehen gedrehte Fassung, die einige Minuten kürzer ist. Ausgerechnet in England ist der Sketch dagegen nahezu unbekannt. In Frintons Heimat wurde "Dinner for One" nie ausgestrahlt. Gegenüber der Britischen Zeitung The Telegraph erklärte ein BBC-Sprecher gar: "Ich habe nie davon gehört".

Äbbelwoi un e Likörsche
Auch wenn der Sketch in keinem einzigen Land synchronisiert wurde, so haben sich Fans und Fernsehanstalten doch daran gemacht, ihre eigenen Versionen des 18-Minüters zu erstellen. Seit 1996 sendet der Westdeutsche Rundfunk zum Ende des Karnevals die kölsche Variante "Aschermittwoch for One". Die 2007 im Volkstheater Mondpalast von Wanne-Eickel aufgezeichnete Ruhrgebietsversion "Dinner vor Wan(ne)" mit Omma Soffie stammt ebenfalls vom WDR. Sie wird dieses Silvester um 23.25 Uhr gezeigt.
Auch der Hessische Rundfunk, wo Äbbelwoi und Likörsche ausgeschenkt werden, und der NDR haben eine regional gefärbte Fassung. Für den Norden entstand 1999 an der Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin "Dinner for One – up Platt". Im KI.KA wird Butler James von Bernd das Brot parodiert und im Internet haben Fans Miss Sophies Geburtstagsfeier in "Second Life" und mit Lego-Figuren nachgestellt.
###YOUTUBEVIDEO###
Wenig Beliebtheit erfreute sich die nachkolorierte Variante, die der NDR zur Jahrtausendwende erstellen ließ. Der Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer setzte damit lediglich eine Idee um, die schon 1968 entstanden war, aber aufgrund des plötzlichen Todes Frintons vereitelt wurde – doch Fans und Medien protestierten. Zu Recht, denn selbst mit einem 32 Zoll HD-Fernseher bleibt die angestaubte schwarz-weiß Fassung Kult. "Cheerio" und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Alle "Dinner for One" Austrahlungstermine 2010/11:

"Dinner for One" (NDR 13.25 Uhr, 18.05 Uhr; WDR 18.50 Uhr; BR und mdr 19 Uhr; rbb 19.05 Uhr; hr 19.10 Uhr; SWR 19.25 Uhr; NDR 19.40 Uhr; BR 00.05 Uhr)

"Dinner for One auf Nordhessisch" (hr 11.35 Uhr, 18.45 Uhr, 2.00 Uhr)

"Dinner for One – up Platt" (NDR 12.15 Uhr)

"The same procedure…" (Doku im NDR 12.40 Uhr)

"Dinner for One – die Dokumentation" (SWR 13.15 Uhr)

"Dinner for One auf Hessisch"
(hr 13.30, 16.55 Uhr)

"40 Jahre Dinner for One" (Special im WDR 15.45 Uhr)

"Freddie Frinton und sein Dinner for One" (Portät bei BRalpha 19.30 Uhr)

"Dinner for One – Schweizer Version" (WDR 21.40 Uhr, 00.15 Uhr)

"Dinner vor Wan(ne)" (WDR 23.25 Uhr)

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige