„Vorwurf des Links-Rucks war haltlos“

Sein erstes Jahr ist noch nicht ganz um und Cicero-Chef Michael Naumann ist seinem Ziel der Auflagensteigerung mit einem Plus von zwei Prozent schon etwas näher gekommen. Damit will sich der 69-Jährige aber nicht zufrieden geben. "Wir haben noch viel zu tun", lautet Naumanns Resümee. Im MEEDIA-Interview spricht er über den Vorwurf, er würde im Heft einen Links-Ruck vollziehen, den Artikel von Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn und darüber, ob er die Wikileaks-Dokumente in Cicero veröffentlicht hätte.

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Herr Naumann, worüber haben Sie sich im vergangenen Jahr am meisten geärgert?
Mein Ärger über dies und das ist immer sofort verflogen. Wer aufbraust, braust auch schnell ab. Also: Ich weiß es wirklich nicht mehr.

Ihnen wurde zu Beginn vorgeworfen, einen Links-Ruck im Cicero zu vollziehen.
Dieser Vorwurf war aus der Luft gegriffen und von Anfang an haltlos. Die Redaktion ist den pluralistischen Ansprüchen eines aufgeklärten Journalismus verpflichtet und fühlt sich nicht als Generalsekretariat der korrekten Ansichten über alles. Die Links- und Rechts-Kategorien entstammen der Sitzordnung des ständischen Revolutionsparlaments Frankreichs. Was, um Gottes Willen, haben sie heute noch mit den Problemen unserer Gesellschaft zu tun? Nichts mehr.

Seit fast einem Jahr sind Sie beim Chefredakteur des politischen Magazins. Wie lautet ihr Resümee?
Wir haben noch viel zu tun. 

Im letzten MEEDIA-Interview sagten Sie, dass es Ihr Ziel sei, die Auflage des Magazins in drei Jahren auf 100.000 Exemplare zu bringen. Im Vergleich zum Vorjahresquartal haben Sie jetzt schon ein Auflagenplus von zwei Prozent. Wie haben Sie das geschafft?
Im Vergleich zu fast  allen anderen politischen Magazinen hat sich unsere IVW-geprüfte Auflage im Jahr 2010 verbessert auf eine Gesamtauflage von fast 83.000. Auflagensteigerungen haben stets komplexe Ursachen – die Heftmischung muss stimmen, die Qualität der Texte und Bilder, der Vertrieb und die zuständigen anderen Verlagsabteilungen, aber auch die Außendienste und natürlich die Qualität und Pünktlichkeit der Druckerei: Das alles spielt eine Rolle. Die beliebte Diskussion, ob das Titelbild den Ausschlag gibt, ist seit Ewigkeiten ungelöst.

Was haben Sie alles beim Cicero verändert?
Cicero hat bis auf die sehr erfahrene Judith Hart ("Weltbühne") eine völlig neue Text-Redaktion, auf die ich stolz bin. Alexander Marguier ist mein neuer Stellvertreter; er hatte als Ressortchef "Gesellschaft" der FAS seine journalistische Qualität unter Beweis gestellt. Hartmut Palmer als politischer Chefkorrespondent hat seine profunde Kenntnis des parlamentarischen Milieus und sein publizistisches Ansehen in Bonn und Berlin als ehemaliger Spiegel-Redakteur eingebracht. Til Knipper ("Kapital") und Daniel Schreiber ("Salon") sind zwei junge, hochbegabte Redakteure, die mit frischen Gedanken und neuen freien Mitarbeitern einen eigenen Ton in das Heft eingebracht haben. Der junge Constantin Magnis hat nicht nur bei unseren Konkurrenten mit seinen investigativen Reportagen Aufsehen erregt. Unsere Art-Direktorin Kerstin Schröer und unser Produzent Utz Zimmermann, aber auch die Bildredakteurin Antje Berghäuser und Bettina Stuhr nutzen das neue elektronische Redaktionssystem im Sinne der heftinternen Renovierungen durch Dirk Merbach, der sich einen Namen als Art Direktor der Welt und der Zeit gemacht hat, zum Vorteil der Leser und der Redaktion.
Christoph Seils ist der neue Cicero-Online Chef; er hat früher für die Zeit und den Berliner Tagesspiegel gearbeitet. Unsere neue  iPad-Applikation wird von ihm und seinen Mitarbeitern den technischen Möglichkeiten entsprechend begleitet – unsere modernisierte Website hat erfreulich viele neue Nutzer gewonnen.

Das ist eine ganze Reihe an neuen Redakteuren. Hat sich das Heft Ihrer Meinung nach auch inhaltlich gewandelt? 
Das zu beurteilen überlasse ich den Lesern und den Medienjournalisten. Tatsache ist, dass unsere Texte länger sind und wir weniger Vor- und Nachdrucke publizieren.

Haben Sie zu Ihrem Vorgänger, Wolfgang Weimer, Kontakt?
Nein.

Die Redaktion ist in die Friedrichsstraße umgezogen. Warum?
Weil wir mit unseren Kollegen von Monopol und dem Verlag in einem Haus arbeiten wollten.

Sie sagten vor einem Jahr, dass Sie das Heft auch durch "aggressiven Journalismus" vorantreiben wollen. Haben Sie Beispiele dafür?
"Aggressiver Journalismus" bedeutet für mich, nicht den Ereignissen hinterher zu hinken, sondern – wie sich das für ein monatlich erscheinendes Magazin gehört – die vor uns liegenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ereignisse so weit es geht zu thematisieren.

Zählte der Artikel von Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn auch dazu?
Der Artikel des Rechtsanwalts Johann Schwenn war kein "aggressiver" Text, sondern hatte die höchst zweifelhaften Methoden der Mannheimer Staatsanwaltschaft im Fall Kachelmann zum Thema. Er spiegelte im Übrigen die Meinung anderer renommierter Strafverteidiger wider. Inwiefern der Artikel mit dem Wechsel der Kachelmann-Verteidiger zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Was waren für Sie die relevanten Medienthemen 2010?
Die Zukunft des Print-Journalismus im Zeitalter des Internets; der Versuch der Bundesregierung, mit dem BKA-Gesetz das Zeugnisverweigerungsrecht von Journalisten abzuschaffen (mit anderen Klägern habe ich eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingereicht, die vom Gericht angenommen worden ist); Wikileaks und der völlig neue "Strukturwandel der Öffentlichkeit."

Wenn Sie die Chance gehabt hätten, die Wikileaks-Dokumente im Cicero zu veröffentlichen – hätten Sie’s gemacht?
Eine hypothetische Frage. Was die US-Botschafter-Depeschen aus Deutschland betrifft, so war in ihnen nichts wirklich Neues zu lesen: Die Charakterisierungen deutscher Politiker entsprachen den Einschätzungen, die allenthalben in der deutschen Presse schon zu lesen waren. Dass sie auch von amerikanischen Diplomaten geteilt werden, scheint mir keine prinzipielle Überraschung zu sein.

Wie sehen Sie die Zukunft des Print-Journalismus im Allgemeinen?
Das gedruckte Wort wird überleben, genauer: Es hat noch jeden kommunikativen Modernisierungsschub überlebt. 

Was sind Ihre Ziele für das kommende Jahr?
Ein gutes Heft zu produzieren, das den hohen Ansprüchen unserer Leser genügt – von den Anzeigenkunden ganz abgesehen.

Was können wir demnach vom Cicero erwarten?
Qualität und Texte, die in anderen Publikationen nicht zu finden sind.

Die Zeit, bei der Sie neun Jahre als Herausgeber und drei Jahre als Chefredakteur tätig waren, feiert 2011 den 65. Geburtstag. Feiern Sie mit?
Vor genau 40 Jahren bin ich zur Zeit gestoßen – warum sollte ich nicht mitfeiern?

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