Neun Tipps für investigative Journalisten

Wie komme ich an brisante Informationen, die sonst keiner hat? Wie entwickle ich daraus eine spannende Geschichte, die jeder lesen will? Und wie schütze ich dabei meine Informanten, damit sie mir weiterhin vertrauen? Thomas Leif von netzwerk recherche e.V. hat für die taz Seymour Hersh, einen der bekanntesten investigativen Journalisten der Welt, interviewt. Wir haben daraus die wichtigsten Tipps für Journalisten zusammengetragen.

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Seymour Hersh wurde 1969 weltbekannt, als er während des Vietnamkriegs das Massaker von My Lai aufdeckte. Sein Bericht über das Vergehen amerikanischer Soldaten an der vietnamesischen Bevölkerung änderte im Westen die Sichtweise auf den Vietnamkrieg radikal. 2004 sorgte Hersh erneut für Aufsehen, als er maßgeblich den Folter-Skandal im irakischen Abu-Ghuraib-Gefängnis bekannt machte. Für seine Arbeiten wurde Hersh im In- und Ausland ausgezeichnet. 1970 mit dem Pulitzer-Preis und fünfmal mit dem ebenfalls renommierten George Polk Award. Im Interview mit Thomas Leif, Vorsitzender von netzwerk recherche, gibt er hilfreiche Tipps für die Recherche und den Umgang mit Informanten.

Sich der eigenen Rolle bewusst sein: "Es ist die Aufgabe der Regierung, das Geheime zu bewahren. Wenn ich ein großes Geheimnis erfahre, ist das nicht mein Problem, es ist ihr Problem. Dabei kann ich immer entscheiden, es zu veröffentlichen oder nicht."

Auf die Geschichte konzentrieren: "Stellen Sie niemals zu viele Vermutungen an. Sie glauben nicht, wie viele Vermutungen oder Unterstellungen einfach so übernommen werden. Es reicht nicht, kritisch und skeptisch zu sein. Sie können nämlich die Dinge infrage stellen und skeptisch sein und doch nur einer Vermutung folgen."

Einfach die Geschichte erzählen: "Wenn man eine gute Geschichte hat, muss man sie nicht noch zuspitzen; man muss die Dramatik oder die Sensation nicht extra hervorheben, wenn sie schon drinsteht. Man lässt die Geschichte sich selbst erzählen. Die größte Schwierigkeit bei einer komplizierten Geschichte besteht darin, sie einfach zu erzählen. Ich meine nicht simpel oder nur mit kurzen Sätzen, sondern eindeutig und sauber."

Mit Informationen handeln: "Man muss dieses erste Stückchen Information haben, auch wenn dieses schwer zu bekommen ist. Wenn Sie etwas haben, das niemand weiß oder wissen sollte, kommen Sie ins Gespräch. Aber wenn man ein Körnchen Wahrheit findet, etwas Wichtiges, kann das wie ein Dosenöffner wirken. Ich sage meinen Gesprächspartnern oft: ‚Bevor wir reden, lassen Sie mich erzählen, was ich kürzlich gehört habe.‘ Ich gebe ihnen etwas, das kann auch Klatsch sein, aber es unterscheidet mich von anderen."

Die richtigen Informanten wählen: "Die erste Reihe hilft oft nicht weiter. Dafür ist die dritte Reihe manchmal wichtig. Weil die Leute in der ersten Reihe die Dinge schönreden. Sie sind einzig daran interessiert, Ihnen eine Geschichte zu verkaufen, die Sie so erzählen sollen, wie sie es sich wünschen. In der zweiten oder dritten Reihe hingegen finden sich manchmal Menschen, die tatsächlich an der Wahrheit interessiert sind. In Konzernen gibt es immer jemanden, der einen wichtigen Job will und ihn an einen Konkurrenten verliert. Er wird Ihnen erzählen, warum der andere ein Ekel ist und den Job trotzdem bekommen hat. Das ist keine schöne Aufgabe, aber da ist immer einer, der gerade das Unternehmen verlassen hat oder gefeuert wurde."

Informanten sinnvoll schützen: "Wenn ich eine sensible Geschichte schreibe, wie über Nuklearwaffen in Pakistan und wie Amerika damit umgeht, macht das die Regierung verrückt. Also prüfen sie mögliche Informanten und finden heraus: Der hat es gewusst, aber er hat etwas anderes nicht gewusst, was der Hersh geschrieben hat. Also folgern sie, er kann nicht die Quelle sein. Wenn Sie aber drei oder vier verschiedene Informanten haben, die Ihnen ihre Geheimnisse verraten, und Sie alle diese Informationen im Text verwenden, ohne die Namen der Quellen zu nennen, verwirren Sie die Verfolger."

Eine Geschichte weiterdrehen: "Sie müssen dranbleiben, den letzten Anruf machen, immer dranbleiben. Ich habe kürzlich an einem Sonnabend jemanden ‚drinnen‘ angerufen. Er sagte: ‚Komm vorbei.‘ Ich antwortete: ‚In einer Stunde bin ich da.‘ Meine Frau war etwas sauer, aber es war ein wichtiger Typ und er war einverstanden, mich zu treffen. Und solche Leute mögen es, wenn man sagt: ‚Ich bin gleich da.‘ Sie sehen, man arbeitet hart."

Als Jungjournalist das Handwerk lernen: "Sie sollten wissen, dass Sie am Anfang beginnen müssen, und nicht gleich als investigativer Journalist starten. Sie müssen lernen zu schreiben, vorsichtig und gründlich zu sein. Wenn Sie Talent haben, wird Ihnen bald dieser schöne Moment begegnen, eine Geschichte zusammenzusetzen, die kein anderer kennt. Aber Sie müssen klein anfangen, Porträts von Leuten und Features schreiben, die klassische Zeitungsarbeit machen und dabei lernen, Ihre Talente einzusetzen. Seien Sie akkurat, dann werden Sie sehen: Manche Kollegen verbringen ihr ganzes Leben als Stenografen oder Sekretäre. Sie hören den Präsidenten, schreiben auf, was er sagt, und sind glücklich damit. Andere sagen, ich will mehr."

Immer kritisch bleiben: "Vertraue niemals den Leuten im öffentlichen Leben, das ist nicht unser Job. Wir sind keine Cheerleader für unsere Regierungen. Nach dem 11. September waren Reporter in den USA zu sehr mit Applaudieren beschäftigt, anstatt skeptisch gegenüber George W. Bush und seinen Behauptungen zu Bomben im Irak zu sein."

Das Interview ist in voller Länge auf Taz.de zu lesen.

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