Anzeige

Rückblick: Das Jahr 2010 im Web

Deutschland bekam sein Street View, Apple-Fans das iPad, die die US-Behörden dank Wikileaks ihr Fett weg. Und die deutsche Web-Community feierte einen Blumenkübel. Aber auch in der IT-Branche bewegte sich so einiges: Groupon kaufte den Samwers CityDeal ab, Burda investierte ins Web-TV und Helmut von Ankershoffen erntete mit seinem WeTab Spott und Häme. Was sonst noch 2010 passierte, lesen Sie in unserem Web-Jahresrückblick.

Anzeige


Verlagswelt im iPad-Fieber
Kaum eine Entwicklung hat die Verlagswelt so schnell durcheinandergebracht wie das iPad. Am 27. Januar vorgestellt, trat das Tablet einen ungeahnten Siegesmarsch an. In den ersten 80 Tagen nach dem Verkaufsstart wurden drei Millionen Geräte verkauft. Im Oktober waren es wohl schon rund 8,5 Millionen verkaufte Einheiten. Die Verlagsbranche sah im Tablet schnell den Heilsbringer für das kränkelnde Business. Als Weg aus der Anzeigenkrise. Springer-Chef Mathias Döpfner ging in einem Interview sogar soweit, dass er seine Kollegen dazu aufforderte, Apple-Boss Steve Jobs einmal am Tag zu danken. Immerhin hätte er die Print-Branche gerettet.

Vom WeTab zum WeDepp
Ein Schrecken ohne Ende war 2010 schlussendlich für Helmut von Ankershoffen. Was mit dem WeTab als ernsthafte Konkurrenz zum iPad begann, endete im PR-Desaster für den Hersteller und dem Weggang von von Ankershoffen. Schon bevor das Gerät das Tageslicht erblickte, witterte man im WeTab einen deutschen iPad-Killer. Am 12. April folgte der Auftakt mit einer inzwischen legendären Pressevorführung. Neofonie-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen ließ sich mit rotem Schal und WePad in der Hand fotografieren. Anfassen durfte man das Tablet nicht. Das PR-Event wurde zum PR-Desaster. Und auch nach dem Markstart ändert sich wenig: YouTube-Videos ruckelten, UMTS-Verbindungen brachen ab. Einige Käufer konnten ihr Gerät noch nicht einmal hochfahren. Um den ganzen Peinlichkeiten noch die Krone aufzusetzen, hat Helmut Hoffer von Ankershoffen zugegeben, geschönte Rezensionen über das WeTab bei Amazon eingestellt zu haben. Und verließ kurze Zeit später das Unternehmen.

Wikileaks wirbelt alles durcheinander
Nicht zuletzt die Zehntausenden veröffentlichten Botschaftsdepeschen machten den US-Behörden klar, dass das Informationsmonopol gebrochen ist. Die Whistleblower-Plattform Wikileaks und ihr bekanntestes Gesicht Julian Assange sorgte für ordentlich Aufruhr im internationalen Polit-Geschäft. Während das Portal vor Jahren noch darum bemüht war, Kooperationspartner in den Medien zu finden, profitierten der Spiegel, der Guardian und die New York Times von ihren Partnerschaften. Bereits am zweiten Verkaufstag war der Spiegel mit den Enthüllungen über brisante bis peinliche Depeschen von US-Diplomaten "fast überall vergriffen". Nach Angaben des Spiegel-Verlags war das die erste Ausgabe seit 1995, die wegen der großen Nachfrage nachgedruckt wurde. Während die einen profitierten, fiel die Plattform selbst der Angst der amerikanischen IT-Szene vor strafrechtlichen Konsequenzen zum Opfer. Amazon verbannte die Webseite von seinen Servern, PayPal und Mastercard schlossen die Konten. Und ein DNS-Provider sorgte dafür, dass die Seite nicht mehr über die übliche Url erreichbar war. Währenddessen wurde Julian Assange von Interpol und dem britischen Scotland Yard gesucht und schlussendlich in London vor Gericht gestellt. Mittlerweile ist er auf Kaution frei.

Street View in der Sommerloch-Falle
Google fiel dem Sommerloch zum Opfer. Während die Deutschen schon seit Jahren Google Maps nutzen, machte eine breite Front aus Datenschützern, Politikern und Aktivisten gegen den Panorama-Dienst Street View mobil. Mit Erfolg: Rund 144.000 Einsprüche gingen bei Google ein. Die Kritik wurde noch lauter, als bekannt wurde, dass die Street-View-Autos auch Wlan-Daten mitgespeichert hatten. Der Dienst startete, wenn auch mit kleinen Pannen, und die Kritik verebbte langsam.

Facebook überflügelt alle
Zum Januar überflügelte das Social Network alle drei VZ-Netzwerke und etablierte sich als Alternative zu StudiVZ und Co. 21 Mio. Unique Visitors wurden für das Netzwerk im Oktober errechnet. Ganz nebenbei sorgte das Netzwerk mit Sicherheitslücken immer wieder für den ein oder anderen Skandal. Die Schöpfungsgeschichte des weltgrößten Netzwerks wurde zum perfekten Filmstoff und kam mit “The Social Network” in die Kinos. Als wäre das noch nicht genug, kürte die Time Gründer Mark Zuckerberg zur “Person of the Year”.

Web-TV weiterhin Trend
Doch nicht nur ein Nischenprodukt: Dass Web-TV für Verlage nicht gestorben ist, zeigt Burdas jüngstes Investment. Die zur Burda Digital gehörende DLD Ventures hat Mitte Dezember die Mehrheit an der Videoplattform Sevenload übernommen. Die Verlagstochter kaufte die Anteile dem T-Online Venture Funds ab. Für die Münchner ist der Deal vor allem eine Investition in die Zukunft. Denn wie Verleger Hubert Burda bereits auf den VDZ-Zeitschriftentagen verriet, rechnet er bereits für 2011 mit einem Boom bei der Web-TV-Werbung. So erreichte Sevenload im November laut Googles Ad-Planner-Tool 690.000 Unique Visitors in Deutschland. Im Vergleich zur deutschen Konkurrenz von MyVideo.de (4,2 Millionen Unique Visitors) und Clipfisch (1,3 Millionen) litten Evsan und Schmiegelow immer unter der Tatsache, dass kein großer TV-Konzern hinter ihnen stand.

Groupon: von null auf hundert
2010 war auch das Jahr der Rabattschlachten im Web. Ganze vorne mit dabei: Marktführer Groupon.com. Der in diesem Jahr auch noch zu einem ungenannten Preis das deutsche Start-up Citydeal.de, ein recht exakter Nachbau der Original-Idee, aufkaufte. Citydeal hatte seine Rabatt-Community in nur sieben Monaten mit rund neun Millionen Euro Startkapital aufgebaut und wird nun in Groupon eingegliedert. Ein ähnliches Kunststück war den Samwer-Brüdern, die an Citydeal beteiligt sind, schon zur Jahrtausendwende mit Alando und dem Vorbild eBay gelungen. Der Kaufpreis dürfte, wie damals, ein Vielfaches der Investition betragen. Andrew Mason, Gründer und CEO von Groupon, lobte in einer Erklärung die Geschwindigkeit und Effizienz beim Aufbau von Citydeal.

Netzneutralität mal anders
Ist zu wenig Bandbreite für alle da? Anscheind. Denn Provider und Netzbetreiber in Deutschland hatten sich für den "Google-Verizon-Pakt" erwärmt. Der wollte in diesem Jahr das Prinzip der Netzneutralität aufweichen. Damit brachten die beiden Netz-Giganten den größten Teil der digitalen Öffentlichkeit gegen sich auf. Facebook hatte sich scharf gegen den Plan gestellt. "Facebook unterstützt das Prinzip der Netzneutralität weiterhin, und zwar für stationäre und mobile Netzwerke", heißt es in einer Erklärung. Nur so könne im Netz der Nutzer "die vollständige Kontrolle über die Inhalte und Dienste haben, die über das Internet kommen." Und auch deutsche Netzaktivisten sammelten Protest-Unterschriften.Auch prominente Financiers und Kapitalgeber äußerten ihre Skepsis. Fred Wilson von Union Square Ventures, schrieb in einer Erklärung: "Ein reguliertes Internet ist eine angenehme Idee für Provider. Für Web-Unternehmer und ihr Umfeld ist es ein furchteinflößender Gedanke."

Flattr verteilt Geld an Blogger
Erst 2010 gegründet, veränderte Flattr die Art und Weise, wie User mit Blogs umgehen. Der Social-Payment-Service mit Sitz in Schweden, ermöglicht es, gelungene Beiträge mit einer Spende zu belohnen. User zahlen einen Betrag auf ein Konto ein. Die Medienanbieter platzieren auf ihrer Website einen Flattr-Button, den der Nutzer anklicken kann, wenn ihm der Internet-Inhalt gefällt. Am Monatsende wird der Abonnementsbetrag des Nutzers gemäß seinen Klicks an die Medienanbieter verteilt. Für den Juni 2010 war der meist geflattrte Text-Beitrag der Text „Ein innerer Reichsparteitag“ von Stefan Niggemeier. Die höchsten Einnahmen erzielte die taz: Sie nahm durch insgesamt 5590 Flattr-Klicks zusammen 988,50 Euro ein. Carta listet regelmäßig die Flattr-Charts‘>.

Deuschland im Blumenkübel-Wahn
Der heimliche Star im deutschen Web war kein Teenie-Star, sondern ein Blumenkübel. Der Ursprung des Twitter-Hypes: Die Münstersche Zeitung (MZ) veröffentlichte auf ihrer Internetseite die Meldung "Großer Blumenkübel zerstört"
. Die Redaktions-Praktikantin hatte eine kleine Geschichte darüber geschrieben, dass in einem Neuenkirchener Altenheim ein Blumenkübel beschädigt worden sei – der Wert 150 Euro. MZ-Redakteur Ralf Heimann twitterte daraufhin am Folgetag: "In Neuenkirchen ist ein Blumenkübel umgekippt" – ein gefundenes Fressen für die Internet-Meute, die sich über die mit einigem Pathos angereicherte lokal-journalistische Banalität hermachte. Heimanns Tweet wurde zum Social-Web-Phänomen: Ein deutscher Begriff in den Topplatzierungen der internationalen Trending-Topics – dazu noch einer wie Blumenkübel. Das erlebt die Twitterwelt hierzulande nur selten. Auch bei YouTube erschienen ein Bekennervideo‚>gelesene Fassung des Textes.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige