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So gefährlich ist die „Tagesschau“-App

Auf den Tag genau ein Jahr nach der ersten Ankündigung steht nun der Albtraum der Verlage im App-Store: das Miniprogramm der "Tagesschau", auch für Blackberrys und Androids zu haben. MEEDIA hat es unter die Lupe genommen. Und siehe da: Wie versprochen bietet die "Tagesschau"-App tatsächlich nur das, was tagesschau.de auch sonst ins Netz stellt. Und dennoch zeigt sich, dass mit ihr die Bedrohung für Zeitungen und Zeitschriften größer denn je ist. Gegenmaßnahmen dringend empfohlen!

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Das bisher zweifellos heftigste Säbelrasseln zwischen Verlagen und öffentlich-rechtlichen Sendern nahm seinen Ursprung am 21. Dezember 2009, vor exakt einem Jahr also. Damals lief in den Verlagen über die Agenturen ein "dpa-Gespräch" mit Kai Gniffke ein, dem Chef der Nachrichtenredaktion ARD-aktuell. Der brisante Inhalt dieser Depesche: "Auch die ARD-‚Tagesschau‘ wird wie andere große Medien demnächst als App auf dem iPhone auftauchen", notierte die dpa. Gniffke sagte ihr damals: "Mehrere Hunderttausend iPhone-Nutzer dürfen von uns erwarten, dass wir sie auch unterwegs mit seriösen Nachrichten versorgen." Und so geschah es nun.

Wer sich die kostenfreie App etwa aus Apples App-Store herunterlädt und sie auf einem iPad oder iPhone installiert, wird wenige Überraschungen erleben. Die "Tagesschau"-App fährt ausschließlich auf, was sich sonst am PC schon seit Jahren abrufen lässt: Gut zwei Dutzend Top-Meldungen aus Politik, Wirtschaft und Kultur – in Text, Foto und vor allem Video. Dazu gesellen sich Live-Streams der Sendungen und die "Tagesschau in 100 Sekunden". Sogar die "Tagesschau 24" ist nicht neu, die von der etwa 80-köpfigen Hamburger Redaktion ständig aktualisiert wird. Besitzer sogenannter Hybrid-Fernseher, die Angebote im Internet anwählen können, werden sie kennen. Die "Tagesschau 24" steht auch auf tagesschau.de bereit. Das Format, das wie der Klassiker um 20 Uhr ungefähr 15 Minuten dauert und dem Zuschauer das Überspringen ungewünschter Meldungen ermöglicht, dürfte seine volle Kraft aber vor allem in der mobilen Nutzung entfalten. Immer dort, wo mehr Zeit als bloß für die "Tagesschau in 100 Sekunden" ist.
Verblüffend und für die auf Werbeeinnahmen oder Abogebühren angewiesene Konkurrenz ebenso gefährlich ist vielmehr die Perfektion, mit der die App der "Tagesschau" daherkommt. Da dürfen sich Kai Gniffke, dessen Online-Chef Jörg Sadrozinski und Digitalstratege Georg Grommes zurecht auf die Schulter klopfen. Die Meldungen werden nämlich nahezu durchgehend von aktuellen Videos unterbrochen. Ein umständlicher Wechsel zwischen Text und Film entfällt, wie ihn viele Apps den Nutzern noch immer abverlangen. Die "Tagesschau"-App ist in dieser Hinsicht technisch ebenso ausgereift wie die App der Bild, die ebenfalls Fotogalerien und Clips intuitiv in die Stories einklinkt.
Diese durchgehend konsequente Verknüpfung mit Filmen ist zweifellos das Killer-Asset der "Tagesschau"-App. Anders als viele Verlage kann sie hier aus dem Vollen schöpfen. Viele App-Versionen der Printwelt werden hier rasch das Nachsehen haben – am ehesten die Apps, die wie die "Tagesschau" auf seriöse denn auf boulevardeske News setzen. So bedrohlich die "Tagesschau"-App aber auch wirken mag, genauso hilfreich könnte sie mitunter sein. Chefredakteuren von Zeitungen und Zeitschriften, die bisweilen in ihren Häusern um Geld für digitale Projekte betteln müssen, spielt sie in die Hände: Die "Tagesschau"-App schreit förmlich nach Gegen-Apps der Verlage, die dabei abseits der schnellen Schlagzeile für das Digitale ausschlachten, was sie schon immer am besten konnten: die Versorgung ihrer Leser mit Hintergründen und Einordnungen. Ob lokal, regional, überregional.

Keine Frage: Gniffkes App wird den Verlagen das Leben schwer machen. Wer sich bloß schnell über das Weltgeschehen informieren will, dem wird spätestens jetzt nicht mehr einleuchten, warum er dafür noch bezahlen soll. Andererseits konnte er sich das über die reguläre mobile Version von tagesschau.de aber auch schon bisher holen – über die mobile Version der Seite und die Sonderseite "Mobilecast", auf der tagesschau.de alle Sendungen zum mobilen Stream anbietet.
Fast könnte man also sagen, die "Tagesschau"-App schließt lediglich eine Lücke in der ohnehin stets heftigen Konkurrenz zwischen Verlagen, Privatsendern und mit Gebühren finanzierten Sendern. Wegdiskutieren wird sich die neue Situation zudem auch mit aller Kampfberichterstattung ohnehin nicht mehr lassen. Die App ist durch, sie ist da und sie wird vor allem auch ihre Fans finden. Das ist für die Verlage die bittere Realität, mit der sie sich gewiss nicht anfreunden, aber zwingend arrangieren müssen.
Einen Zustrom an Nutzern dürfte auch dieser konsequente und gefährliche Schachzug der "Tagesschau"-Macher auslösen: Ihre App haben sie nicht nur für Apples Geräte gefertigt, sondern gleich auch noch für Blackberrys und Handys, die auf Googles Plattform "Android" laufen. Hier könnte sich durchaus rächen, dass sich viele Verlage bisher auf Apples Produkte beschränkt haben. Kai Gniffke hat mit seiner App eben erschreckend lange auf sich warten lassen – dann aber mit ihr richtig geklotzt.

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