2010: die 10 Top-Themen der Print-Branche

Springer verdient richtig Geld, die Bertelsmann-Bilanz überzeugte und G+J zahlt sogar eine Gewinnbeteiligung. Nach dem Krisenjahr 2009 legte der Medienbetrieb ein eindrucksvolles Comeback hin. Auch nicht-wirtschaftlich betrachtet war 2010 ein unvergessliches Jahr: Yvonne Bauer übernahm den Familienbetrieb, Konstantin Neven DuMont kommunizierte sich dagegen aus seinem Verleger-Clan, Stefan Aust scheiterte mit seinem Gegen-Spiegel und Bunte und Stern stritten sich über den Einsatz von Detektiven.

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Diese zehn Themen beschäftigen 2010 die Print-Branche:

Der Focus erfindet sich neu
Der Focus 2010, das waren zwei Chefredakteure, zwei Relaunches und zwei Geschäftsführer: Erst baute Helmut Markwort Anfang des Jahres das Magazin um. Das Ergebnis: Kurzzeitig stieg die Auflage, fiel aber wieder. Im Sommer übernahm dann Wolfram Weimer. Zusammen mit Co-Chefredakteur Uli Baur renovierte der ehemalige Cicero-Macher das Blatt noch einmal. Zudem wurde die Redaktion radikal verkleinert. Ziel des Umbaus: Weg von den typischen Servicethemen und hin zu einem Leitkultur- und Debatten-Magazin. Das Resultat lässt sich noch nicht abschätzen. Der schwache Einzelverkauf (94.654) des Titels "Wenn Ärzte Fehler machen, was Patienten wissen müssen" (44/2010), zeigt aber, dass die Focus-Tage als Service-Blatt tatsächlich vorbei sind.
 

Bunte gegen den Stern
Mit "Buntegate" war schnell der passende Begriff gefunden. Der Stern hatte recherchiert, dass das Münchner People-Magazin Spitzenpolitiker wie Oscar Lafontaine und Franz Müntefering systematisch ausspioniert hat. Dazu hatte Bunte extra die Berliner Foto- und Rechercheagentur CMK beauftragt. Sofort bestätigte Chefredakteurin Patricia Riekel den Vorgang. Allerdings mit dem Zusatz, dass es sich um "normale" Recherche-Methoden im investigativen Journalismus handle. Schnell schoss man aus München in Richtung Hamburg zurück. So bezeichnete Burda-Vorstand Philipp Welte die Geschichte als "den dümmlichen Versuch, durch lautes Blöken vom journalistischen Niedergang des Stern abzulenken".

Noch immer streiten sich Bunte und Stern vor der Pressekammer des Hamburger Landgerichts wegen der Story.

Steingart übernimmt das Handelsblatt
Er war nicht der einzige neue Chefredakteur. Aber kein Wechsel an der Spitze eines Titels sorgte für so viel Aufsehen, wie die Handelsblatt-Übernahme durch den ehemaligen Spiegel-Mann Gabor Steingart. Der neue Blattmacher ging gleich mit viel Elan und neuen Ideen an die Aufgabe heran. So führte er die 24-Stunden Online-Redaktion ein und ein spezielles Bonus-System für exklusive Storys. So soll am Ende des Jahres dem Autoren eine Erfolgsprämie von 3.000 Euro winken, der am häufigsten von Nachrichtenagenturen aufgegriffen wurde. Sollte es eine Handelsblatt-Geschichte in die "Tagesschau" schaffen, lädt der Chef den Autor und seine Begleitung sogar aus eigener Tasche zum Dinner ein. Einige Kritik musste Steingart aber für ein Döpfner-Interview über Paid Content einstecken. Das Gespräch schien unter dem Motto zu stehen: zwei Stühle, eine Meinung.
Die Auflage des Handelsblatts hat sich unter der Führung des neuen Chefs jedoch stabilisiert. Im dritten Quartal gelang im Gesamtverkauf ein Plus von einen Prozent. Insgesamt verkaufen die Düsseldorfer jetzt 136.612 Exemplare.

Jörg Kachelmann und die Medien
Eigentlich ist die Causa Kachelmann kein Fall für einen Print-Rückblick. Allerdings spielen Focus, Bunte, Zeit, Bild und Spiegel längst selbst eine aktive Rolle in dem Prozess: Der Focus scheint bestens mit der Verteidigung verdrahtet. Die Bunte hat Exklusivverträge mit Zeuginnen geschlossen, der Spiegel berichtet eher pro Kachelmann und bekam dafür das einzige Interview mit dem wegen Vergewaltigung Angeklagten, in der Bild macht Alice Schwarzer Stimmung gegen den Wettermann und seine Anwälte, und in der Zeit schreibt Sabine Rückert ein ganzes Dossier über den neuen Rechtsvertreter (Johann Schwenn) des Angeklagten. Sie erwähnt nur nicht, dass sie bereits ein Buch über ihn geschrieben hat und Schwenn selbst via E-Mail bei Kachelmann ins Gespräch gebracht haben soll. Allerdings hält sich der Spiegel seit dem Interview auffällig zurück.

Der Abstieg des Konstatin Neven DuMont
Ein skurriler Fall: Konstantin Neven DuMont soll im Blog von Stefan Niggemeierentwickelte die Story eine solche Eigendynamik unter unzähligen Alias-Namen sehr viele Kommentare verfasst haben. Der 41-Jährige bestreitet dies, und abschließend beweisen lässt es sich auch nicht. Trotzdem , vor allem weil sich der Kölner nicht an ein Redeverbot des Vorstands hielt, dass Alfred Neven DuMont ein Machtwort sprechen musste und seinen Sohn aus dem Vorstand warf und von allen Herausgeberposten entband. Jetzt wartet Konstantin darauf, dass er seinen Verlagsanteil ausbezahlt bekommt.

Das (vorschnelle) Ende des Aust-Projektes
Über viele Monate hielt der ehemalige Spiegel-Chef Stefan Aus mit seinem Projekt eines neuen wöchentlichen Nachrichtenmagazins die Branche im Atem. Die WAZ finanzierte die Entwicklung und Springer sollte als Partner einsteigen. Doch dann entschlossen sich die beiden Verlage, das Heft mit Arbeitstitel "Woche", doch nicht zu bringen. Der Grund: die ungewisse Lage am Anzeigenmarkt. Heute, rund ein halbes Jahr später, sind alle Verlagsmanager mit der Umsatz-Entwicklung ihrer meisten Objekte zufrieden. Möglicherweise wurde das Aus für das Aust-Projekt also zu vorschnell getroffen.

Wenige Neustarts, aber viele Tests
Die Grazia war die Ausnahme: Ansonsten waren die Verlage in diesem Jahr äußerst vorsichtig mit ihren Print-Neustarts. Anstatt gleich eine extra Redaktion aufzubauen, ließen Burda, Springer & Co. lieber Testballons steigen, die von bestehenden Journalisten-Teams mitgemacht wurden. So produzierte die Hörzu/TV-Digital Heimat, die Freundin ihren Ableger Freundin Donna oder der Stern sein Jugendmagazin Yuno. Nach einem bestandenen Test durften die besten Konzepte in Serie. Der Nachteil: Ein aufmerksamkeitsstarker Start mit einem gewissen PR-Knalleffekt blieb aus. Der Vorteil: Die Kosten blieben unten. Nur bei Klambts Grazia lief es anders: Ganz altmodisch und mit viel Tamtam schickten die Rose-Brüder ihr neues Weekly an den Kiosk. Das Ergebnis: Bei der ersten IVW-Ausweisung meldete das Magazin respektable 157.112 Exemplare.

Wöchentliche Auflagengewinner
Der Trend ist eindeutig: Die Tageszeitungen verlieren weiterhin an Auflage. Die Gewinner sind FAS und Zeit. Zwei Qualitätsmedien, die auf eine wöchentliche Einordnung des politischen und gesellschaftlichen Geschehens setzten. In den vergangenen zwölf Monaten konnte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zwei Prozent gewinnen und kommt nun auf einen Gesamtverkauf von 352.936 Exemplare. Die Zeit liegt bei einem Plus von einem Prozent und kommt jetzt auf 493.991 Exemplare.

Der Sport Tag
Zwei Print-Konzepte fehlen noch immer auf dem Medienmarkt: Eine erfolgreiche Gratiszeitung und eine tägliche Sportzeitung. Mit dem Sport Tag scheiterte der nächste Versuch eine einheimische Gazetta dello Sport zu positionieren. Noch immer gilt wohl die Regel: Nur die Bild könnte eine tägliche Sport-Postille in den Markt drücken. Doch das will man bei Springer nicht. Die Kannibalisierungs-Schäden mit dem Boulevard-Blatt wären wohl zu groß. Wie heißt es doch auf Deutschlands Baustellen immer: "Die Bild les‘ ich nur wegen des guten Sportteils".

Die Machtübernahme von Yvonne Bauer
Mit viel Neid wird Altverleger Alfred Neven DuMont nach Hamburg geblickt haben: Kurz vor Ende des Jahres legte Heinz Bauer die verlegerische und kaufmännische Verantwortung für den familieneigenen Verlag in die Hände seiner Tochter Yvonne. Ihre Schwestern gingen leer aus, klagen aber nicht öffentlich. Die neue Chefin gilt jetzt schon als hart und wenig kompromissbereit. Das ganze Jahr über provozierte sie die Grossisten. Der Streit endete mit einem Austritt des Verlages aus dem VDZ. Mit diesem Schritt spart der Verlag wiederum die hohen Mitgliedsbeiträge. Und es ist ja allgemein bekannt: Über Einsparungen freut man sich in der Familie Bauer immer besonders.

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