„Tatort“: grandios inszenierter Horrortrip

Freispruch für einen Frauenschänder: Kommissar Batic zweifelt am Rechtsstaat und der Zuschauer an sich selbst. Der Münchner "Tatort: Nie wieder frei sein" ist ein beklemmender Film zwischen Justizthriller, Krimi und Vergewaltigungsdrama. Der Fall spielt mit Genre-Grenzen und den Wertmaßstäben des Fernsehpublikums, das er mit der Frage konfrontiert: geltendes Recht oder Gerechtigkeit? Bei Unklarheit über die TV-Pläne am Sonntagabend kann hingegen guten Gewissens geraten werden: in dubio pro ARD.

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Ein Lieferwagen fährt ins Bild. Eine vermummte Gestalt öffnet die Heckklappe und zerrt einen leblosen Körper wie Schlachtvieh aus dem Fahrzeug. In aller Seelenruhe entkleidet der Mann den Frauenkörper, besprüht ihn mit Desinfektionsmittel und stopft die Reste der blutigen Unterwäsche in einen Plastiksack. Noch ein Tritt, ob das Opfer auch wirklich tot ist, und er fährt davon. Nacht, Regen, Stille.

Nach diesem schonungslosen, von Regisseur Christian Zübert grandios inszenierten Prolog, beginnt der Münchner "Tatort" dort, wo konventionelle Krimis aufhören – im Gerichtssaal. Der unscheinbare Markus Rapp (Shenja Lacher) sitzt wegen Mordes an Bettina Krüger sowie Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank. Ihm Gegenüber, sein jüngstes Opfer Melanie Bauer (Anna Maria Sturm). Sie hat ihre Entführung und die Vergewaltigungs-Tortur mit Messerstichen und Schlägen überlebt, weil ihr Peiniger sie für tot hielt.

Die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) machen ihre Aussagen und die Staatsanwaltschaft legt die Beweise vor. Alle wissen, Rapp ist der Täter. Doch dann der Skandal: Durch einen juristischen Fehler kann das entscheidende Beweisstück nicht verwendet werden, und Melanie unterliegt dem Druck der kühlen Pflichtverteidigerin Regina Zimmer (exzellent besetzt mit Lisa Wagner). Das Vergewaltigungsopfer scheitert, als sie die Stimmidentifizierung des Täters wiederholen soll. Freispruch für den überführten Frauenschänder.

Die Angehörigen sind außer sich vor Wut. Ihr Glaube an die Justiz ist verloren. Selbst Batic hadert mit dem Rechstaat. Nach wie vor von der Schuld Rapps überzeugt, müssen die Kommissare nun einen Weg finden, ihn dennoch festzusetzen. Ohne Verurteilung kann Melanies Martyrium kein Ende nehmen. Ihre Beziehung ist bereits gescheitert, die Familie steht kurz vor dem Bruch und vom Waschzwang besteht die Haut an ihren Armen nur noch aus blutigen Fetzen.

Der BR macht Schluss mit lustig: Nach dem seichten "Schoko-Mord" präsentieren die Münchner diesmal einen beklemmenden Horrortrip, der den Zuschauer auch noch nach dem Abspann beschäftigen wird. Der "Tatort" verweigert sich allzu eindeutiger Antworten, ist klug genug, keine Schuldzuweisungen zu verteilen und überlässt den Zuschauer mit Fragen nach Recht und Gerechtigkeit am Ende sich selbst. Neben dem hervorragenden Ensemble und der erstklassigen Inszenierung gerät "Nie wieder frei sein" nicht zuletzt auch deshalb zum besten Fall seit langem.

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