Rückerts dubiose Kachelmann-Kampagne

Die Zeit-Reporterin Sabine Rückert hat bereits das zweite große Dossier zum Fall Kachelmann veröffentlicht. Darin prangert sie die Intransparenz des Verfahrens an, wirft dem Gericht vor, es befinde sich auf "Verurteilungskurs" und geißelt ein angeblich von Zeuginnen und dem Magazin Bunte gesponnenes Netzwerk. Die Connection zwischen Rückert und Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn bleibt allerdings unerwähnt. Die beiden bilden ein eingespieltes publizistisches Doppel, das sich gekonnt die Bälle zuspielt.

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Zu Beginn des Zeit-Dossiers mit dem martialischen Titel "Schlacht um Kachelmann" schreibt die mehrfach preisgekrönte Autorin von den vielen E-Mails, die in der Berichterstattung im Fall Kachelmann eine Rolle spielen: "E-Mails des Wettermoderators an seine zahllosen Geliebten. E-Mails diverser Ex-Freundinnen an die Staatsanwaltschaft Mannheim. E-Mails von Journalisten an verschiedene Ex-Geliebte. Eine E-Mail der Zeit-Gerichtsreporterin an Kachelmanns früheren Verteidiger.” Oh, könnte da ein aufmerksamer Zeit-Leser denken. Welche E-Mails schreibt denn die Zeit-Gerichtsreporterin, die hier von sich selbst in der dritten Person spricht, dem früheren Kachelmann-Verteidiger Ralf Birkenstock?

Es geht um eine Mail, die schon für einige Aufregung gesorgt hat, denn Zeit-Reporterin Sabine Rückert empfahl dem Anwalt Birkenstock in der Mail, seine Verteidigung zu ändern, wenn er mit ihr "zusammenkommen" wolle. Zitat aus Rückerts Mail: "Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in dem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist. Wenn Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, wen ich in einem solchen Falle wählen würde." Birkenstock ging nicht auf die Empfehlungen der Reporterin ein. Kurz darauf wurde das Wirken des Anwalts im ersten Zeit-Dossier Rückerts sehr kritisch bewertet.

Das Buch, um das es in der Mail geht, heißt "Unrecht im Namen des Volkes: Ein Justizirrtum und seine Folgen." Der Anwalt, um den es geht, heißt Johann Schwenn, mit dessen Hilfe Rückert das Buch verfasst hat. Im Buch geht es um zwei Fehlurteile in Vergewaltigungsprozessen. In beiden Fällen wurden Arbeiter unschuldig wegen Vergewaltigung verurteilt und verbüßten lange Haftstrafen. Ausschlaggebend für die Fehlurteile waren jeweils Aussagen der vermeintlichen Opfer und eines Netzwerks aus Unterstützerinnen, das diese um sich geschart hatten. Frau Rückert trat auch schon gemeinsam mit Johann Schwenn öffentlich auf, um das Buch zu promoten. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Aber es ist interessant dies im Hinterkopf zu haben, wenn man die aktuelle Berichterstattung der Zeit zum Fall Kachelmann verfolgt.

Gut möglich, dass die Reporterin und Autorin Rückert im Fall Kachelmann auch einen neuen Fall für das erprobte Duo Rückert/Schwenn sah. Ihre Mail an den ersten Kachelmann-Verteidiger Birkenstock legt dies jedenfalls nahe. Im aktuellen Zeit-Dossier geht es auch gleich weiter mit E-Mails von alten Bekannten. Von einer E-Mail sei nämlich noch nicht die Rede gewesen, schreibt Frau Rückert. Der Karosseriebauer Ralf Witte tritt auf, der am 24. November um 23.18 Uhr via E-Mail an Kachelmann schrieb. Auch Witte wurde unschuldig wegen Vergewaltigung verurteilt, und zwar am 7. Mai 2004. Nach einer Wiederaufnahme des Verfahrens wurde er am 8. September 2010 vom Landgericht Hannover freigesprochen, sein Anwalt hieß Johann Schwenn. Schwenn selbst hat den Fall in einer Abhandlung mit dem Titel "Erfahrungen in und aus Wiederaufnahmeverfahren" geschildert. Laut den Schilderungen in der aktuellen Zeit, überzeugte Witte den ARD-Wettermoderator bei einem persönlichen Gespräch in nur zehn Minuten, den Anwalt zu wechseln und statt auf Birkenstock auf Schwenn zu setzen. Immer ganz nah dabei: Sabine Rückert, die wörtlich zitieren kann, was Kachelmann und Witte besprochen haben.

Was folgt in dem Zeit-Dossier sind viele rhetorische Fragen ("Wird hier wirklich Simones Intimsphäre geschützt oder auch das unheilvolle Wirken eines Gerichts?") und Vorwürfe gegen die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Mannheim, der Rückert en passant unterstellt, "trotz dürftiger Beweislage auf Verurteilungskurs" zu sein. Sie begründet dies u.a. mit der schon länger zurückliegenden Ablehnung von Kachelmanns Haftbeschwerde durch die Mannheimer Richter. Vor allem aber stört sich Rückert, wie auch Anwalt Schwenn, daran, dass große Teile des Verfahrens unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden: “Inquisitionsprozesse fanden einst hinter dicken Mauern statt – seit mehr als einem Jahrhundert ist der Strafprozess in Deutschland jedoch öffentlich." Aber von "Transparenz oder gar der Kontrolle des Verfahrens durch die Öffentlichkeit" könne in Mannheim keine Rede sein.

Die mangelnde Transparenz in eigener Sache fällt in dem langen Zeit-Text eher beiläufig unter den Tisch. So werden beispielsweise in dem Zeit-Dossier sehr detailliert die Berichte von Burdas Bunte nachgezeichnet, in denen ehemalige Geliebte Kachelmanns reihenweise ihr Intimleben ausbreiten. Auch ein besonders wichtiger Fall wird nacherzählt, in dem eine Ex-Geliebte in Bunte sagt, Kachelmann habe mit ihr Sex gehabt, obwohl sie "Nein" gesagt habe. Diese Passage ist deshalb wichtig, weil die "Nein"-Aussage in dem polizeilichen Vernehmungsprotokoll fehlt, von der Zeugin aber in Bunte getätigt und später vor Gericht wiederholt wurde. Vor allem darauf konstruierte Kachelmanns Anwalt Schwenn eine Theorie, nach der Reporter der Bunten die Zeugin bezahlt und beeinflusst hätten, ihre Aussage zum Nachteil Kachelmanns zu ändern.

Allerdings hatte dieselbe Zeugin die "Nein"-Aussage bereits Monate vorher in der Bild am Sonntag getätigt – sie tauchte in dem BamS-Artikel nur unter einem anderen Pseudonym auf, was sowohl von Schwenn als auch von Sabine Rückert nicht erwähnt wird. Der Antrag Schwenns, deswegen die Redaktionsräume von Bunte und Focus durchsuchen zu lassen, um Verzehrbelege oder Vertragsvereinbarung über "mit Zeuginnen abgesprochenen Aussageinhalte" zu Tage zu fördern, mutet daher ein wenig naiv an, wenn man ihn beim Wort nimmt. Erstens wurde die beanstandete "Nein"-Aussage bereits in einem anderen Medium getätigt, zweitens, selbst wenn es solche Belege oder Verträge bei Bunte geben sollte, allerspätestens nach der lauten Durchsuchungs-Ankündigung des Strafverteidigers dürfte diese jetzt verschwunden sein.

Begreift man das Tun der Verteidigung als eine Strategie der größtmöglichen Verwirrung, um eine Revision des Verfahrens vorzubereiten, ergibt das natürlich einen Sinn. Sabine Rückert hat freilich eine eigene Lesart. Ihr zufolge hat sich ihr Buch-Partner Schwenn "vorgenommen, dieses von der Illustrierten mit den Zeuginnen gesponnene Netzwerk publik zu machen." Mit seinen Anträgen versuche Schwenn, "das Gericht in die Öffentlichkeit zu zwingen, wo es geht.”

Sabine Rückert schreibt in ihrem zweiten Zeit-Dossier zu dem Fall Kachelmann nichts faktisch Falsches. Sie ist gut informiert und offensichtlich sehr nah am Geschehen. Sie schreibt aber erkennbar aus der Perspektive der Verteidigung heraus und lässt – ob bewusst oder unbewusst – manches einfach weg, was den Lesern ihre eigenen Verflechtungen mit dem Verteidiger erhellen würden. Stoff genug für ein neues Buchprojekt der des Duos Rückert/Schwenn gäbe es jedenfalls schon jetzt mehr als reichlich.

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