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„Super Nanny“: Nörgel-Nonne im Sinkflug

Jahrelang war RTLs "Super Nanny" mega-erfolgreich: Weil das Thema alltäglicher Erziehungssackgassen Aufmerksamkeit band und Blicke in Kinderzimmer jener ermöglichte, die genauso scheiterten, wie Mutti und Vati auf der anderen Seite des Screens. Saalfrank polarisierte: Als emotionsarme Domina der Pädagogik rief sie zu Recht Kritiker auf den Plan, die sich Liebevolleres gewünscht hätten. Nun ist die Nanny im Sinkflug. Ein Grund: Im Gegensatz zum Kollegen Peter Zwegat fehlt es ihr an Authentizität.

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Zum Start des Erfolgsformates war das Genre der Coaching Formate im TV noch jung. Wieder einmal hatte RTL mit Saalfranks "Super Nanny" programmstrategisch zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan. Und lange lief es gut. Gebeugt, mit verschränkten Armen in Hartz-IV Furnierküchen herumzustehen und pseudotherapeutische Worthülsen in elterliche Randgruppen-Gesichter zu blasen, schien auf Dauer wohl selbst RTL für Träume vom ewigen Quotenerfolg zu dünn.  
So peppte man Katharina Saalfrank im Laufe der Zeit mit lebensverlängernden Korrekturen auf, um Formaterfolg zu stabilisieren. Man gab sich dabei wirklich Mühe: Das karge, ein wenig verhärmte Domina-Image sollte weicher wirken.
Im Laufe der kosmetischen Bemühungen schien es, als blitzten die begradigten Zähne Katharina Saalfranks weißer, ihre Haarfarbe veränderte sich von freundlich optimistischem Tiefschwarz in einen toskana-artig erdfarbenen Braunton. Der strenge Vorname Katharina wich dem freundschaftlichen Katia, selbst Klamotten, die so wirkten, als hätte die Nanny sie auf dem Weg zum Dreh aus einem Kleidersack am Straßenrand gezerrt, wurden aufgepeppt.
Auch, wenn Saalfrank nicht gerade beim senderinternen Benchmark der Körpersprache, Christian Rach, in die Schule ging, veränderte man ihre ewig verschränkten Arme, die wohl stets ihr selbst mehr Halt geben sollten, als ihren Klienten: Vielleicht im Wissen darum, dass es wenig glaubwürdig schien, wenn der vordringlich weibliche Beziehungsguru ein Sendungsbewusstsein von Offenheit körpersprachlich transportierte, wie eine verzickte Pubertierende, die im Wollpullover frierend an einer Bushaltestelle steht.
Spätestens, als selbst das Herumreichen der zunehmenden Kunstfigur Saalfrank in verschiedenen Talk-Shows crosspromo-mäßig nicht ganz die gewünschten Quotenerfolge förderte, muss der für Außenwirkung und Körpersprache verantwortliche Berater von Produktion und Sender das Thema "Lächeln" angesprochen haben. Denn seitdem lächelt Katharina, die nun Katia genannt werden soll, wie ein Reiseleiter für spirituelle Kräuterheilwanderungen mitten hinein ins pädagogische Grauen überforderter Elterngesichter: Nie wirklich liebevoll –  und leise von oben herab – sind ihre Analysen der aktuellen Situation, die sie als Bindeglied zwischen Handlungssträngen in die Kamera auf wehrlose Zuschauer herabdoziert.
Auf das nächste Entwicklungsfeld der produktionsinternen Qualitätskontrolle im Sektor Außenwirkung kann man getrost Wetten abschließen: Die Sprache. Typisch jene Szene, in welcher sie mit spürbar kontrolliertem Ärger Eltern auf ihren katastrophalen Umgang mit ihrem Kind ansprach und eigentlich hätte sagen müssen: "Stop. Das geht so gar nicht – spinnt Ihr?" Saalfrank schaute mit Magenfaltenmine die Eltern an und sagte in semitherapeutischem Singsang: "Ich breche dann mal meine Beobachtungsphase ab und spreche direkt mit Euch!" Kann man so machen.
Alle inhaltlichen Modifikationen des Formates hatten bislang wenig tragfähigen Erfolg: Man verzichtete auf die anfangs von der Fachwelt streng kritisierten Isolationsmaßnahmen unwilliger Kinder. Saalfrank saß nun mit den Familien an Küchentischen und malte Wünsche auf bunte Pappen wie beim gerontologischen Adventsbasteln mit Ilse und Kurt im Altersheim. Man veränderte Trailer und Titel des Formates, nachdem zwischenzeitliche Sondersendungen, etwa zum Thema der Adoption, nicht wirklich erfolgreich waren.
Weil  RTL seiner kachektischen Diplom-Pädagogin – wahrscheinlich aus Kostengründen – kein Wireless-Headset spendieren konnte, sieht man Katia inzwschen in dem neuen Format " Katia Saalfrank hilft" im audiophilen Life-Coaching in einem dunklen Raum vor Monitoren sitzen, während die Klienten-Eltern via In-Ears ihre detaillierten Verhaltensanweisungen umsetzen. Dann weht ein Hauch von CIA und Stasi für Arme durch den Fernseher.  Die Agentinnen-Kopie sitzt im Kabelgewirr mit zwei – vor dünne Lippen gepressten –  Sprachsendern vor dem Monitor. Zuschauer verfolgen diesen kurzatmigen Vitalisierungsimpuls des kränkelnden Formates via Split-Screen.
Hartnäckig also wurde aufgerüstet. Der Quote half das Pädagogen-Botox kaum. Wie – im guten Fall – eine Antwort zur Frage passen sollte, sollte die Weiterentwicklung von Formaten den verbesserungswürdigen Kern berühren. Bei der "Super Nanny" Katharina Saalfrank ist dies nicht gelungen. Isoliert betrachtet,  berührten alle Veränderungen in der Tat sinnvolle Aspekte. Allein: Den Lack eines Autos zu  polieren, wenn das Getriebe Geräusche macht, erzielt letztlich denselben Effekt, den die Gabe von Schmerztabletten bei einer ernsten Erkrankung erzielt.  Das hilft symptomatisch und verfehlt die Ursache: Katharina Saalfrank selbst.
Im Grunde genommen bildete die Außenwirkung Saalfranks von Beginn an eine – außerordentlich erfolgreiche – mediale Katastrophe. Auch, wenn der Kern der Marke Saalfrank nie wirklich beziehungsvoll und weich war, band die Nanny als Marke vielleicht gerade deshalb Zuschauerinteresse. Irgendwie zog diese Mischung aus schwarzer Domina mit dünnen Haaren, verbogener Haltung und therapeutischen Sprechblasen jene Zuschauer vor Schirme, die sie mochten –   und auch jene, die sich von ihr belästigt fühlten. All dies war jahrelang nicht durchgängig angenehm, aber halbwegs authentisch.
Diesem Kern der Marke sind weder Saalfrank selbst noch RTL treu geblieben. Identität ist so beliebig nicht: Man hatte eine kosmetisch korrigierte Kunstfigur mit polierter Oberfläche und gelernten Plastikgefühlen geschaffen. Das kann nicht erfolgreich sein – niemals. Zuschauer haben ein feines Gespür für Glaubwürdigkeit. Peter Zwegat etwa hat als Mann der Zahlen diesen Fehler nie gemacht. Er ist sich selbst im Kern spürbar treu geblieben, ohne abzuheben. Zwegat mit seiner  leisen, menschlichen Ungelenkigkeit ist in einer schrillen Art authentisch: Einer, der erstens hilft und zweitens zuschauerseitig Welpenschutzimpulse auslöst. Einer, der nie perfekt sein muss. Und: einer, der zu sich selbst stehen kann.
Im Gegensatz zu Zwegat hat Saalfrank schleichend den Kontakt zu jenem Boden verloren, der sie für viele stark gemacht haben muss. Wenn Fernsehfiguren damit beginnen, sich vordringlich selbst toll zu finden, gehen Glaubwürdigkeit und Quote irgendwann zwangsläufig verloren. Diese Erfahrung machen übrigens neben der Nanny seit längerem auch Kerner und Pocher. Und wenn eine Barbara Salesch inzwischen von "Meinem Gerichtsaal" spricht, ist auch hier wesentlicher Realitätsbezug verloren gegangen. Professionelle Deformation: Der Erfolg frisst seine Kinder.
Bei Saalfrank korrespondiert dies mit zwei zusätzlichen, generellen Spannungsfeldern, die insgesamt schwierig zu lösen sind: Die Eigendynamik des Life-Cycles von Formaten. Sie stellt die Frage, wie lange ein Format insgesamt erfolgreich sein kann, und wann es "durch ist".  Vieles spricht dafür, dass Saalfranks Formate den Zenit überschritten haben.
Das zweite Spannungsfeld besteht im grundsätzlichen Ansatz von Coaching überhaupt. Der nämlich begreift Beratung als zwischenzeitliche Unterstützung zur Selbsthilfe. Diese Dynamik bezieht Teile ihrer Existenzberechtigung aus der implementierten Endlichkeit: Coaching selbst ist nie eine Dauermaßnahme. Auch innerhalb dieser Betrachtungsebene müssen Endlosformate tragfähige Antworten finden. Das ist in der Tat nur bei oberflächlicher Betrachtung leicht und gilt für Rach ebenso, wie für Saalfrank und Zwegat.
Die einzig mögliche Antwort auf die Spannungsfelder beider Ebenen bestünde in der Bündelung und Konturierung von Glaubwürdigkeit der Protagonisten. Wie Sat.1 mit Kerner und Pocher, haben hier Saalfrank und RTL Wege der Gerätemedizin beschritten und Wesentliches nicht beachtet. So wird Lebendigkeit künstlich und Glaubwürdigkeit beliebig. Irgendwann werden die Maschinen abgeschaltet.
Saalfrank erhielt 2007 den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Bester TV Coach" und 2005 den Preis des beleidigten Zuschauers für die "Verletzung der Würde von Kindern in Extremsituationen". Der aktuell zu vergebende Preis ist ungleich wichtiger: Er besteht in einer präzisen Entscheidung, ob ihr eingeschlagener Weg der zunehmenden Unkenntlichkeit einer wachsend uniformeren Fernsehnase fortgesetzt werden soll. Hilfreich könnte jene realistischere Einschätzung eigener Bedeutung sein, die Saalfrank beide Füße wieder zurück auf die Erde bringt. Vielleicht könnten dann die behaupteten pädagogisch-therapeutischen Fähigkeiten der Super Nanny auch einer Katharina Saalfrank helfen.
Die Chancen dafür allerdings stehen schlecht. Mit ihrer ersten CD hat die Kunstfigur nun auch musikalisch an sich selbst herumgeschraubt. Vielleicht hat sie den Song auch ein wenig für sich selbst gesungen. Zumindest beschreibt der Titel etwas, dass einigen  Beobachtern der medialen Figur Katharina Saalfrank verlorenging: "Ein Funken Hoffnung".
Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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