Marke Wikileaks: was Verlage neidisch macht

Publishing Wikileaks-Gründer Julian Assange sitzt wegen Vergewaltigungsvorwürfen in U-Haft. Aber die Diskussion, ob die Enthüllungsplattform Fluch oder Segen ist, geht weiter. In einem Gastbeitrag für MEEDIA analysiert der Blogger Don Alphonso die Rolle von Wikileaks. Er sieht in in Wikileaks eine globale Medienmarke, die sogar über ein Geschäftsmodell im Web verfügt. Klassische Medienvertretern wie SZ-Reporter Hans Leyendecker oder Springer-Chef Döpfner sieht er im Vergleich mit dem Whistleblower-Portal im Nachteil.

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Man kann nicht behaupten, dass Wikileaks bei der Veröffentlichung von über 250.000 Botschaftsdepeschen ein warmer Empfang der Medien dieser Welt bereitet wurde. Kritische Stimmen, etwa von Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung, waren allenthalben zu hören, und verwiesen gern darauf, dass Wikileaks das Material nur "habe" – "einordnen" und "bewerten" würden es aber die Journalisten. Da wird ein wohlfeiler Unterschied gemacht zwischen dem, was geschrieben steht, und dem, was darüber geschrieben wird. Im normalen Medienbetrieb dominiert das "darüber schreiben" klar die Quellen, insofern mögen sich Leyendecker und seine kritischen Freunde auf der ganzen Welt zufrieden zurücklehnen: Wikileaks mag die Quellen haben, die Medien haben die Deutungshoheit darüber.

Trotzdem ist es vielleicht keine ganz dumme Idee, etwas zurückzutreten und Wikileaks nicht als hackende Skandalnudel mit dem eingesperrten Graf von Monte Christo des 21. Jahrhunderts an der Spitze zu betrechten, sondern als das, was es grundsätzlich ist: eine global agierende Medienmarke, die in mehreren Sprachen erscheint und theoretisch relevante Nachrichten für die ganze Welt und jedes Land bereitstellen kann. Während also Herr Leyendecker vielleicht eine Gefahr für einen bayerischen Staatsminister werden kann, umfasst der Markt von Wikileaks alle – jeden einzelnen Internetnutzer und alle, denen er davon erzählen kann. Leute wie meine Mutter, die kein Internet wollen, aber sich von mir vorlesen lassen, was bei Wikileaks über den Verteidigungsminister steht. Zwar versuchen die USA gerade, den heimischen Markt zu beschränken, aber so richtig will das nicht gelingen. Das ist ein ziemlich großer Markt, auf dem es wenige Konkurrenten gibt. Die BBC vielleicht. Eventuell, in manchen Kreisen, noch die New York Times. Danach wird es schon mau: Fox News, CNN, Al Jazeera, das chinesische Staatsfernsehen, sie alle haben – global gesehen – Anteile an Regionalmärkten. Wikileaks hat, nicht zuletzt dank der globalen Botschaftsdepeschen, alles.

Diese globale Marke, die quasi aus dem Nichts kam und heute bestimmt, was auf den Titelseiten der alten Medien steht, hat zudem noch etwas, von dem die Verleger von Herrn Leyendecker feucht träumen: ein funktionierendes Geschäftsmodell im Internet auf Basis der Einnahmen von Lesern. Und das ohne jede Abhängigkeit von Werbung. Während deutsche Manager wie Herr Döpfner noch von Kostenpflicht für Apps träumen, verzichten die Nutzer von Wikileaks freiwillig auf die Kostenloskultur der Organisation und zahlen, ohne dass man sie dazu verpflichten müsste. Wie man an Wikileaks sehr schön zeigen kann, sind Nutzer im Internet jederzeit bereit, den Gegenwert eines Bild-Abos zu spenden, wenn sie nur den Eindruck haben, dass es sich lohnt. Weiterführend könnte man überlegen, warum sich diese vorbildliche Mediennutzerhaltung bei Döpfners Angeboten nicht einstellen will. Aber vielleicht wären Herrn Döpfner auch Nutzer zu viel, die ihr Lieblingsmedium spiegeln, und damit natürlich im Gegensatz zum so sehnlichst gewünschten Leistungsschutzrecht stehen.

Vielleicht hat der bei Springer offenkundig grassierende Unmut über Julian Assange auch etwas damit zu tun, dass dem deutschen Unterschichtenleitmedium Bild vorgeführt wird, wie echte Leitmedien aussehen: Eine Bemerkung von Assange über den Besitz einer Festplatte einer amerikanischen Bank und die Kurse stürzen ab. Das ist der Impact, den Medienmanager gerne hätten. Oder die angenehme Vorstellung, mit einem Knopfdruck entscheiden zu können, bei welchem Potentaten sich die amerikanische Außenministerin heute entschuldigen muss. Mit so einem Einfluss könnte man Dutzende freundliche Interviews an höchster Stelle anleiern. Kai Diekmann bei Obama, Post von Wagner an die USA, ein Rundflug in der Airforce One, alle intimen Details der First Lady bei Bild, alles freiwillig, Möglichkeiten ohne Ende.

Dummerweise hat Wikileaks nicht vor, sich den Usancen des Medienbetriebs unterzuordnen, und verfolgt statt dessen das Ziel, einfach nur Informationen zur Verfügung zu stellen. Wie damit umzugehen ist, bleibt dem Nutzer und den Journalisten überlassen. "Medienhaus" ist Wikileaks nicht zum Selbstzweck, sondern nur aus der Notwenigkeit heraus, Regierungen und Firmen "offen zu halten" und vielleicht ist genau diese Irrelevanz klassischer Medienbedeutungsillusion im Sinne von Döpfner und Leyendecker das ganze Geheimnis des Erfolgs: eine globale Medienmarke, ein weltberühmter Chef, wirklich relevante Informationen, ein funktionierendes Geschäftsmodell im Internet, Leser, die für ihr Medium auf die Straße gehen und Banken aus dem Netz hacken, ein einzigartiger Vorrat an Nachrichten, keine Konkurrenz und obendrein die absolute Marktführerschaft. Würde Wikileaks jetzt noch in jedem Land zehn wirklich unabhängige Journalisten zur Einordnung bezahlen, wäre Herr Leyendecker sicher noch weniger angetan.

Aber vielleicht macht Herr Assange ja mal ein Praktikum bei den Könnern von der SZ oder der Bild und lernt dort, Klickstrecken anzulegen und Werbung zu verstecken. Damit er kapiert, wie man Medien im 21. Jahrhundert wirklich macht. Und dann vielleicht sogar zum Bundespresseball eingeladen wird, oder Handouts für Vorträge beim Netzwerk Recherche verteilen darf.
Don Alphonso
Don Alphonso schreibt für FAZ.net das log Stützen der Gesellschaft und betreibt privat u.a. die Weblogs Rebellen ohne Markt und Blogbar. Er galt als Schlüsselfigur der Web-Plattform Dotcomtod, die mit anonymen Insider-Infos die Zeit der so genannten New-Economy begleitet hat.

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